Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-08 · Heft 2 (8.1.1909) · p. Seite 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228855--65241-3277354
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

kommende- Generationen kaum ahnen werden, 'wie es entstanden ist. . 'Wenn der liberale Rabbinerbund Deutschlands sich zu dieser Tat. aufraffen wollte, wären wir modernen Juden sicherlich gern bereit, dafür das Purimfest zu opfern. Es verliert sich langsam auch ohnedies. Ich weine ihm keine Träne nach, weder ihm, noch der Megilla. So hätte denn Israel alte und doch neue Feste: das Freiheits- und Frühlingsfest, das der Offenbarung und des Sommers, Neujahr- und Versöhnungstag, die Herbstfeier, das Makkabäer- und Winterfest. Wird es so werden? Gott gebe es! Sizilien. Von Dr. S. Ochser. 0izilien! Messina! Diese beiden Worte bilden in den letzten zwei Wochen das Tagesgespräch der ganzen zivilisierten Welt. Die Elemente hatten sich verschworen, und eine Flutwelle hat in einem Augenblick hunderttausende blühende Menschenleben vernichtet. In der größten Verzweiflung aber verlangte man vom Erzbischof, er möge die Gebeine der heiligen Agnes durch die Straßen tragen lassen, auf daß diese die Erde besänftige, und kein Erdbeben mehr stattfinde . . . Die wenigen, die das Unglück überlebt, irren plan- und ziellos in den Feldern umher, ohne Schutz, ohne Hilfe. Aber gemach, eine kurze Spanne Zeit noch und das ganze große welterschütternde Unglück wird zur Geschichte gehören, und neues blühendes Leben wird jene markerschütternde Tragödie , vergessen lassen. Hunderttausend Menschen! Die ganze Welt staunt; in keinem Unglück sind noch so viele Menschen dem Tode anheimgefallen! Einzig dastehend! Nein, geehrter Leser, alles schon dagewesen! Vor 416 Jahren, und zwar auch in den letzten Tagen des Dezember, sind hunderttausend Menschen von der Scholle, an der sie gehangen, verjagt, von demselben jetzt so unglücklichen Sizilien vertrieben worden. Plan- und ziellos irrten viele tausende unglücklicher Juden in Kalabrien umher, bis man sie auch nach kurzer Zeit von dort wegschickte. Zu jener Zeit aber war es kein Naturereignis, keine elementare Gewalt, sondern nur niedriger, menschlicher, verwerflicher Haß! So manchem Leser wird vielleicht die Frage aufgestiegen sein, ob nicht auch Juden an diesem Unglücke beteiligt sein mögen. Eine Frage, die um so schwieriger zu beantworten ist, als Sizilien ebenso wie Spanien von den Juden gemieden wird, und daß es keine jüdische geordnete Gemeinde, nicht einmal in Messina gibt. Die wenigen Juden aber, die des Handels wegen ständig, in Sizilien leben, kommen für das Unglück (und am wenigsten für die Hilfespendenden aus jüdischen Kreisen, die auch diesmal mit die Ersten auf dem Plan sind) gar nicht in Betracht. Es mag aber doch für den einen oder anderen von Interesse sein, nach den letzten folgenschweren Ereignissen etwas über der Juden Glück und Ende auf Sizilien zu erfahren, da in demselben Maße wie das Ende der Juden in Spanien jedem, der. Tatsache nach, wenigstens bekannt ist, nur wenige wissen, daß es auch in Sizilien Juden gegeben hat, welche das Schicksal ihrer Brüder in SpÄttien zu teilen hatten. Ich wist in kurzen Zügen eine Geschichte der Juden Siziliens geben. Von ihren ersten Ansiedlungen daselbst haben wir ur ganz spärliche Nachrichten; so soll man in Messina eine. Inschrift aus dem Jahre 440 gefunden haben, die besagt, daß ein gewisser Moses ein jüdisches Institut (Synagoge) gegründet habe. Jedenfalls gab es aber schon im sechsten Jahrhundert in den größeren Städten der Insel jüdische Gemeinden; denn als in Girgenti im Jahre 590 eine Meuterei ausbrach, intervenierte die jüdische Gemeinde in Rom bei Gregor dem Großen, und dieser erließ ein Edikt, in, dem nicht nur die Zurückgabe des geraubten jüdischen Gutes geboten, sondern die beliebten Zwangstaufen in ganz Sizilien untersagt wurden. Im allgemeinen war aber die Lage der Juden in Sizilien im Vergleiche zu anderen Ländern Europas eine günstige zu nennen. Sie breiteten sich nach und nach auf der ganzen Insel aus, und bewohnten nicht weniger wie 52 Ortschaften. Vor allem trieben sie einen ausgedehnten Handel, und waren auch als Landwirte und als Anleger von Orangerien und Palmenwäldern bei der eingeborenen Bevölkerung sehr beliebt. Die jüdischen Gemeinden der größeren Städte, wie Palermo, Syrakus, »Katania, allen aber voran Messina, hatten eine eigene innere Verwaltung. An der Spitze jeder Gemeinschaft standen zwölf Männer, ■proti“ genannt, die je drei, drei Monate lang ihres Amtes walteten; neben ihnen gab's zwölf Kontrolleure, §ie „dodici“, denen sämtliche Dekrete der proti zur Ueberprüsung vorgelegt werden mußten. Die Gemeindekasse wurde von den «auditori di conti“, sechs an der Zahl, verwaltet. Neun Schatzmeistern, „sogetti“, lag es ob, das Vermögen der einzelnen Gemeinde-' Mitglieder einzuschätzen, während die „pucettori“ die Steuern einhoben, und die „syndachi“ Verwalter der öffentlichen Wohltätigkeitsanstalten waren. Nach außen wurde die Gemeinde vom „baliö“ oder „governadore“ vertreten. Der ganze Kultus unterstand dem „diuchelele“ wie der Rabbiner genannt wurde. Zu feinen Unterbeamten zählten sich die „iduli" Gemeinde-, schreiber,die „limuosimsri", Almosenverteiler, und der „presbyter", Kantor und Schächter. Die Synagogen, von denen.es in di;n größeren Gemeinden, besonders in Messina mehrere gab, trugen den arabischen Namen „meskita". . Letztere wurden von reichen Juden innen und außen sehr pompös ausgeftattet, was öfters den Anstoß zu Judenverfolgungen gab, bis im Jahre 1366 (12. Oktober) Friedrich HI. die äußere Ausschmückung der Synagogen ein für allemal; verbot. Das Haupt der gesamten sizilianischen Judenheit'war. Messina, wo sich auch das Appellationsgerichts befand. Einer der hervorragendsten Männer, der der„Naggid“ von Messina war, an der Spitze des Appellationsgerichts stand und später als Vertreter von 17 sizilianischen GeMMden an den Hof Alfons V. nach Neapel geschickt war, war der Arzt Moses Chesez Bonavoglia um 1430. In dessen Abwesenheit residierte. als „Naggid“ aber in Palermo sein Bruder. Der erste Teil der Regierungszeit des Königs Alfons V. bildet für die sizilianischen Juden eine Glanzepoche, da in dieser Zeit an ihnen nicht genörgelt ward. Wie sehr sie aber schon viel früher zu leiden hatten, beweisen die Beschlüsse, welche gegen sie auf dem Konzil zu Piazza 1296 gefaßt worden waren; so wurde unter anderem verboten, daß weder ein Jude für einen Christen, noch ein Christ für einen Juden bei einer noch so geringfügigen Kleinigkeit vor Gericht Zeugenschast ablegen dürfe. Kein Christ durste sich von einem jüdischen Arzte behandeln lassen, wiewohl letztere besonders in Messina hervorragende Männer waren; ich will hier nur drei jüdische Aerzte des Mittelalters namhaft machen: Moses Spagnuoto (um 1375),.Jsaac de Bonavoglia (um 1425) und Aaron de Sacerdotu de Girachi de Raba (um 1448). Durch ein königliches Dekret vom Jahre 1369 mußten die Juden, Männer und Frauen, das berühmte Abzeichen tragen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.