Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228854--65218-3277330
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Gemvinben, auch manche^gvoße, veröffentlichen überhaupt nicht einmal ihren Etat und daher auch nicht die- Ausgabe für die Wöhltätigkeitspflege. Man muß fich daher auch, wie Herr Justizrat Breslauer das tsti, darauf beschränken, die Summen, welche in ben größer en Städten Deutschlands für die angegebenen Zwecke-aufgewendetwerden, anzuführenum wenigstens ein gewisses Bild von dem Umfange der für die jüdische Wohlfahrtspflege aufgewendeten Summen zu geben. Abgesehen von den großen Millionenstiftungen: der Baronin Cohn-Oppen- Heim-Stiftung, der Fanny Simon-Stiftung, Hannover, der Rudolf Mosseschen Erziehungsanstalt zu Wilmersdorf, der Dr. Martin Ephraim-Stiftung der jüdischen Gemeinde zu Berlin und einer Reihe weiterer großer Stiftungen gibt uns der Verfasser eine Uebersicht dervAusgaben für Wohltätigkeits- Pflege aus den Städten Karlsruhe, Danzig, Dresden, Stuttgart, Königsberg i. Pr., Hannover, Posen, Mannheim, Nürnberg,' Leipzig, München, Köln, Hamburg, Breslau, Frankfurt a. M. und Perlin. Dabei ergibt sich für Berlin die interessante Tatsache, daß pro Kopf der jüdischen Seelenzahl mindestens jährlich 20. Mark für Wohlfahrtszwecke -verausgabt werden, gewiß ein glänzendes Zeugnis für die Opserwilligkeit jüdischen Wohltätigkeitssinnes. Zum Schluß behandelt Herr Justizrat Breslauer noch die interessante Frage, ob eine gesonderte jüdische Wohlfahrtspflege noch erforderlich sei, und ob nicht der Zeitpunkt in absehbarer Nähe liegt, die jüdische Wohlfahrtspflege mit den sonstigen in Deutschland bestehenden nichtjüdischen Wohlsahrtsinstitutionen zu verknüpfen. Herr Justizrat Breslauer ist durchaus und mit Recht der Ansicht, daß der Zeitpunkt für eine gemeinsame Wohlfahrtspflege noch nicht gekommen sei. Wenngleich in früherer Zeit Fälle zu verzeichnen sind, in denen auch Nichtjuden jüdischen Wohltätigkeitsinstituten ihre Hand gereicht haben. (so wie die jüdische Waisenknabenanstalt in Posen bekanntlich von einem Christen errichtet ist), und es anderseits bekannt ist, daß eine sehr große Anzahl jüdischer Stifter ausdrücklich bestimmt hat, daß auf die Konfession der Bittsteller keinerlei Rücksicht genommen werden solle, so ist doch im Augenblick nicht die Zeit gekommen, an ein derartiges Zusammenwirken der jüdischen Wohltätigkeitsinstitute mit den nichtjüdischen in allen Fällen als möglich oder nützlich erscheinen zu lassen. Herr Justizrat Breslauer hat mit seiner Abhandlung im „Archiv für Volkswohlfahrt" nicht nur auf den Reichtum und die große Mannigfaltigkeit der jüdischen Hilfsarbeit der Gegenwart hingewiesen, sondern auch mannigfache Anregungen gegeben, sowohl in bezug auf die praktische Arbeit und Fortentwicklung geordneter jüdischer Wohltätigkeitspflege wie auch in bezug auf die Wege weiterer Einzelsorschungen und Feststellungen auf diesem Gebiete, welche' geeignet sein könnten, das großartige Bild der jüdischen Wohltätigkeils- und Wohlfahrtsinstitutionen zu ergänzen und zu erweitern. Insbesondere' wäre es vielleicht eine dankbare Aufgabe, Methoden und Möglichkeiten ausfindig zu machen, um einmal festzustellen, welch ein ungeheurer Prozentsatz alljährlich von Juden für jüdische Wohltätigkeitszwecke und Wohlfahrtspflege verausgabt wird. Daß daneben für allgemeine Wohltätigkeit und Wohlfahrt von den Juden Deutschlands ebenfalls ganz erhebliche und beträchtliche Summen zur Verfügung gestellt werden, ist bekannt und allgemein anerkannt, bedürfte aber gleichfalls einmal statistischer Unterlagen. Dir Mache. : Berlin, 1. Januar, neue Jahr beginnt, wie das alte geschlossen : Mit Klagen über die Verletzung der Gleichberechtigung. Und zwar ist es diesmal kein jüdisches Blatt, sondern ein politisches, die Z.", die ein mannhaftes Wort findet für die Klagen : der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens. Es heißt in dem Artikel unter anderem: „Wir haben vor einiger Zeit die Tatsache erörtert, daß in Preußen kein Jude, wie tüchtig er auch als Soldat sein mag, Reserveoffizier werden kann, vom Berufsoffizier nicht erst zu reden. Keinem andern .Kulturstaat kann,der Vorwurf einer gleichen Verletzung der Gleichberechtigung gemacht, werden. In Frankreich, England, Amerika gibt es eine Menge jüdischer Offiziere in. der Armee und Marine. In Italien ist der Jude Ottolenghi mit Ehren Kriegsminister und kommandierender General gewesen. In Oesterreich-Ungarn ist noch vor wenig Monaten ein Jude Feldmarschall- Leutnant geworden- In Preußen hat es jüdische Offiziere in den Kriegen von 1813 und 1870 gegeben; sie haben ihren christlichen Kameraden an Tapferkeit und Opferfreude nicht nachgestanden; sie haben für ihr Vaterland geblutet, und ihrer mancher ist mit dem Eisernen Kreuz geschmückt worden. Es war auch einmal ein Jude aktiver preußischer Major, Burg, ein ausgezeichneter Lehrer an der Artillerieschule. Aber ihn deckt schon mehr als ein halbes Jahrhundert der grüne Rasen. Seit langer Zeit wird in Preußen kein Jude, auch wenn es sein Hauptmann, sein Oberst angelegentlich wünscht, auch nur Reserveoffizier — trotz Verfassung und Reichsgesetz. Aber die Verletzung der gewährleisteten Gleichberechtigung beschränkt sich nicht auf die Militärverhältnisse. Man begegnet ihr auch in der Zivilverwaltung des Staats und des Reichs. Es gibt in Preußen zwar jüdische Richter; wie schwer es auch der - Justizminister Schönstedt jüdischen Assessoren gemacht hat, zu Richterstelleu zu gelangen; ganz hat er sie von diesem Beruf nicht auszuschließen vermocht. Aber es gibt in Preußen keinen jüdischen Landgerichtsdirektor, keinen jüdischen Senatspräsidenten, keinen jüdischen Staatsanwalt. Weshalb nicht? Niemand wird im Ernst behaupten, daß kein Jurist jüdischen Bekenntnisses die Befähigung zu diesen Aemtern habe. In außerpreußischen Bundesstaaten sind Juden sowohl Direktoren wie Staatsanwälte geworden. Auch in Preußen wurden ihnen solche Stellen und noch höhere zugänglich, wenn sie sich dazu herbeiließen, sich taufen zu lassen. Mit bemerkenswerter Offenheit wurde ihnen vor Herrn Beselers Zeiten mitunter amtlich anheimgegeben, das Hindernis ihrer Berufung zu beseitigen und zum Christentum überzutreten. Das geschah im Bereich derselben Verwaltung, die über Recht und Gesetz zu wachen hat. Der Justizminister Beseler hat mit der früheren Praxis gebrochen; er setzt die jüdischen Rechtsanwälte nicht mehr planmäßig . bei der Verleihung des Notariats zurück; er hat auch mehrere jüdische Richter zu Oberlandesgerichtsräten ernannt. Bis zum Landgerichtsdirektor, geschweige Senatspräsidenten hat es freilich vorerst noch kein Jude gebracht. Ja, wenn man nach getauften Juden sucht, findet man ihrer sowohl in diesen Aemtern wie in der preußischen Staatsanwaltschaft. Der oberste Gerichtshof, der höchste Hüter des Rechts ist das Reichsgericht. Sein erster und glänzendster Präsident war Eduard 'Simson, ein getaufter Jude. Wäre heute ein Jurist, der nicht getauft ist, mit allen Kenntnissen und Talenten Simsons geschmückt er würde vergebens hoffen, auch nur einfacher Reichsgerichrsrat zu ' werden. Wir haben Männer gehabt, die diesem Gerichtshof zur Zierde gereicht hätten, die geradezu ein Bedürfnis für ihn waren. Es sei nur an Hermann Staub erinnert. Wie hat er nicht die Rechtsprechung befruchtet! Wie unendlich oft hat nicht das Reichsgericht auf Staubs Schriften Bezug genommen! Wenn ein Ruf nach Leipzig an ihn ergangen wäre, wäre ihm Staub ohne Bedenken gefolgt, obwohl er eine höchst ergiebige Anwaltspraxis hätte aufgeben müssen. Er betrachtete es als Ehrenpflicht, seine Kraft in den Dienst des Reichsgerichts zu stellen. Darüber hat er seinen Freunden keinen Zweifel gelaffen. Aber er ist niemals in die Lage gekommen, das 1 Angebot einer Reichsgerichtsstelle anzunehmen oder auszuschlagen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.