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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-25 · Heft 52 (25.12.1908) · page 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 52 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
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könnte sonst H. St. Chamberlain die Grundlagen einer Kulturepoch wie die des 19. Jahrhunderts aus den Rassenbegriff abstellen? Einem . mystischen Trugwort. Als wollte man die Entwicklung des modernen Strafrechts aus den Ueberresten der Blutrache konstituieren. Jodl bemerkt gegen Chamberlain: „Und auch ein Mann wie Chamberlain verfolgt mit seiner Darstellung (Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, 3. Kap.) und mit seiner Auswahl von Herrenworten ganz bestimmte Tendenzen, die jenseits unbefangener Geschichtsforschung liegen." lieber den engsten Zusammenhang der evangelischen Ethik in einer Reihe von Grundbegriffen mit dem Alten Testament spricht er im Sinne von Heriuann Cohen. Dieser Zusammenhang besteht und ist anerkannt von der besonncren theologischen Forschung. Und weiter heißt es bedeutsam: „Immer wieder verfallt die sogenannte kritische Theologie der Täuschung, daß man zwar die Entstehung des Christentums, wie jeden anderen Abschnitt aus der Geschichte unter dem Gesichtspunkt rein menschlicher Entwicklung zu betrachten habe, daß aber an diesem einen Punkte im Strome der Geschichte ein (Absolutes herausragt, das geschichtlich nicht weiter aufgelöst werden könne — ein Offenbarungsträger von einzigartiger Bedeutung und Originalität" (S. 581). Das ganze vierte Kapitel ist für die Beurteilung des Verhältnisses von Judentum und Christentum höchst instruktiv. Im 18. Kapitel behandelt er Spinoza. Wie vieles hat man nicht an diesem Heros zu bemängeln gewußt! Kleine und große Geister haben in seinem System/nur Widersprüche gesucht. Die eine» haben ihni Egoismus vorgeworfen. Die verschiedensten Richtungen haben den großen Weisen zu verkleinern gesucht. Jodls Kapitel über den Amsterdamer Philosophen ist ein Meisterwerk:, der Objektivität und der gerechten Würdigung seines geschichtlichen Einflusses und der inneren Bedeutung. „Erst die deutsche Philosophie hat am Ausgang des 18. Jahrhunderts mit Lessing,' Jaeobi und Herder den Weg zu .Spinoza gefunden ( und in immer steigendem Maße seine Gedanken zu ihrem Wiederaufbau benützt. Fast alle,. Elemente ihres eigenen Lebens fand sie in ihm vor: die konstruktive Tendenz, die Begeisterung für die Natur, den Gegensatz gegen die Theologie und den Zug von der Oberfläche der Dinge in die Tiefe und Unendlichkeit. Diese Umstünde rechtsertigeu die Stellung, welche Spinoza hier angewiesen wird. Er steht in gewissem Sinne außerhalb der Entwicklung — ein Fall fi'trj fich,^ ein Bindeglied zwischen den kühnsten Gedanken des Humanismus und dem spekulativen Idealismus Deutschlands,') zugleich ein eigentümlicher Typns naturalistischer Ethik" ... (S. 488.) Und seine Würdigung saßt Jodl in die Worte zusammen: „Was Spinoza in Wirklichkeit vorschwebt, ist der höchste Standpunkt rein theoretischer Weltbetrachtung. Hier ziemt nicht Kritik, sondern denkendes.^Vertiefen in das Wesen der^Dinge, das überall Kraft, überall Leben, überall Keime zu neuen Bildungen, freilich auch jene grandiose Gleichgültigkeit gegen das Einzelne finden läßt, wie sie aus der unerschöpflichen Fülle des Ganzen hervorgeht." (S. 492.) Es ist nicht unsere Absicht, hier eine spezielle .Würdigung der großen'Leistung Friedrich Jodls zu versuchen. Die Größe des Buches liegt sicherlich in der feinen, bis ins einzelne durchgefnhrten Darstellung der wissenschaftlichen Ethik bis Kant. Es ist eine Arbeit von größter Kraft, und die ebenso sichere wie elegante Linienführung ist äußerst instruktiv. Die Interpretation geschichtlicher Bilder durch Vergleiche mit der Gegenwart macht das Studium dieses Buches zu einer/Quelle) edler Freude. _ _ __ _ Seine Hauptbedeutung spricht sich 'fürs unsft'n der Progressive aus, die die sittlichen Gedanken der Menschheit)!» der Geschichte ausweisen. In diesem Sinne ist gewissermaßen die Geschichte der Ethik die Ethik selbst. Dies zeigt..namentlich der Schluß (des Buches. Es endet mit einer Schicksalsfrage an das deutsche .Volk: Reiner Humanismus, oder offener/und heimlicher Dualismus? Romantik heißt der.letztere, Fortschritt und unendlicher Monschenwert der erstere. „Ob die Geschichte die große Schicksalsfrage noch einmal stellen wird?" . Dr. L. Roth. * — Pauline Wengerofs, Memoiren einer Großmutter. Berlin 1908, MJPoppelaer. Ein versonnenes „ES war einmal" klingt mit leiser Wehmut aus dem Buche der feinfühligen Verfasserin. Wie bei einem Rembrandtschen Gemälde blichm wir in das anziehende Helldunkel einer verflossenen jüdischen Kilturperiode, und das stechende Licht des Alltags schmerzt uns. wenn wir das Buch schließen. Denn was uns die Versasseri» aus der Ve:gangenhe>t des vorigen Jahrhunderts so anspruchslos zu erzählen t einer vornehmen jüdischen Familie überhaupt ein Mikrokosmos des gut:n t Kleingemälde doll intimen Reizes,! e wir uns als „Kinder der Welt" empfinden läßt, wie klein wir gen is Kultur mehr haben. Man mag i anderes war, als ein von Anfang bis sich abrollender Gottesdienst, in gewis ei r der Beschränktheit zeigt es die s etwas Ausgefülltes und Ganzes, Volleindruck mit. weiß, ist mehr als das Leben der russischen Stadt; es ist n Judentums alten Schlages, das uns moderne Israeliten, groß dünken, mit Schmerz >rden find — weil wir keine ls Leben jener Inden, das nichts Ende des Jahres wunderbar Sinne beschränkt nennen, eisterschaft. Das Gemälde ist nehmen einen wohltuenden begrüßen, daß endlich in den Patrü Licht der europäischen Kultur hereinbr mögen es w,hl im Sinne des Fortschritts .rchalischen Dümmer das volle :ch — aber wir klagen a mit der Verfasserin über die fürchterlic >en Zerstörungen, die die zersetzenden Strahlen anrichteten. Wievi: und Ethik ist zu Grabe getragen i Großniutter, dein Dr. G. Karpeles i gegeben hat, nicht nur gelobt, sondern a nicht nur für liebe „Enkelkinder" bestimmt, als es in den ReligionSschnlen geschehen kann, in den Reiz und die Weihe des altjüdischen Lebens eingefühct Iverben, es gibt auch den Erwachsenen einen interessanten Beitrag bei unseren Brüdern im Nachbarreich, ernsten Juden gedankenvoll stimmen. Des n sagen müssen: „Sprich nicht, Zeiten besser waren, nickt aus Weish ii doch das heiße Verlangen nach der Geschlossenheit, wie sie die Väter kannte i, jüdische» Knlturwerten. jüdische Lebenskunst, Poesie >oscden! — Möge das Buch der freundliches Geleitwort mitauch gelesen werden! Es ist die spielend, besser vielleicht .Umwertung der Werte" Und endlich wird es jeden venu wir auch mit Koheleth es, daß die vergangenen fragst Du," so erweckt es inneren Einheitlichkeit und ehnsncht »ach neuen Sxrechst al 1 Geehrter Herr Revaktenr! Afu§ Anlaß der Hundertjahrfeier hauptsächlich in Verbindung mit d für die Juden in Preußen von segensi erschien in dieser Zeitung (Nr. 40) über t t Artikel. In Ergänzung desselben freundlichkeit des Ministers durch Aeu) durch gestatten, noch folgendes über Beratrmg des oben erwähnten Ediktüber Juden billigen, das mehr ab Rechte, gleiche Pflichten." Ueber Patriotismus und den Gemeinsinn der Grasen v. Groote im Januar l8 unseres letzten Krieges wider Frankreicl Juden des Staats, der sic in seiner treue Anhänglichkeit sich hervortun. Glaubens sind die Waffengesährten gewesen, und wir haben unter ihnen muts und der rühmlichen Verachtung der sowie auch die übrigen jüdischen Einw Frauen, in Aufopferung jeder Art der .! 1 ' 1 Serichtigunh. In der kleinen literarischen Notiz anstatt „Jntergrammatur" „Tetragramm' letzten Zeile anstatt „der" — „des". nscrer Städteorduung, die Edikt vom 11. März 1812 :chen Folgen begleitet war, Staatskanzler v. Hardenberg ir, um die Juden- :gen zu kennzeichnen, hierihn anzusühren. Bei der er: „Ich kann kein Gesetz Worte enthält: „Gleiche soldatische Tüchtigkeit, den Juden schrieb er an den „Auch hat die Geschichte bereits erwiesen, daß die :hoß ausgenommen, durch jungen Männer jüdischen >rer christlichen Mitbürger »spiele des wahren Helden- Kriegsgesahren auszuweisen, hner, namentlich auch die Christen sich auschlossen." Ergebenst der vorigen Nummer ist gedruckt, und in der dritt-

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