Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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. 3. Köthnerstr. :: . Berlin, den 23. Februar 1869. Sehr verehrter Herr Doctor^ . Unwohlsein und eine volle Last unabweisbarer Geschäfte haben die Antwort auf Ihre freundliche Zuschrift bis heute verzögert. Mit steigendem Interesse habe ich die Schrift gelesen,-und mit dankbarem Gefühl habe ich mich .immer mehr überzeugt, wie umsichtig und liebevoll Sie in meine parlamentarische Thätigkeit sich hineingelebt, wie wohlwollend Sie Ihre Kritik angelegt haben. Ueber das vielfach gespendete Lob schweige ich; Sie glauben der Versicherung, daß Sie gar oft mich überrascht und nicht selten an Vergessenes mich erinnert Haben. Wo Sie in so schonender Ausdrucksweise Ihre abweichende Meinung zu erkennen geben, habe ich überall den ächten Freundesdienst wahrgenommen. Gerade über diese Punkte wünsche ich meine Gedanken mit Ihnen auszutaufchen; leider muß ich bis zum Schlüsse des Landtages mir diesen Wunsch versagen, weil mir fast gar keine Muße zu Gebote steht. Inzwischen bitte ich abschlagsweise meinen Dank für Ihr großes Interesse an meiner Person anzunehmen. Sie schließen Ihre Bemerkungen sehr richtig mit einem Hinweis auf die Ansprüche der Zukunft; vor Selbstgenügsamkeit bin ich sicher, vor Verzagen schützt die drängende Gegenwart, welche zu zweifelnden Betrachtungen keine Zeit läßt. Mit achtungsvollem und freundschaftlichem Gruße . Ihr Eduard Laster. Lin christliches Arteil über das Wiener Judentum. Von Dr. Adolph Kohut. der Stadt Luegers und der Christlich-Sozialen, wo seit Jahrzehnten die Hetze gegen die Israeliten so üppig blüht und alles was freisinnig, freiheitlich und philosemitisch ist, von den Bütteln des Herrn von Wien aufs schmählichste angegriffen, angefeindet und mit Schmutz beworfen wird, ist ein Wunder geschehen. Ein geistreicher, 7 scharfsinniger und graziöser Schriftsteller hatte soeben den Mut (wenn auch nur indirekt), seine Stimme gegen das wüste Treiben und Gebühren der wilden Kohorte zu erheben, und in einem wunderhübsch geschriebenen und Prächtig illustrierten soeben erschienenen Werke, betitelt: „Wien. Briefe an eine Freundin in Berlin" (Verlag von Klinckhardt und Biermann in Leipzig), dem Wiener Judentum, den Söhnen und Töchtern Israels, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dieser kühne Mann ist der bekannte waschechte christlich-germanische und arische Schriftsteller Franz Servaes, der auf verschiedenen Gebieten der Literatur und Kunstwissenschaft sich hervorgetan hat. Ich nenne hier von seinen kritisch-biographischen Werken nur die folgenden: „Die Poetik Gottscheds und der Schweizer", „Berliner Kunstfrühling", „Goethe am Ausgang des Jahrhunderts", „Präludien „Ein Essaybuch", „Heinrich von Kleist", „Giovanni Segantmi. Sein Leben und sein Werk", „Max Klinger", „Theodor Fontane", „Albrecht Dürer", „Shakespeare". Bon seinen dramatischen: die moderne Tragödie „Stickluft", das dreiaktige Drama „Der neue Tag" und das Lustspiel „Jungfrau Ambrosia" und von seinen übrigen belletristischen Sachen den Roman: „Gärungen. Aus dem Leben unserer Zeit", sowie die Novellen „Karraborrier" und „Eine Anti-Utopie". . ' . Ich kann hier auf den Inhalt des-Werkes „Wien" nicht näher eingehen, sondern nur die Ansichten des Verfassers über die Juden sowie über den Einfluß, den das Judentum auf das Wiener Leben geübt hat, auszugsweise reproduzieren. » In dem Kapitel über die einzelnen Nationalitäten, die seit Jahrhunderten in der Stadt an der schönen blauen Donau den Typus des Wieners geschaffen haben, spricht er auch von dem „jüdischen Einschlag", der sich mit der.Zeit immer mehr bemerkbar gemacht habe. Es. heißt dann dort wörtlich: „Die Juden in Wien, das ist ein eigenes Kapitel. Ich will Sie jedoch gleich beruhigen, verehrte Freundin, ich glaube nicht im mindesten daran, daß die Juden für das Wiener Volkstum bedrohlich sind. Im Gegenteil, gerade den Juden gegenüber hat Wien die Festigkeit seiner Eigenart aufs glänzendste vewiesen, es hat sie in solch hervorragendem Maße zu „Wienern" gemacht, daß es daraufhin eigentlich beruhigt schlafen könnte. Das täte es vielleicht auch, wenn nicht grade die Juden ein äußerst wacherhaltendes Element wären — Gott.sei Dank! füge ich aus aufrichtigem Herzen hinzu. Wiens östliche Lage hat es zu einen Art von Stapelplatz für das gesamte öst-europäische Judentum gemacht, und das hat sich schon frühzeitig herausgestellt. Wie es scheint, fing die Zuflußbewegung zu Beginn des 17. Jahrhunderts an, stärker zu werden, so daß der hohe Rat sich 1625 bewogen fühlte, den Juden die Leopoldstadt als ihr Ghetto auzuweisen, dort haben sie sich dann auch bis auf den heutigen Tag besonders zahlreich erhalten. Zwar wurden sie vorübergehend (1670) aus ihrer Stätte vertrieben, ihre abermalige Zulassung erwies sich jedoch sehr bald als unabweislich. 1782 unter Joseph II. kam dann das Toleranzedikt für die Juden, sehr im Gegensatz zu den Neigungen der Bevölkerungsmajorität, und es bedurfte erst der Stürmendes 1848 er Jahres, um den Juden höhere Bewegungsfreiheit zu sichern. In den zwei Menschenaltern, die seitdem verstrichen sind, haben sich die Wiener Juden nicht bloß in' nie dagewesener Weise vermehrt sondern vor allem auch an Macht, Reichtum und Einfluß ungeheuer zugenommen. Heute ist Wien ohne die Juden einfach undenkbar. Daß hier ein Geschichtsprozeß sich abgespielt hat und noch abspielt, ist unbestreitbar. Ein Paar Zeilen mögen es illustrieren. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts machten die Juden mit der Kopfzahl von 1200 Angehörigen ungefähr V2 .Prozent von Wiens Bevölkerung aus, etwa zwei Menschenalter später umfaßten sie bereits s/3 Prozent und am Schluß des Jahrhunderts dürfte sich ihre Zahl gegen den Beginn verhundertfacht haben, was in Prozenten 12,4 der Gesamtheit bedeutet. Durch die damalige Erweiterung des Stadtgebietes, wodurch ein Zuwachs von ganz überwiegender christlicher Bevölkerung herbeigeführt wurde, gelang es, dieses Verhältnis auf 8,7 Prozent herabzudrücken (147000 Köpfe). Wie die Verschiebung in den seither verstrichenen sieben bis acht Jahren sich gestaltet hat, ist mir unbekannt, kommt aber für uns kaum in Betracht. Das immense Anwachsen des Judentums innerhalb Wiens wird Ihnen aber hiermit klar geworden, sein, beste Freundin. Für unsere rasseu-pshchologische Betrachtung ist nun das Interessante dieses, daß diese etwa IVa Hunderttausend Juden sich mit der übrigen Bevölkerung so gut wie gar nicht vermischt, sondern im wesentlichen rein erhalten haben, daß sie aber trotzdem zum großen Teil (sofern sie nicht frisch aus Rumänien oder Galizien) importiert sind, äußerlich nicht sehr viel Semitisches verraten, vielmehr in überraschender Weise einen leicht orientalischen Typus vermischter Wiener und Wienerinnen repräsentieren. Auch sonst nach Art und Gemüt sind sie vielfach vollendete Wiener geworden und sprechen die gleiche schmeichlerische Mundart wie die übrigen. Ja, sie haben die Wiener Charakterzüge, wie das in der Natur ihres Temperaments liegt, oft leidenschaftlich in sich ausgenommen und stellen sie in prononzirtester Form aus sich heraus. Vor allem aber sind sie gegen diese Stadt, in der sie doch recht viele Anfeindungen erduldet, von einer schwärmerischen Liebe erfüllt. Sie haben sich vollgesogen mit den Linien und Farben der Wiener Landschaft, haben sich berauscht, an der Wiener Musik und dem Wiener Leben, und sie möchten auf der ganzen Welt nirgendwo anders leben als eben in Wien. Gewiß wird man bei schärferer Beobachtung mancherlei Unterschiede zwischen einem jüdischen Wiener und einem „Urwiener" herausfinden. Gerade das Prononzirt-Wienerische manches Juden ist