Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-25 · Heft 52 (25.12.1908) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 52 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228851--65201-3277318
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I'' Uus meinem tzeimntsdurk. Von S. Erünewald-Siegen. ^gxhhe-CQfj :T” £urt War ich^in den Ferien einmal wieder in meinem ^lieben Heimatsdörfchen, das da so still und friedlich au! einer einsamen^Anhöhe im Gebiet des Teutoburger Waldes liegt. Die Luft, die man dort atmet, ist nicht die dumpfe, stickige Luft, die. man wohl in den großen Städten schlucken muß und welche die Menschen so bleich und kränklich aussehen macht; — nein, es weht dort eine gesunde, kräftige Luft, die man unbesorgt genießen darf und in welcher man sich so unaussprechlich wohl fühlt, wenn man in derselben ausgewachsen ist. — Und eine Zeitlang konnte ich abschütteln von mir die Sorgen und Verdrießlichkeiten des Berufslebens, und durfte ich vergessen den Aerger und die Widerwärtigkeiten, welche die Gehässigkeit der Welt dem Juden so oft bereitet. — Wie freuten sich die lieben Eltern, mich nach so langer Trennung wiederzusehen, wie herzlich und bieder waren Gruß und Handschlag der derben, ehrlichen Waldbauersleute, deren mancher einst mein Spiel- und Schulgenosse war; das Baud der alten Freundschaft wurde noch fester um uns. — Und die Eltern berichteten mir, was alles seit eiueiu Jahre sich im Dorfe zugetragen, hunderterlei Dinge, fast lauter Kleinigkeiten, die nur für den wichtig sein können, dein der Schauplatz derselben eben die liebe Heimat ist, der Boden, in welchem die Seele mit ihren zartesten Empfindungen wurzelt. Mir war alles wichtig. Das Hauptercignis aber erzählte nur mein Vater, als wir gerade ein wenig durch die Felder wandcrten, nämlich daß der Bischof der Diözese das Dorf kürzlich mit seinem Besuche beehrt habe, wie er von einem Trupp berittener Bauern eingeholt sei in den freudig erregten, festlich geschmückten Ort, und wie alle, Juden wie Christen, gewetteifert hätten, ihm ihre Verehrung zu zeigen. Sogar ein Dutzend leere Kutschwagen feien dem Zuge gefolgt — o, man wisse auch bei ihnen, was sich schickt! — Und als einer der Wagenführer den alten, lahmen Chajim erblickt habe, der, so schnell er auch dahcrhumpelte, doch nicht mitkommen konnte, da habe er denselben in seinen Wagen steigen heißen und ihn zu aller Ergötzen — aber zum harmlosen, gutmütigen Ergötzen — durch die Straßen des Dorfes gefahren, als ob das so sein müßte. Ja, es seien genug Stimmen laut geworden, die dem wackern, mitleidigen Wagenführer unverhohlen Beifall spendeten. „Vater," sagte ich, „wie seid Ihr doch so glücklich daran, daß man hier die Giftpflanze des Uebelwollens, der Feindseligkeit zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften gar nicht kennt, sondern einander so menschlich behandelt. Habt Ihr gegeneinander etwas auf dem Herzen, so sprecht Ihr es offen und ehrlich aus und damit gut. In der übrigen Welt ist es meistens leider anders. Da findest Du soviel grimmigen Haß gegen die Juden lodern, da ist das oft so freundlich gesprochene Wort durchaus nicht immer so freundlich gemeint, da stößt sich der Jude in seinem Verkehr mit seinen Mitmenschen an so mancherlei scharfen, spitzen Kanten und Ecken, daß ihm der Schmerz davon bis ins Herz dringt. Und, er muß es sich ruhig gefallen lassen; denn wenn ihm einmal die Galle überläuft und er sich beklagt, dann antwortet man ihm meistens mit einem Hohngelächter. Ist das nicht traurig?" „Sehr, mein lieber Sohn," erwiderte darauf mein Vater, „aber vergiß nicht, daß die Juden an der Abneigung, die man sie so Gott uns zu seinem auserwählten die Äugen der Welt scharf auf uns wir uns auch so betragen und füh von uns erwarten muß. Viele sind weise — schon um dieser Bevorzug greisen dann, wie sich denken läßt, jede Gelegenheit, uns etwas am Z Gelegenheit bietet sich, oder vielmeh vielfach selber Schuld sind tark fühlen läßt. Seitdem Volke bestimmt hat, sind gerichtet, um zu sehen, ob :en, wie man es mit Recht ans — allerdings törichterung willen gram und ermr so freudiger und eifriger mge zu flicken. Und diese r bieten wir ihnen, sobald : ein einzigesmal einer von ms vom Wege des Rechtes oder des Anstandes abweicht. Wal an anderen Glaubensgemeinschaften das wird uns gleich als ein Verbreche sucht man gleich der ganzen Judensc,afl einen Strick zu drehen. Das ist heute, wie immer. Und leider tun die Juden nicht alle und nicht stets, was gut und sä wie so mancher, besonders wenn e etwas gebracht hat, sich überhebt uv blickt; wieviel dunkelt er sich meh' das mißfällt, das macht böses Blut. „Ich kann Dir leider nicht widc als es eine bekannte Tatsache ist, da; wie auch der bescheidene Jude fast und allgemein geachtet wird. Abe haupten, daß die Juden den Haß, weder immer hervorgerusen, noch beruht vielmehr, das darfst Du glauben! zum großen Teil auf alten, dummen Vorurteilen. Was sagt man den Juden nicht alles nach! Die unsinnigsten verbreitet und finden bereitwillig Ai! So geht in der Gegend, in well hi daß, wenn am Samstag ein Judl Treppe hinabgeworsen werden müs kürzlich große Mühe, eine Familii, Bildungsgrad, sondern auch ihrem Ä gezählt werden muß, von der Blödsü zu überzeugen. Das ist nur ein verrückte Gerüchte der Art mögen r Denk nur einmal an das Märchen Hostienschändung und Brunnenvergif „Sag' mal," fragte mein Vater, dort schon Juden „Noch kein Menschenalter. Vor kein einziger dort geboren. Und ma das erste dort geborene Judenkind man ihm nachlief, weil man glaubte ganz anders aus als andere Kinder. „Und mir erzählte mein seliger großvater, daß, als die Juden sich in und eine Gräfin zum erstenmal einen sie höchst verwundert ausgerufen Hab Mensch, wie jeder andere auch!" daß man an den Juden nichts Abs, man sie nur kennt, und daß man si^ witziges Gerede geglaubt wird, auch daran sind die Juden zum Teil sich so ängstlich hüten, daß ein Nichi blick tue in ihr religiöses Leben, zum Begräbnissen, Beschneidungen, ausgang beim Hawdolohmachen, ja usw., muß dieser nicht unbedingt i Da steckt etwas dahinter, das ich man in dieser Beziehung kaum bemerkt und beachtet, angerechnet, und daraus ist. Sieh nur einmal. Glück gehabt und es zu geringschätzig auf andere als jene zu sein! Und — Ja, ist es nicht so?" rsprechen, um so weniger, sowohl der rechtliebende, überall gern gelitten ist trotzdem möchte ich beder sich gegen sie richtet, lerdient haben. Derselbe Märchen werden über sie fnahme und Glauben, ich wohne, die Sage, sterbe, seine Leiche die te. Und ich hatte noch die nicht nur ihrem n-kehr nach zu den besseren nigkeit dieser Behauptung öeispiel. Wieviel andere i, hl in der Welt umlaufen! v nti Ritualmord, von der „wie lauge wohl gibt es den älteren Juden ist i erzählte mir, daß, als sllazieren getragen wurde, ein Judenkind sähe doch Großvater, also Tein Urdieser Gegend ausiedelten Juden zu Gesichte bekam, „Gott, das ist ja ein Ich will damit nur sagen, uderliches findet, wenn überall, wo solch aber- ,en nicht kennt. Und elber Schuld. Wenn sie jnde nur ja keinen Ein- Beispiel bei Todesfällen, Seder am Sabbatselbst beim Gottesdienst . den Glauben kommen: nicht wissen soll! llau

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.