Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
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vergeblich, zugunsten des bedrückten Finnland aus. Auch jetzt geht Finnland wieder einer trüben Zeit entgegen. Die Finnländer klagen unaufhörlich über die Bedrohung ihrer Rechte. Aber den Juden verweigern sie die elementarsten Menschenrechten . ■ * Die Juden in Buchara, von denen man sonst wenig hört, stehen gegenwärtig im Mittelpunkt einer aus mehreren Gründen nicht uninteressanten Diskussion. Sie wandten sich nämlich vor kurzem an den Ministerrat in Petersburg mit dem Ersuchen, das Gesetz vom Jahre 1900 zurückzunehmen oder einstweilen zu suspendieren, bis die allgemeine jüdische Frage in Rußland geregelt werde. Das genannte Gesetz stellt die Juden in Buchara den übrigen russischen Juden gleich, das heißt, es unterwirft sie derselben Rechtlosigkeit und denselben Beschränkungen, denen ihre übrigen Glaubensgenossen unterworfen sind. Da nun aber die Juden in. Buchara hauptsächlich Kausleute sind und die Waren zum allergrößten Teile aus Rußland beziehen, so sind sie gezwungen, von Zeit zu Zeit in die Zentren der russischen Industrie zu reisen, um dort persönlich ihre Einkäufe zu machen; in der letzten Zeit hat man ihnen aber dgbei große Schwierigkeiten bereitet, Das Gesuch der Juden aus Buchara hat nun, wie gesagt, eine sehr lebhafte Diskussion hervorgerusen, weil mit dieser Frage auch die Interessen eines großen Teiles der russischen Export-Industrie eng verknüpft sind. Nach der russischen Handelsstatistik beziehen die Juden aus Buchara jährlich ungefähr für dreißig Millionen Rubel (etwa 65 Millionen Mark) russische Waren und verbreiten sie in Mittelasien, in Afghanistan und auch in Persien. Sie stellen somit die Vermittler zwischen dein europäischen Rußland und. Asien dar. Die Moskauer Kaufmannschaft unterstützt deshalb das Gesuch der Bucharischen Juden, weil die große Moskauer Textil-Jndustrie direkt auf den Absatz der Bucharischen Juden angewiesen ist. Würde man den letzteren jetzt verbieten, in Rußland zu reisen, so würden jedenfalls die Moskauer Firmenam meisten darunter leiden, vielleicht sogar ihr Absatzgebiet zugunsten der englischen oder einer anderen ausländischen Industrie gänzlich verlieren. Eduard Lasker. Zur Erinnerung. m 5. d. M. waren 25 Jahre verflossen, daß Eduard Lasker gestorben ist. Es war selbstverständlich, daß dieser Tag nicht unbeachtet vorübergehen würde. Die Hauptfeier fand am Grabe des großen Parlamentariers in der feierlich geschmückten Kapelle auf dem alten jüdischen Friedhof (Schönhauser Allee) statt. Dort versammelte sich eine große Schar, um Eduard Laskers anläßlich der 25. Wiederkehr seines Todestages zu gedenken. Der Gesang des Chors aus der Synagoge in der Lindenstraße leitete die ernste Feier ein. Alsdann gab Abgeordneter Karl Schräder ein Lebensbild des Verblichenen: Jene Zeit, in der ein Lasker als Führer des selbstbewußten, den Fortschritt erstrebenden Bürgertums an der Größe und Einheit des Vaterlandes mitbauen hals, ist fast vergessen; über dem Namen Bismarck ist alles andere in den Schatten getreten. Und doch war die Arbeit Laskers, der durch nichts ausgezeichnet wurde, als was er selber war, und seiner Freunde keine geringe. Sie halfen redlich und voll hoher Ideale den einheitlichen Ausbau des Reiches fördern, trotz aller reaktionären und partikularistischen Gegenströmungen. In jenen Jahren, wo unsere neue Justiz- und Gewerbegesetzgebung geschaffen, unser Militärwesen vereinheitlicht wurde, zeigte sich Laskers übergroße Arbeitskraft, das Einsetzen seiner, vollen Persönlichkeit. Unter der gewaltigen Last der Arbeit, die er, der uneigennützige Patriot, stets hilfsbereite Menschenfreund, sich ausgebürdet hatte, brach er 1875 nieder. Noch einmal raffte er sich empor. Als aber 1876 der innere Ausbau Deutschlands wesentlich im liberalen Sinne, im Sinne des aufstrebenden Bürgertums vollendet wurde, da sollte Lasker manch herben Schmerz erleben. Bismarck, der sich mit den Konservativen und dem Zentrum ausgesöhnt hatte, wandelte andere Wege. Lasker und seine Freunde, bisher die treuesten Kämpfer des eisernen Kanzlers wurden in die Opposition gedrängt; es kam zur Spaltung in der nationalliberalen Partei. Aber Lasker wurde trotz aller Enttäuschungen nicht verbittert. Seinen Bemühungen ist es vor allem zu danken, daß das Krankenversicherungsgesetz im Reichstag durchging. Fern von der Heimat, im freien Amerika suchte er neuen Lebensmut. Z^ort ereilte ihn der Tod. Manch schmerzliche Enttäuschung ist ihm, dem Optimisten, dadurch erspart worden. Als er hier in die Erde gebettet wurde, da hielt man jede behördliche Beteiligung peinlich fern, aber das Bürgertum scharte sich um die Bahre des Mannes, der selbstlos für seine Ideale gekämpft hatte. Eine spätere Zeit, die unbefangen über die Gründung und Entwicklung des Deutschen Reiches urteilen wird, dürste den Führern des Liberalismus und vor allem einem Eduard Lasker ihren großen Anteil daran voll anerkennen. Gesang schloß die würdige Feier. In andächtiger Stimmung zogen die meisten zu der mit Kränzen und Blumen geschmückten Grabstätte. Er ruht in der Ehrenreihe, neben ihm sein Freund, der Parlamentarier Ludwig Bamberger. Ueber ihrem Hügel liest man die Inschrift: Hier ruhen im Tode vereint, die im Leben gemeinsames Streben für Deutschlands Einheit und Freiheit verband. — Es ist natürlich, daß alle liberalen Blätter bei diesem Anlasse das Andenken Laskers feierten. Vielfach wurde' dabei. auch die vortreffliche Biographie des großen Toten benutzt, die Rabbiner Dr. Tobias Cohn seligen Angedenkens seinerzeit geschrieben hat. Durch die Güte der Familie sind wir heute in den Stand gesetzt, Briefe aus der Korrespondenz Eduard Laskers mit Dr. Tobias Cohn veröffentlichen zu können. Diese Biographie erschien zuerst in dem „Jahrbuch für Geschichte der Juden" 1869. Die Fortsetzung erschien später nach Laskers Tode und besprach besonders seine tonangebende Wirksamkeit im Kampfe gegen das Gründertum, Laskers Entzweiung mit Bismarck und seinen einsamen Tod im fremden Erdteil. — Die Briefe Laskers geben vor allem Zeugnis von der großen Bescheidenheit des ausgezeichneten Mannes. Sie lauten wie folgt: 3. Köthnerstr. Berlin den 3. October 1868. Sehr geehrter Herr Doctor. Ihr freundlicher Brief ist mir nachgesandt worden, aber wie die meisten anderen Briefe während meiner dreimonatlichen Reise unbeantwortet geblieben, weil ich meine. Korrespondenz fast ganz eingestellt hatte. Nach meiner Rückkehr nun beeile ich mich, für Ihre bezeugte Freundlichkeit meinen Dank abzustatten. Es ist für mich sehr ehrend, wenn ein ernster Mann mit wissenschaftlichem Fleiße mir und meinem Wirken seine Aufmerksamkeit zuwendet; ich habe das Zutrauen, daß Sie mir nicht zu viele Nachsicht geschenkt und kein unverdientes Maß von Verdiensten zugeschrieben haben. Doppelt erfreut werde ich sein, wenn ich Winke finde, die mir zum Anhalt in meinem ferner« Leben dienlich werden. Mit freundlichem Gruße verbleibe ich Achtungsvoll Ihr ~ - Lasker.