Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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suchen und senden zur Beseitigung der offenbaren Mängel und' Schäden in der modernen kantoralen Ausbildung. - '- Auch wenn in den Seminarien, die schon vor Jahrzehnten irr ihren Lehrplan die Heranbildung von Vorbetern ausgenommen haben, das Menschenmögliche geleistet würde — — die völlig veränderten Zeitverhältnisse, - die anders geartete Erziehung unserer modernen Jugend in religiöser Hinsicht und andere noch zu besprechende Schwierigkeiten^ sie fordern gebieterisch eine durchgreifende Reform sowohl in der methodischen Anordnung, Darreichung und Verarbeitung des Lehrstoffes, als auch in einer den praktischen Anforderungen besser entsprechenden Feststellung des Lehrziels. . - Für die Unzulänglichkeit der int Seminar erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten sprechen eine deutliche Spräche die in den letzten Jahren als Rettungsanker eingerichteten Ferienkurse, die aber, bei aller Anerkennung dessen, was die Leiter in wenigen Wochen zu bieten imstande sind, günstigenfalls nur den Wert mangelhaften Flickwerks beanspruchen Mrfen. Diese Zeilen sollen nicht nur die Wurzeln des Nebels aufdecken, wie und wo ich sie erblicke, sie sollen auch den Weg andeuten, der vielleicht geeignet wäre, eine Gesundung der augenblicklich herrschenden unerfreulichen Zustände herbeizuführen. Von einem modernen Kantor, der größten wie der kleinsten Gemeinde, wird heutigen Tages verlangt, neben einem entsprechenden Maß an hebräischem Wiffen, an allgemeiner und musikalischer Bildung, ein wohlklingendes Organ, dessen mehr oder minder künstlerische Behandlung und völlige Vertrautheit mit den Vortragsweisen der Liturgie des ganzen Jahres. Wie sieht es nun in den Seminarien aus mit der Weckung und Pflege des Tonsinns, mit einer rationellen Tonbildung, mit der Entwicklung und Vervollkommnung der Singstimme, desjenigen Instrumentes, mit dessen Beschaffenheit, Behandlung und Widerstandskraft die Existenzbedingungen des zukünftigen Kantors unlöslich verknüpft sind? Wenn ich sage, von dieser hehren Künste Hauch werden die ^Seminaristen wenig berührt, so stütze ich mich einerseits auf Erfahrungen, die ich in dieser Hinsicht während meiner Studienzeit im Berliner Seminar unter Meister Lewandowski, dem genialen, unerreichten Shnagogenkomponisten, machen mußte, anderseits auf Beobachtungen, die mir zahlreich Kollegen, hervorgegangen aus anderen Bildungsanstalten, darboten. Ich übersehe durchaus nicht die großen Schwierigkeiten, die selbst dem erfahrensten Gesangspädagogen bei seiner Tätigkeit in einer Lehrerbildungsanstalt gegenübertreten. Ist doch die körperliche Entwicklung bei vielen Kandidaten während des größeren Teils ihrer Studienzeit noch nicht abgeschlossen. Insbesondere gilt dies von dem Uebergang der Knabenstimme in die männliche, bekannt unter dem Namen Mutierungsperiode, ein krankhafter Zustand, der bis zum 18. Lebensjahre, mitunter auch darüber hinaus, zu dauern Pflegt. In dieser Zeit sollten die Stimmen entweder völlig geschont oder mit größter Vorsicht und Sachkenntnis behandelt werden. Aber anstatt einer sach- und fachgemäßen Unterweisung, die, weit entfernt von gedankenlosem Schematismus, ganz individuell erfolgen müßte, bekommt der Seminarist irgendein Hilfsbuch in die Hand, und nun wird losgesungen, unbeschwert von der Kenntnis über Atemführung, Tonansatz, Ausnützung der Resonanzräume, unbekümmert darum, ob er kehlige, gaumige oder nasale Töne produziert. Unter solchen Umständen wäre man fast geneigt, das als Vorzug zu preisen, was bei zielbewußter, Erfolg versprechender Leitung als Kalamität bezeichnet werden müßte, nämlich die für das Gesangstudium zur Verfügung stehende geringe Zeit von zwei Wochenstunden, nota bene bei Kombinierung der drei Seminarklassen, wie dies zu meiner Zeit üblich war. Wohl dem Seminarzögling, der weise Zurückhaltung genüg besitzt, um der naheliegenden Gefahr einer Schädigung seines jugendlichen, empfindlichen Organs zu entgehen, um den Keim^ zu einem vorzeitigen Ruin seines Stimmaterials durch unzeitgemäßen Eifer von-sich fernzuhalten, dem schon so manch vielversprechendes Talent zum Opfer gefallen ist. Man halte mir nicht die Tatsache entgegen, daß namhafte Kantoren aus den Bildungsanstalten hervorgegangen seien, die in ihren Stellungen zur Zufriedenheit ihrer Gemeinden wirken und schaffen. All diese Kantoren, sofern sie nicht Sonnenkinder des Schicksals sind und waren, auf die der Psalmvers anzuwenden wäre: „jitten lijdido scheno“, alle diese Kantoren, sage ich, haben ihre stimmliche Ausbildung nicht im Seminar erhalten, sondern a u ß e r h a l b desselben aufprivatem Wege oder in Konservatorien. Erst nach abgelegtem Lehrexamen konnten sie sich regelrechten Stimmstudien widmen, die dann auch bei intelligenten, strebsamen Kandidaten von schönen Erfolgen begleitet waren. Und wie sieht es in den Seminarien aus mit der Aneignung der liturgischen Vortragsweisen, mit der Beherrschung des Chasonus? Schon die mangelhafte Grundlage in stimmtechnischer Beziehung, die viel zu knapp bemessene Unterrichts¬ und Uebungszeit, sie schließen auf diesem weiten Studiengebiete die künstlerisch erfolgreiche Tätigkeit nahezu aus. Dazu gesellt sich aber bei unserer jüngeren Generation ein Umstand, der nicht minder hemmend und erschwerend in die Wagschale fällt. Früher, als in allen jüdischen Häusern die Betätigung religiösen Lebens lebhaft pulsierte, als das jüdische Kind die Uebung der vorgeschriebenen Bräuche und Satzungen nicht nur theoretisch erlernte, sondern, was viel wichtiger ist, auch praktisch erlebte — da war der Gesang noch heimisch in Jakobs Zelten, allerdings fast ausschließlich im Dienste des Kultus. Im trauten Familienkreise leitete der Vater seine Angehörigen an zu reger Beteiligung bei den Semiros- Gesängen, unter seiner Führung und Aufsicht wurde der Knabe angehalten zum Besuche des Gottesdienstes an Werktagen, Sabbaten und Festtagen, und unversehens hätte der Heranwachsende Jüngling einen unverlierbaren Schatz häuslicher und synagogaler Vortragsweisen erworben, so daß mit Fug und Recht von vielen Gemeinden gesagt werden konnte, in ihnen sei „jeder Ständer ein Chasen". Die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart Haben nach dieser Richtung hin einen tief beklagenswerten Umschwung herbeigeführt. Der Seminarlehrer darf bei dem weitaus größten Teile der modernen Jugend so gut wie nichts mehr voraussetzen, weil sie dem Ritus, dem liturgischen Gesänge fremd gegettübersteht. Da bleibt schließlich nichts anderes übrig, als den Fukünstigen Chasanim die Liturgie einiger Häuptgottesdienste nach Noten .einzudrillen, eine Lehrmethode, die eher geeignet ist, die Phantasie zu ertöten als zu befruchten. Das freie Rezitativ, das „Sagen", das heißt jene in den Grund-, rissen, in den charakteristischen Jntervallenfortschreitungen gegebene Vortragsart, der im freien Fluge erst der Ehasan seine persönliche Note aufprägt, sie wird in den Bildungsstätten für Kantoren vergeblich gesucht. Und doch bildet gerade dieses „Sagen", das richtige Setzen des Wortes, seine zutreffende musikalische Illustrierung, den Prüfstein für die größere oder geringere Meisterschaft des Ehasans. Die Kunst, eine durch Text und Situation bedingte Stimmung hervorzurufen, sie sestzuhalten und auf die Hörer zü übertragen, , sie wird nicht mehr gepflegt, obwohl alles ändere eher und leichter erlernt werden kann, als gerade diese Kunst. Tritt nun der unvollständig ausgerüstete junge Kantor sein neues Amt an, dann kommen ihm nur zu bald die vielen klaffenden Lücken zum beängstigenden Bewußtsein.