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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-08 · Heft 2 (8.1.1909) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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das aus einem runden Stück Stoff „nicht größer als das königliche Siegel" auf dem Gewände an der Brust aufgenäht' wurde. Eine-Ausnahme machte Gemeinde Marsala, der 1375 erlaubt wurde, das entehrende Judenzeichen abzulegen und eine neue Synagoge zu erbauen. Unter der Regierung Martins V. brach eine blutige Judenverfolgung aus, und in der Weihnachtswoche 1393 wurden die .Juden von Katania auf allen Plätzen und in allen Straßen zu Tode gesteinigt. Trotz dieser und ähnlicher Verfolgungen nahm aber doch ihr Wohlstand immer mehr zu, und am 24. Dezember 1415 schenkte die Judenheit Siziliens dem Jnfante'n Don Juan 437 Golddenare als Morgengabe. Von den Missionspredigten wurden die Juden auch nicht verschont, da sie zum Anhören derselben von Alfons V. durch ein Dekret vom 1. Februar 1428 gezwungen. Ein volles Jahr lang mutzten sie insgesamt jeden Sonnabend in die Kirche gehen öder rvurden vielmehr durch Peitschenhiebe dazu gezwungen, bis sich eine Vertretung sämtlicher großer Gemeinden mit schwerem Golde beladen an den Hof nach Neapel begab, worauf das Dekret am 1. Januar 1430 wieder zurückgenommen ward. In die Zeit dieses Königs fällt auch das Auftreten des berühmt gewordenen Johann Capistrano, dessen Hetzereien die Juden von Sizilien 2000 Golddenare kostete. Eines der letzten , Dekrete Alfons^ V. war ein Verbot der Auswanderung ins heilige Land bei Androhung der Todesstrafe. Die Beschuldigung des Gebrauches von Blut wurde in Messina bei Gelegenheit eines Knabenmordes im Jahre 1347 erhoben. Sämtlich der Tat Beschuldigten, wahre Märtyrer, wurden sofort mit dem Tode bestraft, in der Kathedrale in Messina aber eine Marmortafel mit der Erzählung vom Morde der.„gottverdammten Juden" angebracht. Solche furchtbaren Beschuldigungen wiederholten sich noch in Modica 1474, in Noto 1475, im selben Jahre auch in Caetagivone und 1487 in Syrakus. Am verhängnisvollsten aber für die ganze Judenheit des Königreiches Sizilien wär die berühmte Weihnachtsprozession vom Jahre 1491 in Castiglione. Als nämlich diese Prozession die Judengasse passierte, wurde von dem Dache irgendeines Hauses ein Stein hinuntergeworfen, der einen Arm des der Prozession vorangetragenen Kruzifixes abschlug. Sofort hieß es, daß der Stein aus einem Fenster des äiuebelele Biton geworfen worden wäre. Zwei Brüder Crise drangen ins Hüus und erschlugen den Rabbiner aus der Stelle. Natürlich wurde die Nachricht über das Mißgeschick der Prozession schnell verbreitet, die Brüder Crise wurden an den Hof Ferdinand des Katholischen gerufen, und. nachdem sie der König für die Heldentat belobt hatte, fragte er sie, nach welcher Richtung hin er sie hierfür belohnen könnte. Die Heldenbrüder verlangten, ohne sich erst lange zu besinnen, die Vertreibung sämtlicher Juden aus Sizilien, was dem König überaus gefiel. Das erste Dekret der Verbannung der Juden aus Sizilien ist vom 31. März 1492 datiert. Nur durch die schwersten Geldopser gelang es den Juden, dieses Dekret bis zum 9. Juni aufzuschieben, da sie sich mit der Absicht trugen, nach und nach unter Mitnahme der beweglichen Habe die Insel zu verlassen. Da kam eben am 9. Juni das Edikt, durch das das geheime Verlassen der Insel mit der Todesstrafe angedroht wurde, und zehn Tage später sand auf der ganzen Insel die öffentliche königliche Auktion aller. jüdischen Habe statt, die bis August dauerte. Das nächste Dekret vom 13. August verbot den Juden die Mitnahme irgendeines beweglichen Gutes, mit Ausnahme der notwendigsten Kleidungsstücke und des Reisegeldes. Noch einmal versuchten 100 O00 unglückliche Menschen durch Zahlung von . 5000 Goldgulden däs Verbannungsdekret aufzuheben; es nutzte nichts/'die Verbannung ward' zwar bis aus' den 12. Januar 1493 ausgescho.ben, aber nicht aufgehoben. Von dieser Gnadenfrist machten aber die Unglücklichen keinen Gebrauch, und am 31. Dezember 1492 war Sizilien „judenrein". Die Verbannten wandten sich teils nach der Türkei, teils nach Kalabrien.' In letzterer Provinz brach aber kurz darauf eine Epidemie aus, die „französische Fliege" genannt, und die Folge war, daß auch hier die Juden des Landes verwiesen wurden. Auch diese folgten ihren Brüdern in die Türkei. Wie sehr diese Juden aber an der Heimatscholle hingen, davon zeugen die Namen mancher Familien, wie Messini, Reggio, Castiglione. Durch fast drei volle Jahrhunderte 'setzte kein Jude mehr seinen Fuß. auf sizilianischen Boden, bis am 3. Februar 1740 eine Proklamation, aus 37 Artikeln bestehend, an die Juden erlassen ward, durch welche sie aufgesordert wurden, sich auf der Insel neu anzusiedeln. Aber nur einige wenige folgten' dem Rufe, fiedelten sich in Palermo an, kehrten aber bald in die Türkei wieder zurück, weil ihnen ihre neuen Lebensbedingungen nicht gefielen, und weil sie sich auch nicht genug sicher fühlten. Von den relativ wenigen Dekreten gegen die Inden Siziliens, welche uns bekannt sind, fallen zehn auf den Monat Dezember und auf die ersten Tage des Januar. „Die Welt gleichet einem sich drehenden Rade," sagten schon unsere Weisen. Kurz soll nur noch bemerkt sein, daß im Mittelalter auch die Juden Siziliens an dem geistigen Leben im Judentum und der Kulturwelt^ lebhaften Anteil genommen haben. In dem Streit um die Philosophie Maimonides^ nahm auch David ben Achitub das Wort, dessen Vater eine Postille unter dem Titel „Der Korb" geschrieben hat, die ihrerzeit sehr populär war.- Jehuda Siciliano war ein bekannter Dichter. Kaiser Friedrich II. rief jüdische Gelehrte, wie Jakob Auatoli, Jehuda ben Salomo ibn Mosca und andere, anseinen Hof und ließ von ihnen Uebersetzungen arabischer Werke anfertigen. Mit verschiedenen jüdischen Autoren in Italien und Spanien stand der Kaiser in gelehrtem Briefwechsel, unter anderem auch über die Auslegung verschiedener Bibelstellen. Jsaac ben Salomon Achadib war der Autor berühmter astronomischer Tafeln. Auch sonst werden noch gelehrte Männer auf verschiedenen Gebieten genannt, die in Sizilien lebten oder von dort stammten. Und dieses ganze blühende geistige und kulturelle Leben würde durch das werhängnisvolle Dekret des Jahres 1490 für immer vernichtet, dessen Folgen von so verhängnisvoller Wirkung, nicht nur sür die Juden des Landes, gewesen find. Gegenwärtig hat es weder in Messina noch in Reggio- Kalabria eine Synagoge oder einen Rabbiner gegeben. Ueberhaupt existiert in Kalabrien und Sizilien keine einzige Gemeinde. Wohl aber mögen besonders in Messina verschiedene jüdische Familien gelebt Haben. Bekannt ist außer mehreren angesehenen Kaufleuten vor allem der Name des Professors der Mathematik Vivanti (Schwager des italienischen Abgeordneten Romanin-Jacur). Ob er und seine Familie gerettet sind, konnte'bis jetzt noch nicht in Erfahrung gebracht werden. Mit vollen Kräften fetzt nunmehr die Hilftätigkeit für das unglückliche Land ein. Möge sie überall, vor allem aber in unseren Kreisen, in denen das Wohltun ja seit alten Zeiten heimisch ist, die Teilnahme finden, die ein so fürchterliches Unglück erheischt!

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