Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
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U am^Versöhnüngstage auch nur für eine Stunde..verlassen zu müssen und hatten dasür, die. Pause untergrabe das Fasten. Alle Hochschätzung vor diesen gottesfürchtigen Männern und . Frauen! Jedoch den Synagogen und Kirchen geht es wie den Schulen: sie sind nicht für die Besten da, sondern für Hie Schwächeren, für. die.Durchschnittsmenschen und müssen sich diesen anpassen. Wenn ein Durchschnittsmensch .nicht weiß, was er in der Synagoge beginnen soll, wird sie : ihm langweilig, er geht weg oderer schwätzt. Sie kennen doch Ihre orthodoxe Heimatssynagöge, nicht wahr? Wie. geht es da am Jom Kippur zu? Ist das Andacht, Weihe, Erhebung zu Gott? Gewiß, Mystiker, tief . angelegte Naturen sind fähig, in religiöser Verzückung lange zu beharren, der Durchschnittsmensch aber,, der gebildete wie ungebildete, verliert seinen-Kontakt mit Gott und muß den Tag innerlich entweihen, wenn er sich zwingt, den ganzen Tag im Gotteshause zu sein und endlose, unpoetische Dichtungen 'herunterzuleiern. Kol niäre, Uussak und JSTeila feien bte Gebetzeiten.des Versöhnungstages, und keine dieser Gebetzeiten dauere länger als zwei Stunden. Wen das Herz drängt, sich . für die Sünden des Jahres die Pönitenz des Fastens auszuerlegen,-den, wird der kürzere Gottesdienst darin nicht stören; wer sich nicht gedrungen fühlt, sich zur Buße die Strafe der Kasteiung zu diktieren, findet reichlich Gelegenheit zum Speisengenuß, selbst ohne Pause. Die Zeit der Angst, gesehen-zu werden, ist längst vorüber. Nur wenn die Rabbiner in solcher Weise den Gottesdienst . dieser beiden heiligen Feste umgestatten, werden sie ihn nicht nur erhalten, sondern zugleich verjüngen. Die größte Sün-de der Rabbiner war zu Beginn unserer politischen Gleichstellung, daß sie nicht -rechtzeitig eingrisfen, daß sie sich der Evolution verschlossen haben. Mögen unsere Rabbiner gelernt haben und nicht an diesen, großen Festen dieselbe Unterlassungssünde begehen. Sie würde sich bitter am G e s amtjudentume rächen! Die Unfruchtbarkeit des Winters und die geringe klimatische Verschiedenheit zwischen Herbst- und Wintermonaten in Palästina brachte es mit sich, daß der israelitische Bauer ein Winterfest nicht gefeiert hat. Wir leben in Zonen, die den Winter zu einer ebenso besonderen Naturerscheinung machen, wie die drei anderen Jahreszeiten. Und nicht nur das. Wir . kennen auch schon die Unentbehrlichkeit des Raslens, des Kräftesammelns in der Natur, kennen die Notwendigkeit,Hes Winters, des dichten Schneelagers für Feld und Flur, -wir beten auch im Anblicke der stillen Winterlandschaft die Allmacht und Allweisheit Gottes an. Was unsere Religion im Orient zu schaffen nicht gebraucht hat, sollten wir uns schaffen zur Vervollständigung unserer Naturfeste: ein Winterfest. Und es bietet sich uns, wir.haben nur danach zu greisen, in unserem Makkabäerfest. Daß die siegreiche Selbstwehr der Makkabäer zu den wichtigsten Ereignissen der Menschheitsgeschichte gehört, weiß heute, dank den liberalen Rabbinern, jedes Schulkind. Das liberale Judentum -hat verstanden, diese kaum beachteten Tage zu einem Familien- und Gemeindefest zu erheben. Aber, wie Geistliche das schon gewöhnlich Lun, sind die liberalen Rabbiner mitten im Werke stehen geblieben. Die Last ihres Wissens drückte sie zu sehr: der Mögen Awrohom spukte ihnen im Kopfe herum und raubte ihnen den Mut, aus demChanuka ein wahrhaft großes,-schönes Fest zu machen; einen Fest gottes dienst wagten sie s ich nicht einzuführen und bei den.acht Tagen mußte es natürlich trotz allem bleiben. Nehmen Sie.es mir nicht übel, geehrter Herr Rabbiner; aber ich glaube/ wir Laien hätten die Umgestaltung gerade in unserem Unverstände. besser getroffen. Wirchätten einen solennen Gottesdienst veranstaltet, nicht anders als an den anderen Festen und hätten nur einen Tag Chanuka.gefeiert. Wir hätten auch gar nicht? so streng auf acht Kerzlein gesehen, sondern hätten angeraten, zur Erinnerung an die große -Rettungdurch die das Judentum und der Monotheismus der Menschheit erhalten geblieben sind, unser Heim im Lichterglanz erstrahlen zu lassen. Das .wäre dann ein richtiges Makkabäerfest geworden, groß und würdig. Kann es nicht noch immer so werden? Chanuka ist ja zum Glück nachbiblisch, was hindert uns an dieser Ausgestaltung? Wohlan, geehrter Herr Rabbiner, das alte, dürftige, achttägige Chanuka werde ein eintägiges Fest mit Gottesdienst und häuslicher Feier. Am Abend vorher versammle sich, die ganze Familie, und bei strahlendem Lichterglanz ertöne die alte Jubelhymne „Moaus zur jeschuosi“ in deutschen Versen. Um aber dem Tage eine noch höhere Weihe, zu geben, sei er zugleich unser Winterfest. In andächtiger Gottesfeier wollen wir an diesem Tage den Allvater preisen, der selbst in die -Todesstarre des -Winters neue Triebe legt . und auch in diesen Tagen seine Macht und Weisheit . den Menschen offenbart. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter. Das christliche Weihnachtsfest hat allen modernen Rabbinern schon viel Kopfzerbrechen verursacht, gewiß auch Ihnen. Mit Recht und doch wieder mit Unrecht. Sicherlich ist es eine nicht eben würdige Erscheinung, wenn jüdische Väter und Mütter mächtige Tannenzweige heimschleppen, sich und ihre Kinder zu Weihnachten beschenken, als wäre für sie Christus geboren. Anderseits ist es ungemein schwer, der Verlockung zu widerstehen. Ich tat es, es hat mich aber viel, viel Mühe und meinekleinen Kinder viele Tränen gekostet. Wirmüssen doch zugehen, daß einem guten Menschen das Herz aufgehen kann bei diesem wundersamen Familienfeste. Nicht seine religiöse Weihe, seine Schönheit berückt den Juden, und die feiert er mit. Wenn die Herren Rabbiner auch mit Engelszungen reden, Weihnachten wird immer mehr und mehr von allen Juden mitgehalten. Denken Sie sich, geehrter Herr Rabbiner, Sie hätten Söhne, die studieren, Töchter, die in der Fremde - leben. Wann besuchen Sie Ihre Kinder? Zu Weihnachten. Weihnachten steht im Mittelpunkte des ganzen wirtschaftlichen Lebens. Wie wollen Sie dem entrinnen? Wäre nicht vernünftiger, uns zu akkomodieren? War Purim nicht Akkomodierung an irgend eine persische oder griechische Feier? Und wer weiß, ob nicht auch die Chänükalichter auf eine ursprünglich fremde Sitte zurückgehen? Und .. die Anpassung des Chanuka- und Winterfestes an Weihnachten ist unendlich leicht. Wohl geschah die Neueinweihung des jerusalemischen Tempels durch Juda den Makkabäer der Tradition nach am 26. Kislew. Aber wie oft fällt Chanuka mit Weihnachten zusammen! Nun denn, nehmen wir für dieses Fest den bürgerlichen Kalender ’ an und feiern wir das Chanuka- und Winterfest am , 25. Dezember eines jeden Jahres. Am Abend, des. 24. Dezember hebe die Feier in der Familie an. Wer an Tannenzweigen die Kerzchen anzünden will, tuees, wem eine vielarmige Menora lieber ist, wähle ' diese Form. Beschenken wir uns. gegenseitig an diesem Abende, beschenken wir Arme und Dürsfige. Am 25. sei Festgottesdienst und Predigt. Im Lapfe < der Zeit wird sich das . Fest bei uns so einbürgern, baß MM