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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-08 · Heft 2 (8.1.1909) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
Seite 19 (sequence 7)
Language
German
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Feiern wir das Pessach- und Frühlingsfest zwei Tage, so wühre das Offenbarungs- und Sommerfest, wie auch das Herbstseft nur einen Tag. Gottlob, die 'Blumen sind uns trotz der' Kümmernisse des Mittelalters am. Offenbärüngsseste erhalten geblieben;- den überflüssi gen zweiten Tag wollenwir streichen und. den ersten weihevoller, heiterer ausgestalten. Wie kahl und düster ist aber unser Herbstfest geworden; Solange der Bau der Laubhütte allen jüdischen Familien Herzensbedürfnis war, lag'noch' viel poetischer Reiz, viel religiöse Innigkeit über dem Feste. Sind aber die Verhältnisse nicht -mächtiger als wir? Abgestorbene, verblaßte Schönheit läßt sich nicht auffrischen, und versucht man es dennoch, wirkt sie verstimmend. Für das ackerbautreibende Volk der Juden war das Herbstfest das heiterste von allen. Der Weinlese- und Erntemonat lud Klein und Groß zu ungebundenstem Frohsinn ein. Die wenigen Mitteilungen über dieses Fest, die auf uns gekommen sind, sprechen von Tänzen und Reigen, Gesängen und Liedern, von Prozessionen-und Illuminationen, von Gelagen, und Mahlen: es war das schönste Fest im schönsten Monat des Jahres. Da hatte die Hütte, das Kampieren im Freien Sinn und Bedeutung. Was bietet sie aber uns? Nicht einmal recht die Möglichkeit, darin die Mahlzeit zu verzehren. Höchstens die schwermütige Erinnerung an die Wandlung, die wir durchgemacht haben, die nicht zu ändern - ist, vielleicht nicht einmal in Palästina. Andere Menschen, andere Formen! So lasset uns im Herbste an einem Tage Gott preisen, wie es in unseren Landen schön und erhebend ist, nicht mit dem Palmzweig, sondern mit ßen edelsten Pflanzen unserer Zone, nicht in der Hütbe, sondern im Gotteshause, im Heim, in Wald und Flur. So denke ich mir unsere Feste. Im Wesen die alten, in der Form aber verjüngt, zu neuem Leben erstanden; keine alte unverstandene Sitte, sondern jedem lebendig quellende Wirklichkeit, ein Born religiöser Erquickung. Mögen gottbegnadete Dichter erstehen, die Israel lehren,,Dank- und Jubelhhmnen an diesen drei Festen zu Ehren Gottes anzustimmen. Legen wir ab das düstere Gewand, das unser religiöses.Leben angelegt hat; es kleidet gar nicht unsere Religion, die von uns Freude in Gott fordert. Wir wollen nicht mehr und sollen nicht mehr weinen und greinen, klagen und seufzen, .mag es uns auch noch nicht so ergehen, wie es gehen sollte; wir wollen jubelnd auf Gott vertrauen, in froher Zuversicht seiner Güte entgegensehen. Ernst und Feierlichkeit sollen unseren Festen nicht fehlen, echte Religion wird nie ausgelassen, nie lasziv, aber der Ernst seiheiter, die Feierlichkeit stimmungsvoll und fröhlich. Doch auch jene Tage unserer Religion wollen wir nicht missen, an denen wir abtun unsere Sünden und uns versöhnen mit Gott und Menschen: unfern Neujahrs-und Versöhnungstag. Aber so erhebend viele Gebete sind, die wir an diesen zwei Tagen des höchsten Idealismus verrichten, so erfüllt sie auch sind von tiefer Empfindung, reiner Hingebung und edler Gesinnung, so sehr diese Tage sich auch in ihrem Wesen zu einem fast schrankenlosen Universalismus erheben, manches, gar manches habe ich auch gegen ihre Bräuche auf dem Herzen, worüber ich mich als Anonymus und Ihnen gegenüber, geehrter Herr Rabbiner, offen aussprechen will. - Vor allem, was sollen uns zwei Neujahrstage? Daß der Beginn des religiösen Kalenderjahres mit ernstem Jnsichgehen gefeiert wird, hat sicherlich gar manches Heilsame an sich. Daß aber.dazu zwei Tage ,nottun, wie soll man sich-das zurechtlegen? Ich glaube, Tausenden religiösen Juden aus der Seele zu sprechen, wenn ich sage, wir wollen, von jetzt ab nur einen Neujahrstag begehen. Auch die lange Dauer des Gottesdienstes ist ermüdend, - andachtstörend. Halten Sie doch nur einmal, geehrter Herr Rabbiner, genaue. Umschau. In der ersten Stunde werden Sie eine heilige Ruhe wahrnehmen, man fühlt gleichsam die Andacht in der. Lust, in der zweiten Stunde läßt sie nach, und in-der dritten verschwindet sie. Ist das Gotteshaus etwa da, daß ich darin die andächtige Stimmung verliere? Warum sollen wir nicht gehobenen, erbauten Gemütes, den' Tempel verlassen, warum gleichgültig, ohne -nennenswerten Seelenerfolg? Eine kürzere Andacht würde unendlich mehr leisten. Wieviel überflüssige Gebetstücke enthält noch das. reformierteste Machsor, wieviel unnütze Wiederholungen! Eigentlich sollte die ganze Anlage unserer Gebete für diese zwei Tage eine gründliW Aenderung erfahren. Es ist Neujahr. Aber von Gebeten, die sich mit diesem Gedanken beschäftigen, ist nicht allzuviel im Machsor zu merken. Der Neujahrstag sollte doch mehr mit der sinnenden Einkehr, mit Gedanken über das verflossene Jahr zu tun haben, mit unseren Hoffnungen und Wünschen';" erst der Versöhnungstag' sei der Buße, der Verzeihung gewidmet. In Wahrheit nimmt im Machsor der Neujahrstag die Gebete des Versöhnungstages vorweg, wie ja tatsächlich viele Gebete an beiden Festen gesagt werden. Im Laufe der Zeit ist Rosch-hoschana ein milder Jom-Kippur geworden, man fastet . nicht, kasteit sich nicht, aber man betet dasselbe wie am Versöhnungstage. Wer nicht blind ist, sieht die Folge schon jetzt eintreten: Viele Juden gehen nur am Versöhnungstag in die Synagoge, zu Neujahr nicht mehr. Die Herren Rabbiner machen sich^s sehr bequem und wettern über mangelnde Religiosität. Das allein ist's aber nicht. Der denkende europäische Jude sieht die Gleichheit beider-Tage und fängt an gegen den einen lässig zu sein, da ihm der zweite genügende seelische Befriedigung bietet und er nicht weiß, was mit dem Neujahr zu beginnen. Welche Fülle von segensvoller Arbeit harrt hier der tatkräftigen, arbeitsfreüdigen Rabbiner! Die beiden Feste müssen auseinander gehalten werden. Jeder Jude muß genau wissen, was das. Neujahrsfest und was der Versöhnungstag ihm Besonderes bringe. Unsere Väter und Mütter meinten, nnt Rosch-hoschana werde das Lebensbuch geschrieben, am Jom Kippur werde es gesiegelt. Und sie haben das keineswegs symbolisch, sondern buchstäblich genommen. Sollen wir das auch noch meinen? Wünschen Sie das? Wenn.nicht, dann müssen Sie eben dem Neujahr moderne Gedanken, neue Ideen leihen; wählen Sie aus den hebräischen Gebeten jene aus, die unseren Gedanken vom neuen Jahre entsprechen und fügen Sie diesendeutsche Gebete hinzu, die innigen Ausdruck geben sollen den Gefühlen, von denen wir an dem religiösen Neujahr beseelt sind. Die Gebete am Versöhnungstage, hebräische wie deutsche, seien der Buße, der Versöhnung und Vergebung vor Gott und Menschen gewejht. Und vor allem kürzen, kürzen! Am Neujahrstage dauere der Gottesdienst nicht länger als zwei Stunden. Auch der Gottesdienst des Versöhnungstages muß gekürzt werden, wenn er seinen Zweck erfüllen soW. Manche sind ganz außer sich bei dem Gedanken, die SynagHe-

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