Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
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Malchijos, sichronos, ^'sedolros, Joz’ros, Selichos, .. Jom Lippur-Loton, Wnodad von Schabbos und viele andere Rezitationen' machen dem Neuling viel mehr zu. schaffen, als die Gebete mit getragenem. Gesangsstil, weil jene durch unausgesetzte Uebung in Fleisch und Blut übergegangen sein müssen, weil sie, von Noten und nach Noten gesungen, einfach ungenießbar sind, und weil sie den Lsaw teüllod, den im liturgischen Gesang bewanderten Laien, die meisten Angriffspunkte bieten zu kränkender, verletzender Kritik. 7 Diesen Mängeln kann nur gesteuert werden durch ein längeres, intensives und rationelles Studium. Ein solches läßt sich aber in wünschenswertem Umfange nicht einstigen in den Lehrplan einer Lehrerbildungsanstalt, deren vornehmste Aufgabe in der Heranbildung von Lehrern besteht. Allein, wenn beträchtliche Mittel vorhanden sind, um die Gemeinden mit tüchtigen Lehrkräften zu versorgen, wenn für Wohlsahrtseinrichtungen der Opfersinn in der Judenheit schier unerschöpflich ist, sollte wohl da ein Appell ungehört verhallen, der darauf abzielt, den Kantorenstand zu heben durch allseitige und vollwertige Ausbildung? Liegt diese Bestrebung denn nicht auch im wohlverstandenen Interesse der Gemeinden? Darum hoffen wir zuversichtlich, die Gemeinden werden der heiligen Pflicht sich nicht entziehen, wie. für Thora und Gemilus chassodim, auch für Awoda, für eine, würdige Ausgestaltung des Gottesdienstes, selbst in der kleinsten Gemeinde, durch Heranbildung tüchtiger Kantoren Sorge zu tragen. Zudem erfordert die Erfüllung dieses Wunsches, von dem ernst denkende Kantoren beseelt sind, der schon in Fachkreisen, namentlich innerhalb des Allgemeinen' Deutschen Kantoren- Verbandes, Gegenstand eingehender Erörterungen gewesen ist, durchaus nicht übermäßige Opfer an materiellen Mitteln, wenn der Plan, wie er gedacht ist, zur Ausführung gelangt. Es würde sich darum handeln, dem stimmbegabten Seminaristen, der Lust und Liebe für den Kantorenberüf an den Tag legt, der die Lehrerbildungsanstalt absolviert hat, die Möglichkeit zu bieten, zunächst noch ein weiteres Jahr in einer Anstalt, die lediglich Kantorenausbildung bezweckt, sein Wissen und Können zu ergänzen und zu vervollkommnen. Eine solche Anstalt ließe sich unschwer einem bereits bestehenden Lehrerseminar angliedern. Walteten in dieser fachmännisch erprobte, pädagogisch geschulte, vorbildlich wirkende Lehrkräfte ihres Amtes mit Begeisterung und Hingebung — gar bald würden die Klagen verstummen über den Mangel an tüchtigen, wohlgeschulten Vorbetern, gar bald würde ein Nachwuchs erstehen, dem Judentum.zu gedeihlicher Förderung, den Gemeinden zum Segen und dem Kantorenstande zu allgemeiner Anerkennung und zur Zierde. Gkvsnken rinrsLsien über dssIudentum. Veröffentlicht von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. '■ v. Die Feste. as äußere Umstände vermögen, wie sie das ganze Innenleben eines Volkes beeinflussen, von Grund auf umwälzen, zeigt sich nirgends so einleuchtend, so.unwiderleglich, wie an den jüdischen Festen. Die Feste aller Religionen sind Dankfeste. In ihre Dankseste haben die Völker alles hineingelegt, was sie an Heiterkeit, an Frohsinn und Lebensfreude besaßen. Auch Israel. Ich will vor Ihnen, geehrter Herr Rabbiner, mit meinem bibelkritischen Kenntnissen nicht prunken,7 möchte nur kurz meiner Ueberzeugung Ausdruck geben, daß im 16. Kapitel des fünften Buches Mofis die Urbedeutung der israelitischen Feste uns erhalten geblieben.ist. Gerade dieses Kapitel geht, wenn auch nicht stilistisch, auf Zeiten zurück, die weit hinter der Einwanderung in Aegypten, liegen, auf abrahamitische Zeiten. Die ältesten und frühesten Feste der Völker sind ihre Naturfeste. Die Israeliten waren zur Zeit der Eroberung Palästinas schon relativ zu kultiviert, um die Naturfeste der autochthonen Bevölkerung dazumal.erst ausgenommen zu haben, sie hatten sie schon nach Gosen mitgebracht und da auch weiter gefeiert. Der nationale, historische Ausbau des Herbstfestes stammt aus sehr später Zeit, und die Umwandlung des Sommerfestes zum Gedenktage der Offenbarung ist nachbiblisch. Nur die Zusammenschmelzung des uralten Passahfestes mit dem ebenso uralten Frühlingsfeste dürste ägyptischen Ursprungs sein. Wie immer jedoch, solange die Israeliten in Palästina lebten und Ackerbau trieben, war die fröhliche Festfeier nicht umzubringen: seine Vereinigung mit der Natur feierte der israelitische Mensch an diesen drei Festen mit der sorglosen Heiterke-it seines ursprünglich kindlichen.Sinnes. Da kam die Wanderung und mit ihr di^ veränderte Lebensweise und Beschäftigung. Auch die arischen Völker wanderten nach neuen Gegenden, aber sie blieben was sie waren: Jäger, Hirten, Ackerbauer. Und als sie ihre alten Naturfeste mit dem die römische Kaiservergötterung auf Jesus angewendeten Personenkultus vereinigten, erhielten die Feste christliche.Namen, christlichen Gottesdienst, in ihrem Wesen jedoch blieben sie die alten Naturfeste voll Liebreiz und Fröhlichkeit: das alte Naturfest war doch immer die Pulsader geblieben, wenn auch die Christfeier ihre dünne Haut darüber gelegt hat; die Fortsetzung der früheren Beschäftigung ließ die mächtige Urftrömung nicht versanden. Anders gestaltete sich unser Geschick. Da wir nicht in geschloffenen Massen wanderten, auch nicht nach einer Richtung, da ferner unsere Ahnen keinen dauernden Wohnsitz suchten, die Hoffnung auf die Rückkehr nach Palästina überallhin mit ihnen zog, mußten wir statt zum Ackerbau zum Handel greifen, und damit ist uns der Frohsinn einer bodenständigen Bevölkerung abhanden gekommen. Aber selbst dieser Wechsel vermochte nicht die Urktaft der israelitischen Festsröhlichkeit ganz zu bannen. Wie auf kahlem Felsen da und dort ein bescheidenes Blümlein keimt und blüht, so schaffen Lust und Freude auch aus dem dürren Ghettoboden zur Festzeit empor: konnte der Jude an seinen Festen nicht mehr hinaus in die freie Natur, brachte er sich die Natur ins Haus; derBlumenschmuck. am Wochen feste und der Bau der Hütte zu Sukkoth riefen unbewußt die Erinnerung wach an das alte und doch ewig junge Sehnen der Menschenbrust nach der Mutter Natur. Und war das Pessachsest in der neuen Heimat lange nicht mehr von Frühlingslust- und Wonne umwoben, suchte man mit gutem Erfolge im Hunwr des Sederabends den Kindern Ersatz zu geben für des freien Lebens vergangene Heiterkeit. So flössen Jahrhunderte dahin, bis schließlich die ganze Juden-; heit in die Täuschung sich hineingetebt hat, es wäre niemals anders gewesen. Die neue Umwälzung in der Geschichte der Judenheit brach heran. — Sehen Sie, geehrter Herr Rabbiner, ich frage mich oft staunend, wie doch denkende Menschen nur glauben können, daß politische, soziale, wirtschaftliche Revolutionen in einem Volke sich vollziehen sollen, ohne den nachhaltigsten Einfluß auf seinen Gesamtorganismus auszuüben. Und unsere Gleichstellung war für uns. und wohl auch für unsere christlichen Mitbürger keine E v o l u t i o n, sandern eine Revolution. Wie man da sagen kann, alles müsse beim Alten bleiben, geht