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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-08 · Heft 2 (8.1.1909) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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Lphrsim Arubel. Eine Erzählung von Anton Langer. II. . Tn der Tür stand ein hoher stattlicher Jude im Reisepelz, ihm zur Seite ein junger blühender Mann, gleichfalls aus Israels Stamme und hinter ihnen, im 'Zwielichte der einbrechenden Nacht, sah man drei oder vier bewaffnete Diener. Der Jude, dessen Kopf echt patriarchalisches Gepräge trug, heftete seinen dunklen Blick fest aus die beiden Männer und fragte das Mädchen, welches mit einem Schrei des Entzückens an seinen Hals flog: „Was ging hier vor, Regina?" „Sie wollten mich beleidigen," ries die Jungfrau, sich an ihn schmiegend.. Ephraim Reubel, denn es war der Hausherr, übergab seine Tochter dem jungen Manne, der zornglühende Blicke nach den Fremden warf; er selbst trat auf diese zu und sprach ernst und würdevoll: „Ihr Herren, so es Euch angenehm, verlaßt mein Haus, Ihr habt hier, soviel ich weiß, nichts zu tun; seid Ihr aber eines Geschäftes wegen hier, so soll's mich freuen." Jeder andere Hausherr hätte die ungebetenen Gäste vor die Türe geschafft, aber Ephraims Seele, obwohl empfänglich für Ehre und Recht, mußte sich schweigend in die Kränkungen ergeben, welchen in jenen Zeiten der unglückliche Jude nur zu oft aus gesetzt war. „Ei, Jude," rief Schlagnitweit trotzig prahlend, „willst Du uns noch Gesetze vorschreiben? wir werden bleiben, so es uns beliebt, und Dein stolzes Töchterlein soll uns freundlicher empfangen." „So ich Euch nicht daran hindere," sagte der Jude ruhig. „Du mich hindern, verdammter Manschet," rief der Schlagnitweit, an den Degen greifend, „ich will Dir den Solinger um die Ohren legen, daß Dir das Schachern für Zeitlebens vergehen soll." Statt aller Antwort griff Ephraim in die Seitentasche des Gewandes und zog ein blankes Feuergewehr hervor; je seltener diese Waffe in jener Zeit, desto größer war die Furcht vor ihr, und selbst der wilde Raufbold, der sich nicht gescheut hätte, mit den fünf Juden anzubinden, taumelte zurück, als sich ihm der blanke Laus entgegenstreckte. „Willst Du an den Galgen, Jude?" fragte er sichtlich erbleichend. „Daß ich nicht wüßte," sagte Ephraim, ruhig. „In dem Freibrief, welchen der Erzherzog Rudolf IV. der Wiener Judenschaft erteilte, heißt es ausdrücklich: So einer einen Juden in seinem Hause schädigt an Leib oder Ehre oder Gut, so soll der Jud den Störefried beseitigen; so es sein müßte mit blanker Wehre und auf Gefahr des Lebens." „Heißt es so?" fragte Schlagnitweit seinen Gefährten. „Es ist so," bestätigte Thomas. „Und so hätte ich nicht einmal die Rache, daß dieser Hund an den Galgen kommt, wenn er mich niederschießt," murmelte Schlagnitweit mit den Zähnen knirschend. „Komm, Bruder, ziehen wir ab, und die Pestilenz über Euch, verwünschtes Judenpack!" Breitner, der sich die ganze Zeit über in der unangenehmen Lage eines Menschen befunden, der nur zu gut weiß, daß das Recht auf der fremden Seite, der aber dennoch Nicht gegen seinen Freund auftreten wollte, war froh, daß das Abenteuer einen so guten Ausgang nahm, und folgte seinem Gefährten, der schimpfend und drohend durch die Stube schritt, während die' Insassen dem Geiste der Zeit gemäß kein Wort erwiderten. Draußen schwangen sich die Beiden auf ihre Pferde. Schlagnitweit drohte mit der Faust gegen das Haus hin und rief: „Wart' Jud, ich will dir's gedenken!" Dann jagten beide gen Wien zu. Auf halbem Wege kam ihnen ein reitender Knecht entgegen, welchen der alte Schlagnitweit nach seinem Sohne ausgesandt hatte. „Mit Gunst," sagte Diether, ich habe dem Hanns ein Wörtlein zu sagen, insgeheim; reite nur fürbaß Bruder Thomas, ich hole dich ein, ehe du zum Tore kommst!" Thomas ritt weiter, und Schlagnitweit gab dem Burschen, der ein pfiffig verschlagenes Gesicht hatte, einige Verhaltungsbefehle, auf welche dieser zum Zeichen des Verständnisses mit dem Kopfe nickte. Der Herr gab ihm auch Geld, und der Knecht schlug die Straße gegen Nußdors ein, während Schlagnitweit mit verhängten Zügeln dem voranreitenden Breitner nachsprengte. ■■ ■• * Einige Wochen später drängte in Wien das Soll nach dem Rathause, wo ein Streithandel eigener Art verhandelt werden sollte. Der Stadtrichter und die Stuhlherren im schwarzen Ornate hatten ihre Plätze eingenommen, das Volk drängte neugierig, fluchend und murrend, lachend und spottend sich außerhalb der Schranken, bis der Grieswärtel mit dem weißen Stabe Ruhe gebot und die Parteien auffordevte; diese erschienen. Es war der Studiosus Diether Schlagnitweit, der geckenhaft angetan in Samtwams und Federhut die Richter Vertraulich grüßte, da so mancher Vetter und Ohm, ja sogar sein eigner Vater unter ihnen saß. Er trat als Kläger auf. Der Beklagte aber war niemand anders - als der Jude Ephraim Reubel von Nußdorf, den man in Ketten, von Wachen umgeben, herbeisührte; das Gezisch und Gespötte des Pöbels empfing den Juden,, der totenbleich und demütig vor den Richtern sich neigte und auf dem Armensünderstuhl Platz nahm. Der Schreiber des Gerichts erhob sich und las die Anklage vor. Sie lautete dahin, daß der Junker Diether Schlagnitweit, des Herrn Erasmus Schlagnitweit Sohn, adliger Altbürger und Mitglied der hohen erleuchteten Universität, in einer augenblicklichen Verlegenheit von dem Eigenjuden Ephraim Reubel zu Nußdorf dreihundert Goldgulden geborgt, dafür unmäßige Zinsen bezahlt und den köstlichen Schmuck seiner Schwester, samt daran haftenden Perlen und Edelgesteinen zum Pfände gesetzt. Nach wenig Wochen aber sei der Herr Studiosus schon imstande gewesen, die Schuld heimzuzahlen und habe deshalb seinen Knecht Hanns Gundelfinger abgeschickt, um diesbesagte 300 Goldgulden an den Juden Ephraim Reubel» nach Nußdorf zu bringen. Dieselben seien in einem leinenen Säckel gewesen und da der Junker sich vor dem Knechte nicht bloßstellen wollte, so habe er ihm aufgetragen, von dem Juden nur das Bewußte zu verlangen; der Jude habe die dreihundert Gulden im leinenen Säckel angenommen und dem Knechte Hanns Gundelfinger auf sein Begehr nach dem Bewußten einen goldenen Ring von eines Goldguldens Wert übergeben; mit diesem sei der Knecht nach Hause gekehrt zu seinem nicht wenig überraschten Herrn, welcher sogleich denselben von neuem gegen Nußdorf gesendet, den Schmuck der Schwester zu fordern. Da aber der Jude sich unwissend gestellt und den Schmuck empfangen zu haben geleugnet,' außerdem auch ein großes Gezeter angehoben, so habe der sehr edle Herr Diether Schlagnitweit die Anklage beim Rate erhoben und die Aussage mit seinem adeligen

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