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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-08 · Heft 2 (8.1.1909) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
Seite 18 (sequence 6)
Language
German
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meinem bescheidenen Untertanenverstand nicht ein. Welche ungeheuren Folgen hakte für das Judentum dise Wandlungvon der Freiheit zurMns reih eit! Sollte der gewaltige Sprung von Unfreiheit zur Freiheit keine Folgen haben? Wird ein Sklave frei, schleppt er die alten Fesseln weiter? Wird er nicht jauchzen, tanzen, jubeln? Und uns muten unsere Rabbiner zu, in der Weite -eng, in der Helle düster, in verjüngter Frische griesgrämig Zu bleiben. Welch' ein widersinniges Verlangen! Wie oft hörte ich schon unfern Prediger Klage führen über die Mitfeier der christlichen Feste. Nein, Herr Rabbiner, Sie tun uns bitter Unrecht. Wir feiern tut* unsere Auferstehung, unsere Rückkehr zur Natur. Der alte unverwüstliche Sinn für die Freuden des freien Menschen durchströmt uns wieder: „Ein unbegreiflich holdes Sehnen - - . Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn, -r j Und unter tausend heißen Tränen - Fühlt ich mir neue Welt erstehn". * > Und weil der frei-e Jude für dies neue Fühlen keine Befriedigung zu Hause findet, sucht er sie in seines Herzens übermächtigem Drange — draußen. Er feiert nicht das christliche Fest, er feiert nur die aus den christlichen Feiertagen noch nicht verschwundenen Naturfeste, die er aus den eigenen Festen verloren hat. , Glauben Sie ja nicht, geehrter Herr Rabbiner, daß ich diesen Zustand sür gut halte, ihn billige. Ich verstehe ihn nur und verlange, daß auch die „liberalen" Rabbiner ihn verstehen und daraus endlich zu folgern lernen. Unsere historischen Feste müssen wieder Naturfeste werden! Wie und wo könnte der moderne religiöse Mensch seiner religiösen. Ergriffenheit, seiner Anbetung der göttlichen Macht reineren, universelleren Ausdruck verleihen, als angesichts des Erwachensder Natur, angesichts ihrer kraftstrotzenden Fülle und ihrer Reife? Was kann mich religiöser stimmen als der Anblick der schwellenden Triebe eines Baumes, der aus Winterstarrheit zu jungem Leben erwacht? Wo vermag ich inbrünstiger Gottes Allmacht preisen, als in der Bewunderung des wallenden Kornmeeres, des Baumes, dessen Zweige in der Wucht der Früchte sich demütig zu Boden senken! Im Preise der Schöpfung verstummt jeder Zwiespalt, da schweigt Personen- und Nationenkult — beide die Quelle ewigen Haders —, da sind alle Menschen erfüllt von der Gnade des großen Segenspenders. Gewiß, ich sehe auch in der Geschichte der Menschheit, in der Geschichte Israels das Walten Gottes, ich will auch an meinen Festen der historischen Erinnerung nicht entraten, sind sie doch Auszug und Offenbarung Welt- und Menschheitsereignisse, aber vor allem sollen sie das wieder werden, was sie zuerst gewesen sind: Israels und des Menschengeschlechts Naturfeste. Es ist selbstverständlich, daß wir sie nicht so feiern können, wie es unsere Ahnen in Palästina getan. Der israelitische Bauer unternahm an diesen drei Festen, die zugleich Erntezeiten waren, mit Weib und Kind eine fröhliche Wallfahrt nach dem Zentralheiligtum seinesStammes, später nach Jerusalem. Da lohnte es nicht, sür ein bis zwei Tage die beschwerliche Reise zu unternehmen, man blieb —zumal im Frühling und im Herbst — gern recht lange mit Freunden und Stammesbrüdern, blieb sechs und sieben Tage beisammen bei Opfer und Mahl. Für uns gibt es keine Wallfahrt mehr und kein Opfer. Unsere Festfreude soll sich kundgeben im Gottesdienste, in freudvoller Familienfeier und im Genüsse der Natur. Wie kann aber die solange währen, wie die Feier unserer Vor- ' Väter? Welchen' Wert, tvelchen Sinn soll das haben? Im Altertum war Zeit nichts, heute ist Zeit alles. Was dem palästinensischen Bauer gepaßt, kann uns doch unmöglich passen; sehen Sie das nicht ein, geehrter Herr Rabbiner? Ja, wenn Sie mir sagen, Gott Habe einmal sechs, das andere Mal sieben Tage hindurch das Fest der ungesäuerten Brote zu feiern geboten, haben Sie Recht, wenn Sie vorgeben, daran nicht rütteln zu dürfen. Teilen Sie jedoch meine Ansicht, daß die lange Feier des Frühlings- und des Herbstfestes nur erklärlich wird durch die Wallfahrt zum Zentralheiligtum, durch den Ueberfluß an Zeit der alten Ackerbauer, wie begründen Sie für uns das Festhalten dieser heute unmöglich langen Zeit? Wie kann es nur Menschen geben, die das nicht begreifen? Acht Tage lang ein Fest begehen, acht Tage hindurch einer Erinnerung sich weihen, acht Tage hindurch dasselbe Jaale wejowau, dasselbe Siebengebet, acht Tage lang Tag für Tag Thoravorlesung! Welche Monotonie! Muß das nicht der Ruin des ganzen Festes sein? Staunen Sie noch darüber, daß unser Gottesdienst von den modernen Juden geringgeschätzt wird? Seien Sie versichert,' geehrter Herr Rabbiner, ich staune, daß er sich noch so erhalten hat, daß der Festgottesdienstbesuch noch immer ein recht rtzger ist. Denken Sie doch nur an die heutigen Menschen mit ihrer nervösen.Hast und Eilfertigkeit, denken Sie nur an den heutigen Geschäftsverkehr: von Stadt zu Stadt eilt und sputet sich der . Kaufmann, rastlos tätig. Und da soll er acht Tage hindurch täglich fast eine volle Stunde demselben Gottesdienste widmen. Ach, hätten wir ihn gelehrt, allmorgendlich aus tiefem Herzen ein kurzes Gebet zu Gott emporzusenden, wie viel besser, wie viel nachhaltiger wäre das gewesen, wie viel religiöser wären wir geblieben! Da hilst's nicht, die acht Tage um einen kürzen. Mut, Mut, Herr Rabbiner, da heißt es, das Fest dem Fühlen und Denken eines europäischen Menschen, des europäischen Juden gemäß auszugestalten, da heißt es, kühn und offen den Bruch mit der Tradition, der ja auch schon vollzogen ist, gutheißen, anerkennen: unser Frühlingsfest dauere nur zwei Tage! Am Abend des Rüsttages sei festlicher Gottesdienst, ebenso am Vormittag, des ersten und des zweiten Tages. Dem Frühling, und der historischen Erinnerung sei der erste Tag geweiht, dem Pietät-- vollen Gedenken der Dahingegangenen der Gottesdienst des zweiten Tages. Der erste Festabend versammele die ganze Familie zum Seder — noch immer haben wir keine Haggada für unsere Kinder, geehrter Herr Rabbiner — ungesäuerte Brote sollen uns das Leid der Ahnen ins Gedächtnis zurückrufen. Daß ich das, Käschern und das Ostergeschirr nicht für nötig halte, werden Sie mir hoffentlich nicht verübeln, geehrter Herr Rabbiner. Wohl haben es unsere Großmütter damit sehr ernst genommen, selbst das Chomez-bateln war ihnen eine heilige Sache. Doch wir weinen vergebens um die verlorenen Bräuche des Mittelalters, ihre künstliche Züchtung im Treibhause unserer westeuropäischen Orthodoxie wird wenig nützen. Das Fest bietet des Schönen, Ergreifenden und Religiösen eine solche Fülle, daß wir gar nicht notwendig haben, an alte und veraltete Sitten uns zu - klammern. Das unverständliche Omerzählen wollen wir fallen lassen, wollen lieber mit jungen Blüten unsere Gotteshäuser und Wohnungen schmücken, und Frühlingslieder mögen erschallen im Tempel des Herrn. Und an den Nachmittagen des Festes ziehe jung und alt hinaus in die zu neuem Leben erwach e nd e Natur, u m an ihr sich labend, Gottes Gn ade zu preisen. .

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