Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
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eigentlich;schon unwienerisch. Aber diese 'Differenzen sind > meines Bedünkens minder, groß, als etwa die zwischen einem Wiener Juden und einem Berliner. Juden. ° . Dokumentarisch wird sich ja. derlei nicht seststellen lassen. Es muß in der Hauptsache Gefühlsurteil bleiben. Als. zugezogener 'Fremder und genauer Kenner Berlins bin ich aber hierzu wohl einigermaßen befähigt und, falls ich mich nicht gänzlich getäuscht habe, würde das in interessanter Weise dartun, wie sich im Falle Wiens der Genius des Ortes stärker oder doch mindestens ebenbürtig erwiesen habe, als der Genius der Rasse. Das würde aber soviel heißen, als daß die „Wiener Rasse" kraft jahrtausendalter Vodensähigkeit sich derart zäh festgesetzt hat. Daß sie alle Aggregatkörper (wie die Slawen, mit denen sie sich vermischte, so auch die Juden, mit denen sie sich nicht vermischte) sich amalgamiert und nach ihrem Ebenbilde umformt. Nichts mehr könnte in stärkerem Grade beweisen, daß das Mischproduzieren der „Wiener Rasse" tatsächlich existiert, womit der alte Rassebegriff freilich aufgehoben wird, während ein neuer Vorstellungskreis sich siegreich in uns entfaltet." Auch in bezug auf die Schönheit, Anmut, Grazie und das Temperament der Wiener Jüdinnen weiß Franz Servaes sehr viel Interessantes und Amüsantes zu erzählen. Er ist ein galanter Herr, der den Wienerinnen sehr viel Schmeichelhaftes, ' Angenehmes und Verbindliches zu sagen weiß, und selbst wenn er einen leisen Tadel vorbringt, so geschieht das alles mit einer solchen Geschmeidigkeit und in so entgegenkommender Manier, daß man die Spitzen seiner Vorwürfe kaum bemerkt. Man muß gestehen, daß er in der Kennzeichnung der einzelnen Frauentypen, aus denen sich das bunte Gemisch der Wiener Weiblichkeit zusammensetzt, ein richtiges Urteil bekundet, daß er nicht übertreibt, sondern aufs eifrigste bemüht ist, die Wahrheit zu erforschen und sowohl die Licht-wie die Schattenseiten hervorzuheben. Für unsere Leser, beziehungsweise für den Zweck dieses Artikels werden in erster Linie die nachstehenden Auslassungen von Interesse und Wert sein: „Die — meistenteils jüdischen — Künstlerinnen bilden eine sehr bemerkenswerte Gruppe der Wiener feschen Frauen. Für Gräfinnen und Finanzdamen — eine sehr geläufige Mischung — sind sie mitunter tonangebend. Jedenfalls gehört zum guten Ton, mit ihnen zu verkehren, und sie zu Geselligkeiten heranzuziehen, natürlich soweit sie „möglich" find. Allmählich kehrt sich dann das Verhältnis allerdings meistens um, und die Gräfinnen geben für die Künstlerinnen den Ton an. Manche Künstlerin hat in der Hinsicht eine gefährliche Klippe zu passieren; denn es ist nicht immer günstig für Künstlerinnen, einen aristokratischen Verkehr zn haben. Dieser wirkt nur allzuoft, auch in produktiver Hinsicht, abschleifend, wird hierdurch zum Hindernis für die Behauptung und Entwicklung der Individualität. Nicht viele Künstlerinnen verstehen es, sich in der Gesellschaft so charaktervoll durchzusetzen wie beispielsweise die — jüdische Bildhauerin Theresa Feodorowna Ries. Freilich ist diese eine Russin, und sie versteht ihr Russentum sehr geschickt auszuspielen, gleichsam als Palladium ihrer Freiheit. Sie hat sich das Recht gesichert, ganz sie selbst zu sein — und dabei reist sie im Sommer von Schloß zu Schloß auf Besuch und sieht an ihren Empfangstagen oft mehrere hundert Personen aus der Finanz- Aristokratie und Künstlerwelt bei sich zu Gast... Natürlich beginnt auch das Universitätsstudium, langsam die Töchter der Wiener Bürger an sich zu ziehen, und zwar gehen hier, wie vielfach auch auf den anderen Gebieten, die Jüdinnen voran, durch Energie und Intelligenz sich vorteilhaft hervortuend. Ein besonders beliebter Typus ist die „Studentin" und die „Doktorin" freilich in der Wiener Gesellschaft einstweilen noch nicht. Um „fesch" zu sein, fehlt es diesen Damen doch manchmal an Zeitopfer oder auch an Naturbegabung." Man sieht, daß Franz Servaes, obschon oder weil er ein Reichsdeutscher ist, seine volle Unbefangenheit sich bewahrt hat und auch seinerseits ein „Urwiener" geworden ist, der alles durch die Brille seiner Humanität und seines Gerechtigkeitssinnes erblickt. Dr. Simon Schmsbocher. Von L. A. Trachtenberg. m 18./29. Februar des Jahres 1855 schloß in Petersburg der eiserne Nikolaus I. für immer die Augen. Den Thron seiner Väter bestieg am Tage darauf der milde Alexander IL, der spätere Zar-Befreier, und auch — der Zar-. Märtyrer! Der Feldzug in der Krim, nach der heldenmütigen Verteidigung der Festung Sebastopol durch den genialen und talentvollen Totleben, ging seinem Ende entgegen. . Am 30. März des Jahres 1856 wurde endlich der so langersehnte Friede in Paris geschlossen. Der Reichskanzler Fürst Gortschakow sprach damals das berühmte Wort „La Russie se recueille!“ aus. Ja, mit der Thronbesteigung des edlen Kaisers Alexander II., eines zweiten Kaisers Josef II., begann eine neüe^ Aera in Rußland. Man fühlte das Wehen einer neuen ZeE Ein neues Blatt öffnete sich im Geschichtbuche, des vom Westeu weit entfernten Reiches der Russen, und Klio nahm den Griffel in die Hand, um die großen, historisch-denkwürdigen Ereignisse, mit goldenen Lettern in ihre Analen einzutragen! Wie mit einem Zauberstabe verwandelte sich nunmehr alles; man vernahm plötzlich eine Sprache, die man bis dahin nicht gewöhnt war, zu hören. Alle Nationalitäten', die im Lande wohnten, nahmen tätigen Anteil an der Wiedergeburt des Vaterlandes. Ganz natürlich auch die Juden, die Parias der Gesellschaft, die von der Negierung noch stiefmütterlicher behandelt wurden, und die nach Freiheit lechzten. Auch die Stimme der verfolgten und erniedrigten Söhne Jakobs wurde in den Spalten der russischen Presse vernommen. In Odessa, einer der größten und gebildetsten Gemeinde im russischen Reiche, wurde ganz besonders der Anbruch dieser schönen, hoffnungsvollen Zeit mit unendlichem Jubel begrüßt. Da war es der kluge Rechtsanwalt Osip Rabinowitsch, seligen Andenkens, im Verein mit dem gebildeten Joachim Tarnopol, welch ersterer schon damals als russischer Schriftsteller bekannt war, der das erste russisch-jüdische Organ, den „Rasswet“, 1860 begründete. (Russisch bedeutet das Wort „Rasswet" soviel als die Dämmerung.) Und in der Tat, die lange, dunkle Nacht begann zu weichen, und am Firmament erstrahlten die ersten Lichtpunkte. Ehe aber die erste Nummer des ersten jüdischen Blattes in russischer Sprache das Licht der Welt erblickte, dachte bereits die fortgeschrittene intelligente Gemeinde ernstlich daran', einen Mann an die Spitze zu stellen, der - diese vollkommen reorganisieren sollte. Aber ein solcher Mann war im ganzen Lande, selbst mit einer Laterne in der Hand, nicht zu finden. Da wendeten sich die Blicke nach dem nahen Oesterreich. In Lemberg, in dieser alten jüdischen Kehilla, saß damals auf dem Nabbinatsstühle Dr. Simon L. Schwabacher, ein Deutscher aus Württemberg, ein würdiger Nachfolger des wackeren Abraham Kohn, seligen Angedenkens, der in so tragischer Weise seinen frühzeitigen Tod gefunden. Da war es mein seliger Oheim, der energische Moses Trachtenberg, nach Besprechung und reiflicher Ueberlegung mit seinen beiden älteren Brüdern Bermann und meinem gottseligen Vater Abraham, den damaligen Führern der intelligenten Gemeinde, und noch anderen Gesinnungsgenossen, der die Sache in die Hand nahm, Dr. Schwabacher zu bewegen, nach Odessa zu gehen. Der 45 jährige Mann, der als Rabbiner und Prediger der Lemberger Kultusgemeinde aus Lebenszeit engagiert war, und einen guten Posten bekleidete, konnte sich natürlich nicht so rasch entschließen, seine gesicherte Stellung , auszugeben Und nach einem fremden Lande zu ziehen, dessen Sprache und Sitten ihm gänzlich unbekannt wareü- und wo er, demrussischen Gesetze gemäß, bloß auf drei Jahre gewählt