Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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ein Paar hübsche Muhmen im Hause gewesen, so hätten wir das alte schone Lied- „Rote Rose, Feigelblüt" angestimmt, und geliebter Junge, es hätte ein Seelengaudium gegeben." „Ich Hab' auch nichts dagegen," versetzte Thomas, pfiffig lächelnd, „aber da es nun einmal nicht möglich war, so müssen, wir denn schon mitdem Rebenblute allein vorliebnehmen Aber halt! gar so unmöglich wäre es denn doch nicht, daß wir heute noch einer „roten" Rose begegnen, wenn wir in die verwitterten Tore der alten Fabiana einreiten." „Wie meinst Du das?" fragte Diether aufhorchend. „Du weißt," nahm Thomas das Wort, „daß der sehr gelehrte Herr Dr. Garbcrius ein ganz absonderliches Studium auf die hebräische Sprache verwendet. Da ich nun unlängst den Alten besuchte, fand ich bei ihm einen Juden, der ihm an die Hand geht beim Erklären der alten Mosesbücher; wir reden zusammen, und so erfahre ich denn, daß er Ephraim Reubel heiße und aus Nußdorf sei. Als der Jude sich entfernt hatte, erzählte mir der Doktor, daß derselbe nicht bloß ein guter Sprachkenner, sondern auch der Vater eines lieblichen Töchterleins sei, welches an Anmut seinesgleichen suche im Lande." „Und wir sind bereits in Nußdorf!" rief Diether, aus des Gefährten Gedanken eingehend. „So ist's," meinte Breitner. . Sie hatten die ersten Hütten des damals höchst armseligen Dörfleins erreicht, welche vom Schnee bedeckt kaum sichtbar waren zwischen den Geländern und Felsen des Ufers. Neben den Weinbauern und Holzschlägern hatten - sich hier einige jüdische Familien angesiedelt, um die ersten zu sein, welche mit den von Passau und Negensburg kommenden Kaufschiffen verkehrten. Abseits von den anderen standen ihre armseligen, niederen Häuser; kein Rauch stieg aus den beschneiten Schornsteinen, und tiefes Schweigen herrschte ringsum, als die beiden Reiter auf die Tür des ersten Hauses zuktepperten. „Könnten wir nicht dem Juden das Tor einreiten und ihm ein wenig die Fenster zerschlagen?" fragte der Schlagnitweit mit jene.r mittelalterlichen Roheit, die jede Mißhandlung, jede Bedrückung eines geknechteten Volkes für erlaubt, ja wohl gar.für ein verdienstvolles Werk hielt. „Was fällt Dir ein?" versetzte Thomas, der in seiner echt -österreichischen Gutmütigkeit durchaus nicht gewillt war, irgend jemandem das Geringste zu leide zu tun, „leben und leben lassen, so halte ich's! Warum denn die armen Leute in Angst versetzen, was sollen die da drinnen zittern, da wir doch selbst heute einen guten Tag hatten." Schlagnitweit stand von seinem Vorhaben ab; nicht weil die humane Ansicht seines Freundes ihm eingeleuchtet hatte, sondern weil er's nicht der Mühe wert fand, über einen Juden viel Worte zu verlieren. Sie hatten die Hütte erreicht, und Thomas klopfte an eines der niederen Fenster. Gleich darauf erschien ein altes grundhäßliches Weib und fragte demütig um der gnädigen Herren Begehren. „Wohnt hier Ephraim Reubel?" fragte Breitner, seinen Gaul streichelnd. Das Weib zeigte aus das Haus gegenüber. „Seid bedankt, Muhme Sara, und der Himmel erhalte Euer holdselig Antlitz," rief der Schlagnitweit und folgte mit seinem Gefährten der angedeuteten Richtung.. Beide stiegen vom Gaule und banden die stampfenden Tiere an den nächsten Baum, dann polterten sie ungeduldig an die Haustüre und riefen mit lauter Stimme um Einlaß. Ein kleiner Junge, mit seinen orientalischen Zügen, öffnete, und sah mit dunklen, scheuen Augen auf die beiden Männer, die unverzögert mit klirrendem Tritte in den Hausflur traten, während Schlagnitweit den Jungen fragte: „Ist Dein Vater zu Hause, Bube?" , „Nein, gnädigster Herr," versetzte der Knabe, „der Vater ist gen Wien gezogen zum Arzte, da die Mutter an einem harten Gebreste leidet und im Hinterstübchen liegt." „Ist Deine Schwester zu Hause?" fragte Thomas. „Regina?" rief der Junge verwundert aus, indem er sich vor die Tür der Stube stellte, „was wollt Ihr von meiner Schwester? Sie hat keine Zeit und muß die Mutter warten." „Du willst uns doch nicht wehren, einzutreten," zürnte der Schlagnitweit, „willst Du aus dem Wege, Balg," und mit. kräftiger Hand Packte er den bestürzten Jungen und schleuderte ihn zur Seite. „Nun, das ist ein gesegneter Eingang," lachte Breitner, „mußt Du schon an, der Tür Händel anfangen. Du heilloser Raufbold; willst die Schwester sehen und schlägst den Bruder das machst. Du klug." Und er wandte sich freundlich lachend zu dem Knaben und rief: „He, mein Junge, was fällt Dir ein, zu heulen. Der Herr da hat's so böse nicht gemeint; oder glaubst Du vielleicht, daß er der Knecht Ruprecht ist, und Deine Schwester mitnehmen will." Nachdem Thomas so nach seiner Meinung den Knaben getröstet, folgte er seinem vorausgegangenen Gefährten und trat in die Stube. Obwohl armselig, war die Stube dennoch nicht ohne einige Gegenstände, die auf eine gewisse Wohlhabenheit des Eigners schließen ließen, und obwohl es bereits dunkler ward, und der Abend durch die Hornfeuster nur trübes Licht hereinwarf, so sah man doch an der Wand manch schmuckes Geräte blinken, ein Zeichen von des Hausherrn reger Tätigkeit im Handel. Aber der schönste Schmuck der Stube war die li'ebliche Jungfrau, die -am Tische stehend aus allerlei heilsamen Kräutern einen Saft bereitete, zur Stärkung für die krank, liegende Mutter. Regina mochte kaum über sechzehn Jahre zählen; das' edle, bleiche Antlitz mit den mild schmachtenden Augen wurde umfangen von der Haare dunklem Lockengestecht; alles an ihr war Schönheit und Grazie. „Sei uns gegrüßt, Wunderblume des Morgenlandes!" ries Breitner, dem es nicht an jenem poetischen Sinne fehlte, der den fahrenden Schülern des Mittelalters eigen war. Die Jungfrau errötete tief, und versetzte, ein Tuch umwerfend: „Seid bedankt, Ihr Herren, doch weiß ich nicht, was uns die Ehre Eures Besuches verschafft, da ich Euch nicht kenne, noch mich zu erinnern weiß, daß Ihr je bei meinem Vater gewesen seid." . „Doch waren wir bei ihm," versetzte Thomas, „zwar nicht in Nußdorf, aber in Wien, und wir wollten heute wieder bei ihm einsprechen." „Der Vater ist nicht zu Hause," sagte Regina. „Das haben wir bereits von Eurem Bruder gehört," fuhr Breitner fort, „aber deshalb werdet Ihr uns wohl nicht vor die Tür stoßen, denn 's ist kalt, und der Schnee weht wie Nadeln. Hier aber brennt ein lustig Feuer; vielleicht kommt Ephraim zurück und bis dahin, so es Euch angenehm, plaudern, wir eins zusammen." „Ja," schrie Schlagnitweit aus seine tölpische Weise. Das Mädchen heftete einen erschrockenen Blick aus den Junker, in dessen Kopse allgemach der Geist des Klosterneuburger Weines, den die Kälte bis jetzt niedergehalten, von der Wärme der Stube befreit, sich breit zu machen begann. „Siehst Du, Bruder Thomas!" rief er, indem er sich bequem in einen alten Sorgenstuhl pflanzte, „sichst Du, so bin ich, Bruder, immer geradezu und ohne Umschweife, was plauderst