Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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dieser Anfrage — und nicht über die Universitätsfrage zu sprechen. Markow II: Ich benütze die Frage der freiwilligen Zuhörerinnen als Beispiel. In die Universitäten drangen die freiwilligen Zuhörerinnen ein, ' und nach Ablauf einer langen Zeit, die verbrecherische Nachlässigkeit der Behörden benutzend, verbleiben sie schon dort. . . Eine Stimme links: Auf Allerhöchsten Befehl. Wie wagen Sie das? Anarchist. Purischkewitsch (vom Platze): Markow, fahren Sie fort! („Waljai!"). Markow II: Wir können darauf nicht warten, bis man es für gut findet, diese verbrecherische Handlung abzuändern. Wir fordern, daß diesem verbrecherischen . . . eirp Ende gemacht werden solle. Der Präsident: Ich halte Sie an, Dumamitglied Markow. Sie erlaubten sich schon dreimal den Ausdruck verbrecherische Tat der. Regierung zu gebrauchen. 'Ich habe Ihnen nicht Schweigen auferlegt, .weil ich' dachte, daß Sie sich versprochen hatten. Ich sehe aber, daß Sie diesen Ausdruck mit Vorbedacht wiederholen. Eine solche Art des Ausdruckes ist in den Räumen der Reichsduma nicht zulässig. Marko II.: Und so fahre ich fort . . . Der Präsident: Bitte, aber alle agitatorischeu . . . (Der Lärm erstickt die weiteren Worte des Präsidenten) ich werde gezwungen sein, Sie gänzlich zum Schweigen zu bringen. Bitte, die Versammlung nicht zu einem ungewünschten Zustande zu bringen. Markow: Ich werde über das Wesentliche sprechen. Der Präsident: Bitte Sie, bloß über die Dringlichkeit des Antrages zu sprechen. Purischkewitsch (vom Platze sich an den Präsidenten wendend): Nikolai Alexejewitsch, beruhigen Sie sich! Der Präsident (sich an Purischkewitsch wendend): Ich bitte Sie ergebenst, sich meinetwegen nicht zu beunruhigen. Markow: Wir, die Rechte, halten dafür, daß der Antrag als dringend anerkannt werden muß, im Namen der heiligen Interessen des russischen Volkes, die durch uns fremde Elemente belästigt werden. Man will uns auf das Niveau jener unglücklichen polnischen Städte bringen, wo bloß jüdische Gewerbetreibende und Handwerker da sind, und die polnischen verschwunden sind. In der Mitte unserer Bevölkerung reist die Unzufriedenheit und das Murren. Wir, ihre Vertreter, müssen dem ungesetzlichen Vortreten unserer Bevölkerung Vorbeugen, wenn aber die Reichsduma die Dringlichkeit zurückweisen wird, so werden unsere Wähler wissen, daß sich um sie vor denjenigen zu schützen, die ihnen ihren Verdienst rauben, nicht genug Vertreter in der Duma befinden. (Eine Stimme links: Das ist ein Appell zu einem Pogrom!) Wir bitten, in Betracht zu ziehen, daß, wenn das russische Volk, welches harrt, daß derselbe russische Auserwählte ihre gesetzliche Interessen verteidigen werden, welche die weisen Monarchen früherer Jahre verteidigten . . . (Lärm). Der Präsident: Dumamitglied Markow! Ich erteile Ihnen einen Verweis; seien Sie i.n der Wahl Ihrer Ausdrücke vorsichtig. Markow: Ich bin überaus vorsichtig.und sage, daß die weisen Monarchen . . . Der Präsident: Ich wiederhole Ihnen nochmals . . . Sie betreten einen gefährlichen Weg. (Lärm, Stimmen: Er hat bereits diese Bahn betreten!) Markow: Die Interessen des russischen Volkes wurden zu allen Zeiten von den russischen Monarchen beschirmt, und wir sind überzeugt, daß dieselben Interessen mit Hilfe der untertänigen Duma auch in Zukunft von den russischen Zaren beschützt sein werden. Um die Aufmerksamkeit der höchsten Macht auf die unglücklichen unserer russischen Wähler zu lenken, überreichen wir diesen Antrag, indem wir überzeugt sind, daß, unabhängig davon, wiedie Reichsduma beschließe, der Monarch diese Sache zugunsten des russischen Volkes entscheiden wird. Der Präsident: Ich erteile dem Dumamitglied Bulat zur Motivierung der Abstimmung das Wort. Bulat (von der Arbeitergruppe): Ich teile mit, daß wir für die Dringlichkeit, aus jenen ehrlichen und aufrichtigen Gründen stimmen werden, welche von dem Redner links angezeigt wurde, und nicht-aus den menschengehäsfigen, lügenhaften und falschen Argumenten, die von der rechten Seite ausgesprochen wurden (Lärm). Der Präsident erteilt Bulat einen Verweis für seinen unpassenden Ausdruck. , Die Dringlichkeit wird gegen die Stimmen der Arbeitergruppe, Sozialdemokraten und der Rechten abgelehnt. * Die prekäre Lage der Juden in Finnland war oft schon! Gegenstand der Besprechung an dieser. Stelle. Wie ein Ver- ' mächtnis aus trübstem Mittelalter lastet bis auf den heutigen Tag ein beispiellos rigoroses Ausnahmerecht über den Juden Finnlands..^Nachdem schon seit einiger Zeit in rückfichtslosester Weise Ausweisungsdekrete gegen jüdische Ansiedler ergangen sind, die sich seit langer Zeit im Lande befinden, find - soeben wieder gegen dreißig arme jüdische Familien mitten im rauhen Winter aus dem Lande ausgewiesen worden, und . das gleiche Schicksal kann alle anderen Juden treffen. Darf doch bis jetzt ein Jude nur in den drei Städten Helsingfors, Abo und Wiborg wohnen, und auch dieses Wohnrecht ist mit entwürdigenden Bestimmungen verbunden. Obwohl die meisten Juden im Lande geboren und auferzogen sind, muß ein jeder von ihnen alle sechs Monate einen Aufenthaltsschein erhalten, in dem angegeben wird, daß er nur mit Zigaretten, alten Kleidern und ähnlichem Kram handeln darf. Wenn ein Jude sich aber verheiratet, soll er sogar laut dem Gesetze des Landes verwiesen werden. Wo nun das verrostete Gesetz solche Barbareien und Absurditäten kennt, da bleibt die oberste russische Verwaltungsspitze erst recht nicht zurück und drängt gewöhnlich aus Jnnehaltung des geltenden „Rechts". Eine Zeitlang schien allerdings auch im Schicksal der dortigen Juden eine Wendung eintreten zu sollen. Denn als die große russische Freiheitsbewegung auch nach Finnland hinübergriff und mannigfaltige Humanitätsgefühle auslöste, da trat zugleich eine gewisse Strömung zugunsten der Verfolgtesten der Verfolgten hervor. Mt dem Vordringen der russischen Reaktion ist jedoch auch diese Frage von der Tagesordnung verschwunden, und die dortigen Juden leben nunmehr in einer panikartigen Stimmung, stets voll Furcht vor Ausweisungskatastrophen. Finnland hat so häufig die Sympathien der zivilisierten Welt gegen die russische Unterdrückung angerufen, und nunmehr schreitet die finnische Regierung genau nach russischem Vorbild in rücksichtslosester Weise zur Austreibung der wenigen Juden, die es in Finnland gibt. Unglaublich, aber leider wahr. Nus der Berliner Gemeinde. 8. Berlin, den 27. Dezember, n einem Vorbericht haben wir bereits aus der letzten Repräsenm tanten-Versammlung Beginn und Schluß der Debatte über die Anstellung jüdischer Organisten gebracht; unserem Versprechen gemäß wollen wir heute noch das Wesentlichste aus der Diskussion herausheben. Die Frage der Anstellung jüdischer Organisten, zu der die „Allgemeine Zeitung des Judentums" bereits im Jahre 1894 und auch in diesem Jahrgang in zustimmenden Artikeln Stellung genommen hat, ist durch den am 2. Februar d. I. gestellten Antrag der Herren Justizrat Simon und Geheimrat Senator wieder akut geworden. ■ Es wurden die Gutachten aller Rabbiner eingeholt und dem vorberatenden Ausschuß vorgelegt, welcher, wie wir bereits mitteilten, den Antrag Simon-Senator mit der Modifikation angenommen hat, den Gemeindevorstand auszufordern, bei der weiteren Anstellung von Organisten und für die Harmoniumbegleitung jüdische Bewerber, soweit geeignete Bewerber vorhanden sind, zu berücksichtigen; für die Ausbildung jüdischer Organisten Fürsorge zu treffen, und insbesondere die Orgeln in den Synagogen für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen. Rechtsanwalt Dr. Ignatz Cohn weist daraus hin, daß laut Gemeindestatut bei allen den öffentlichen Gottesdienst betreffenden Anordnungen das schriftliche Gutachten der Rabbiner eingeholt werden muß, und deshalb muß auch den Gutachten maßgebende Bedeutung zuerkannt werden. Er bringt in Erinnerung, daß bereits im Jahre 1891 die gleiche Vorlage die Gemeindebehörden beschäftigt hat und sich zurzeit nur Rabbiner Dr. Mahbaum dafür, alle anderen Rabbiner