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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-08 · Heft 2 (8.1.1909) · p. Seite 24

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
Seite 24 (sequence 12)
Language
German
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Worte bestätigt. Daraufhin, habe man-dw Stadtknechte gegen 'Nußdorf gesendet, um das Haus zu. ...untersuchen und den Juden zu. verhaften, habe, auch die 3ÖQ; Goldgulden in einem leinenen,.Säckel gefunden, aber von dem Schmucke nirgend bie geringste Spur entdeckt. Da die ganze Angabe jedoch .durch des Herrn Diether Schlagnitweit adelig Ritterwort bestätigt, so müsse der Jude trotz seines Leugnens wegen Wucher und Betrug verurteilt werden. . . Der Schreiber des Gerichts setzte sich, und das Volk, welches schweigend zugehört hatte, - brach bei den letzten Worten in lautes Gejohle aus. Der Stadtrichter aber befahl dem Grieswärtel, Schweigen zu gebieten und fragte hieraus den Juden, was er zu seiner Verteidigung zu sagen habe? ' Ephraim erhob sich von seiner Bank; seine sonst so hohe und edle Gestalt war demütig gebeugt, seine Hände bittend - gefaltet, und das dunkle Auge richtete sich mit schmerzlichem Vorwurf nach den Richtern. Er fühlte es in der tiefsten Brüst, daß er das Opfer eines schändlichen Planes war, und kannte den mächtigen Einfluß und die Rachsucht der Geschlechter, wie man die adeligen Bürger hieß, zu gut, um nicht zu wissen, daß ihnen auch das Aeußerste zuzutrauen sei. Nichts destoweniger faßte er im Vertrauen auf seine gerechte Sache wieder Mut; denn die Richter, die vor ihm saßen, hatten Weiße Haare, und die meisten waren ihm als redliche, wackere Männer bekannt. Darum wollte er ihnen seine Sache recht eindringlich ans Herz legen, und mit leisem, wehmütigem Tone, tief gebeugt vor dem Tribunal, begann er also zu sprechen: „Edle und ehrenfeste Herren! Wenn ich spreche, der Herr Diether Schlagnitweit hat gesagt, was nicht wahr ist, und er nicht verantworten ’ kann vor Gott und den Menschen, so webdet Ihr mich schelten; denn der Herr Schlagnitweit hat sein adelig Wort gegeben, und ich bin nur ein armer Jude. Und doch ist dem also. Wozu sollte der sehr edle Herr einen Schmuck verpfänden, da er doch so manchen Ohm hat, so manche Muhme mit viel goldenen Byzantinern, die ihm gern helfen würden, so er sich in einer Verlegenheit befände? Ich habe den Herrn Diether Schlagnitweit nie gekannt, bin nie in sein Haus gekommen, habe auch sonst kein Geld auf Pfandschaft geliehen und nur gesetzmäßige Zinsen beansprucht; warum wäre seine Wahl gerade auf mich gefallen? Ich sah den Herrn zum erstenmal, als er am verwichenen Festtage mit dem Herrn Thomas BreitNer mein Haus durch unehrbäres Betragen gegen mein Kind in große Aufregung versetzte; vor und nach dieser Zeit habe ich ihn nicht geschaut; der Knecht war nicht zweimal, sondern ein einzig Mal in Nußdorf;' er ' verlangte von mir einen Schmuck zurück; o. wie habe ich gestaunt und Zeter gerufen bei der falschen Forderung. Daß der Schmuck sich nicht vorfand, ist ein klar und deutlich Zeugnis meiner Unschuld, und ich fordere Euch, edle und ehrenfeste Herrennochmal auf, mein ganzes Haus wohl untersuchen zu lassen; jetzt aber verlange ich, daß der Herr Thomas Breitner, der hohen und erlauchten Universität Mitglied, gefragt werde, ob ich je sonst mit' dem Herrn Diether Schlagnitweit in Geschäftsverbindung gestanden;, die dreihundert Goldgülden aber, die man bei mir gesunden, sind auf ehrliche und gesetzmäßige Weise verdient." Ephraim Reubel setzte sich nach diesen Worten erschöpft nieder. Das Volk schien gerührt von dem ernsten, wehmütigen Tone, in welchem er gesprochen, und der Stadtrichter forderte sein den Studiosen Thomas Breitner aus, vorzutreten und Zeugnis zu geben. Dieser tat. es und bestätigte, daß Diether Schlagnitweit erst am verwichenen Festtage den Juden kennengelernt habe ... HMNGÄAMWNWWWWMWWWWWWW^WWUWkW bei Gelegenheit'eines Scherzes, den sie sich in übermütiger Weinlaune-erlaubt hätten; seines Wissens sei Diether' nie* zuvor mit dem Juden in einer Verbindung gestandenauch habe es dem Studiosen nie an Gelb gefehlt? Diether warf bei diesen Worten seinem Freunde einen grimmigen Blick zu, aber dankbar ruhten die Augen Ephraims aus dem jungen Manne, der so offen und ehrlich die Wahrheit sagte. 3 „Seid Ihr noch immer entschlossen. Eure Aussage mit Eurem Ehrenworte zu bekräftigen," fragte der Stadtrichter. / ' „Ich biws," versetzte Diether. Nun wurde der Knecht Hanns Gundelfingep vorgerufen; es war; derselbe Knecht, den der alte Schlagnitweit seinem Sohne entgegen geschickt hatte; er war leibeigen und leistete dumpf seine Aussage, welche mit jener Diethers auf das vollkommenste, übereinstimmte. „Könnt Ihr Euch aus.weisen," fragte .der Stadtrichter den Juden, „auf welche Weise Ihr jene 300 Goldgulden eingenommen habt, die man bei Euch gefunden, und. welche Herr Diether Schlagnitweit für die seinen erklärt?" Ephraim senkte das Haupt und versetzte: * „Das kann ich nicht Ew. Gestrengen, aber ich bin unschuldig." - Das Volk zischte, der Stadtrichter aber warf ihm einen ernsten Blick zu und sprach: „Das, was Herr Thomas Breitner zu Deinen Gunsten gesprochen, ist durch diese Weigerung entkräftet. Wir halten.Dich nach unserer besten Ueberzeugung für schuldig. Ihr Herren Beisitzer, ich verdamme den Juden Ephraim Reubel wegen Wucher zum Verlust seiner gesamten Habe und zur Auswanderung seiner Familie aus dem Stadt- ' gebiet; er selbst aber soll wegen Betrug mit Verlust der rechten Hand gestraft werden und öffentlicher Ausstellung am Pranger. So Ihr noch etwas einzuwenden habt, so tut es, edle und wohlmögende Herren, von Rechts wegen!" Diether Schlagnitweit warf einen triumphierenden Blick auf den Juden, der vernichtet auf die Knie sank und jammernd rief: „Uebt Barmherzigkeit, Ihr Herren; ich schwöre beim allerbarmenden Gott, daß ich unschuldig bin; bedenkt doch, so ihr mir Haus und Hof und mein Weib nehmet, das sie aus dem Krankenbett liegt, und meine unmündigen Kinder hinausstoßt ins Elend, so müssen sie verkommen in Kälte und Schnee. Wer soll sie führen und leiten; wer soll sie nähren, so ihr dem Erzeuger die rechte Hand nehmt? O mein Weib, meine Kinder!. Ihr werdet umkommen in Verzweiflung und den Raben und Wölfen zur Speise werden. Uebt Barmherzigkeit Ihr Herren; wenn Ihr hofft, daß Euch Gott einst barmherzig sein soll; denn ich bin unschuldig!" Und mit Händen bedeckte Ephraim sein Gesicht und zerraufte sich den Bart. Aber urplötzlich bekam die Sache eine andere Wendung. Einer von den Ratsherren erhob sich plötzlich; es war Erasmus Schlagnitweit, Diethers Vater, der in der ganzen Stadt bekannte und geachtete Altbürger und Kaufherr beim goldenen Anker auf der Schranne. Die hohe stattliche Gestalt in der dunkelsamtenen Ratsherrntracht mit der goldenen Kette um den Hals hatte etwas Majestätisches; sein Auge blickte finster nach dem Sohne und die linke Hand mach, einer alten Gewohnheit über den Bart streichend, der ihm bis auf die Brust herabreichte, die rechte gebietend vorgestreckt, sagte er mit fester Stimme zum Stadtrichter: „Erlaubt Ew. Gestrengen, ich halte den Juden für unschuldig!" (Fortsetzung folgt ). Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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