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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-15 · Heft 3 (15.1.1909) · p. Seite 27

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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Bit Woche. Berlin, 12. Januar, ie langsame aber sichere Auflösung, der verschiedenen Assoziationen des Radau-Antisemitismus ist ein interessantes Schauspiel. So hat jetzt auch der antisemitische Volksbund, eine Gründung des Ghmnafialprofessors Paul Förster, sein Dasein endgültig beschlossen. ' Wir hatten schon erwähnt, daß das Verlagsrecht der „Deutschen Hochwacht", des Organs des Volksbundes, öffentlich versteigert werden' sollte. Den Rest scheinen dem Blatt und der Organisation grobe Verjrauensmißbräuche in der Kasse gegeben zu haben. Auch in der antisemitischen Reformpartei. kracht es bedenklich. Der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bruhn ist aus der Partei ausgeschieden. In, einem vertraulichen Zirkular heißt es: „Der Deutsche Antrsemiten-Bund ist in Gefahr, aufgeriebenzu werden". Die- Konflikte zwischen dem Deutschen Antisemiten-Bunde (D. A. B.) und der Parteileitung der Reform- Partei haben zu völliger Trennung geführt. Nicht viel besser geht es in der Mittelstands-Vereinigung zu. Man fängt schon an, die Geschichte des Antisemitismus zu schreiben. Und da hat Herr Liebermann von Sonnenberg, originell wie immer, entdeckt, daß man ihm und den Herren Stöcker, Böckel, Ahlwardt und Konsorten bitteres Unrecht getan habe. Nicht den Haß gegen die Juden, sondern mildes Verzeihen haben sie gepredigt; sie haben die Juden gegen die Ausbrüche einer (nola bene erst von ihnen entsprechend fanatisierten) Volksmenge geschützt, diese wahren Apostel der Humanität! Und die Juden, die doch alle Veranlassung hätten, durch eine Deputation ihrer Shnagogeuvorsteher sich bei Herrn Liebermann von Sonnenberg für diesen ritterlichen Schutz zu bedanken, sind noch immer verstockt genug, diese menschenfreundliche Absicht der Antisemiten nicht anzuerkennen. Die Berechtigung der Klage, daß jüdische Militärärzte I in Preußen nicht mehr angestellt werden, ist selbst in Kreisen! zugegeben worden, die für die volle Durchführung der Gleichberechtigung sonst nicht gerade enthusiastisch eintreten. Nun mußte doch aber ein Grund für diese Zurücksetzung gefunden werden. Und ein Breslauer Pastor Dr. Nitschke war in der Tat so glücklich, einen solchen zu finden. Er hatte öffentlich erklärt, bis nach 1870 hätte es in der preußischen Armee jüdische Militärärzte gegeben. Es seien aber soviele Durchstechereien beim Ausheben von.Rekruten vorgekommen, daß die Heeresleitung sich genötigt sah, von der Mitwirkung jüdischer Militärärzte abzusehen. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sich,daraufhin an das Kriegsministerium mit der Bitte um Auskunft gewandt, ob in der Tat jüdische Militärärzte sich derartiger Vergehen schuldig gemacht hätten. Der Kriegsminister v. Einem erteilte hieraus, nachstehenden Bescheid:. Aus Ihre Eingabe vom 19. November d. I. erwidere ich Ihnen ergebenst, daß Fälle, in denen sich jüdische Militärärzte Durchstechereien aus Anlaß der Rekrutierungsgeschäfte schuldig gemacht und Anlaß zu gerichtlichem Einschreiten gegeben hätten, mir aus meinem Geschäftsbereich nicht bekannt geworden sind. Run hat der Herr Pastor das Wort! «4k . Wie ein Vermächtnis aus trübstem Mittelalter lastet bis auf den heutigen Tag ein beispiellos rigoroses Ausnahmerecht über der Judenheit Finnlands. Vor kurzem hat Georg Brandes einige Proben dieses Elends zur Kenntnis der europäischen Oeffentlichkeit gebracht, aber in den letzten Tagen sind diese Mitteilungen, wie man der „Ruff. Korr:" aus. Helsingsors schreibt, durch weit schlimmere Vorgänge überboten' worden. Momentan werden etwa 30 arme jüdische Familien, mitten im rauhen Winter aus dem Lande ausgewiesen, und das gleiche Schicksal kann dort alle anderen Juden treffen. Darf doch bis jetzt ein Jude nur in den drei Städten Helsingsors, Abo und Wiborg - wohnen, und auch dieses Wohnrecht ist mit unglaublich entwürdigenden Bestimmungen verbunden.. Obwohl die meisten Juden im Lande geboren und auferzogen sind, muß dessenungeachtet ein jeder von ihnen alle sechs . Monate einen Aufenthaltsschein erhalten, in dem, angegeben wird, daß er nur mit Zigaretten, alten Kleidern und ähnlichem Kram handeln darf. Wenn ein Jude sich aber verheiratet, soll er sogar laut des Gesetzes des Landes verwiesen werden. Wo nun das verrostete Gesetz solche Barbareien und Absurditäten kennt, da bleibt die oberste russische Verwaltungsspitze erst recht nicht zurück und drängt gewöhnlich auf Jnne- Haltung des gültigen Rechts. Eine Zeitlang schien allerdings auch im Schicksal der sinnländischen Juden eine Wendung ein- ' treten zu sollen. Denn als die große russische Freiheitsbewegung auch nach Finnland hinübergriff und mannigfaltige Humanitätsgefühle. auslöste, da trat zugleich eine gewisse Strömung zugunsten der Verfolgtesten der Verfolgten hervor. Mit Sem, Vordringen der russischen Reaktion ist jedoch auch diese Frage von der Tagesordnung verschwunden, und die Juden Finnlands leben nunmehr in einer panikartigen Stimmung, stets voll Furcht vor Ausweisungskatastrophen. Ueber die rechtliche Stellung der jetzt so hartbedrängten Juden in Finnland wird uns folgendes mitgeteilt: „Den Juden wurde in Finnland auch nach der Vereinigung mit Rußland (1809) der Aufenthalt nicht gestattet. Man berief sich damals sonderbarerweise auf einen aus dem 18. Jahrhundert kommenden schwedischen Reichstagsbeschluß wonach Juden auf Grund eines „Schutzbriefes" nur in den Städten Stockholm, Gotenburg oder Norrköping wohnen durften. Im Jahre 1853 erschien eine kaiserlicheVerordnung, der zufolge ehemalige russischeSoldaten oder Matrosen, sowie Witwen und Kinder von solchen unter gewissen Bedingungen in Finnland Wohnsitz nehmen konnten. Unter den Personen, die von. dieser Bewilligung Gebrauch machten, befanden sich auch Bekenner der mosaischen Religion, und aus diese Art entstanden in Finnland kleine jüdische Kolonien, die sich hauptsächlich auf Helsingsors, Abo und Wiborg beschränkten und gegenwärtig insgesamt etwa 1000 Köpfe zählen dürften. Die Freiheiten, die-jene Verordnung auch den Juden gewährte, suchte der finnische Senat später nach Möglichkeit einzuschränken. Im Jahre 1889 schloß er nicht bloß die jüdischen Kinder vom Besuch der staatlichen Schulen aus, sondern bestimmte auch, daß die in Finnland wohnenden Juden alle sechs Monate für schweres Geld eine Ausenthaltskarte lösen müssen, worin vermerkt steht, welche Erwerbszweige die jüdische Bevölkerung ausüben darf. Ob die Karte verlängert wird, hängt vom Gutbefinden des Senats ab, und es sind im Laufe der Zeit tatsächlich viele Juden ausgewiesen worden. Schon während des Ständelandtages wurden Versuche gemacht, diesen mittelalterlichen Zuständen abzuhelsen. so im Jahre 1872, wo der spätere Chef des finnischen Senats, L. Mechelin, einen entsprechenden Antrag im Adelsstände einbrachte. Aber dieser und ähnliche Anträge scheiterten teils an den altfinnisckenMehrheiten im Priester- und im Bauernstand, teils an dem antisemitischen Einfluß der höheren Regierungskreise. Tom letzten Landtag.Mg -wieder ein Antrag auf Gleichstellung der Juden mit den übrigen Einwohnern vor, doch kam er gar nicht zur Verhandlung,, und welche Gesinnung der jetzige Koalitionssenat den Juden enigegenbringt, zeigen die Ausweisungen. Finnlan d hat von 1899 bis .190.5 eine schwere Unterdrückungsperiode durchgemacht, in der es das Mitleid Europas anries; Gelehrte und Politiker aller Länder traten damals, wenn auch

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