Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1908)
- Date
- 1908-12-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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welche auch nur unter Anwendung modern-geschichtswissenschaftlicher Prinzipien, wie solche von Karl Lamprecht ent- ' wickelt worden sind, ihrem Endresultat zugeführt werden kann, neben dieser Lösung der Frage nach den seelischen Gesetzen der Verfallszeiten und ihrer Anwendung in diesem speziellen Falle gibt es noch einen anderen Weg, der uns einen Blick in die soziale Psyche eines Zeitalters gestattet. Was nämlich die genaue Präzisierung und Beschreibung der einzelnen Stadien des Verfalles außerdem noch hemmt, ist die Tatsache, daß solche in Wirklichkeit überhaupt nicht existieren. Sie sind ein Produkt der Wissenschaft und bedingt durch die Gesetze unseres Denkens. Man kann bekanntlich selbst eine Naturerscheinung nie in ihrer Totalität erfassen, sondern ist genötigt, das Ganze in seine organischen Teile zu zerlegen, die im Grunde genommen gar nicht vorhanden sind. Die Geschichtsforschung, welche den Gang der Welt nicht mehr von einigen Genies und Sonntagskindern gelenkt betrachtet, sondern hinter der körperlichen Erscheinung der historischen Tatsachen eine soziale Seele sucht, auch sie muß den oben angegebenen Weg der Synthese gehen, um zu positiven Resultaten zu gelangen. Es bleibt also im Grunde genommen auch bei der geschichtlichen Forschung gewöhnlich nichts anderes übrig, als ein Problem, wie z. B. der Verfall der alten Kulturen, dadurch zu lösen, daß man die unfaßbare Eesamterscheinung in seine organischen Teile zerlege, die genau genommen ein Produkt unseres Geistes sind. (Ein anderer kann mit demselben Rechte eine andere Periodisierung nach anderen Einteilungsgründen vornehmen.) Was vor allem bei diesem Verfahren gar nicht beachtet wird, sind die ungezählten Fäden, welche die einzelnen Teile verknüpfen und zum Ganzen gestalten. Und der andere Weg, der uns in das dunkle Reich des sozialpsychischen Geschehens führen kann? Er ist selten gangbar, denn das Material bietet sich nicht immer dar. Wie man nämlich den Charakter eines Menschen dann erkennt, wenn unerwartete Ereignisse, die ihn nicht die ausgetretenen Pfade des Alltags führen, sondern ihn auf Seitenwege locken, au ihn herantreten, so ivird auch der tiefe Seelengrund einer geschichtlichen Bewegung dann blitzartig erleuchtet, wenn der ruhige Gang der Ereignisse gestört ivird. Ein Aehnliches findet bezüglich des Verfalles der alteii Kulturen statt. Vergegenwärtigen wir uns in großen Zügen die geschichtlichen Tatsachen. Juda war zur Zeit der Hohepriester Jason und Menelaus entschieden sehr starken hellenistischen Einflüssen ausgesetzt. War doch letzterer durch syrische Protektion zu Amt und Würden gelangt, obzwar er nicht einmal aus dem Geschlechte der Kohanim stammte! Dabei war dieser junge jüdische Staat in allen Institutionen Theokratie, in dem naturgemäß der Priesterkaste ein Unbegrenzter Einfluß zukam. Durch Esrah, dem Priester, dem von neueren Kommentatoren aus Grund mehr oder weniger stichhaltiger Hypothesen) sogar die endgültige textliche Abfassung des Pentateuchs zugeschrieben wird — durch diesen Esrah wurde das neue jüdische Reich gegründet, ausgebaut und auf die Basis einer konsequenten Theokratie gestellt. Hatte doch Esrah das Aeußerste gewagt: nur derjenige konnte ein Recht in dem neuen Staat erwerben, der vorher seine heidnischen Frauen entlassen hatte. Sittengesetz, religiöses Gesetz und politische Institutionen flössen aus einer Quelle, aus dein aus göttlichem Munde stammenden Thorawort. Bis in die tiefsten -Furchen des Alltags war durch dieses Gesetz das Leben des Einzelnen wie der Gesamtheit geregelt, i Aber von Westen her wehte ein heißer, glühender, vermengender Windstswelcher der jungen nationalen Pflanze, die auf dem kulturell so fruchtbaren Boden Palästinas zu keimen und Wurzel, zu fassen begann, Le umssaft und Lebenskraft zu rauben und aufzusaugen geeignet war — die damalige griechische Kultur. Ueber dem ganzen kleinasiatischen Orient lagerte sie wie ein vergiftender Pesthauch. Schritt um Schritt hatte sie auch Juda sich erobert. kehr und angelockt durch den j Flitter dieser Kultur, atmete Krankheitskeimen geschwängerte A ein. Kein Zweifel, der Zersetzur griffen und auch in Juda alle ge! und nationalen Bewußtseins l Jerusalem wären zu Ehren des Z flammen aufgeflackert, an Stelle die Dionysten getreten, bei denen keit und der Familie gefallen wär wie übrigens alle orientalischen Bi fchweifungen prädestiniert biumeri 25, 1—9, woselbst tatsäch sittlichung des jüdischen Volkes di« Durch den Eintritt unvorherg ruhigen Gang der Entwicklung vo: Zerfall des jüdischen Volkes spendenden nationalen Quellen d dürren und entkräfteten sozialen Keim zu neuem Leben zu wecken. Die Durchführung der Hellem sierung in Juda hatte sich einer der grausamsten und verrücksesten Tyrannen des Orient- Durch den gesteigerten Verrangenden und glänzenden nan auch dort die mit;mosphäre mit Wohlbehagen gsprozeß hätte um sich geunden Quellen des sittlichen erstopft; im Tempel 31t us jetzt täglich die Opferder Wallfahrtsfeste wären ille Schranken der Sittlich- Taß das jüdische Volk >lker auch für solche Ausbeweist die Erzählung in sich von dionysischer Ent- Rede ist. siehener Ereignisse) die dem -greifen wollten, wurde der gehalten und den leben- Möglichkeit gegeben, den zur Aufgabe gemacht: Antiochus IV. von Güte und Herablasscnheit, di eines Narren entschlüpfen konnten, genannt. In den gemeinsten Knei u zu Trinkgelagen und Orgien zusa nmenfand. und gern gesehener Gast; er besuchte die öffentlichen Bäder zu einer Zeit, wo sie jeder Anständi ge mied. Einmal hörte er einen Bettler dortselbst den Wunsch äußern, sich auch mit so köstlichen und wohlriechenden Oelen, l König; sogleich ließ er demselben Salben über den Kopf gießen und c diesem teuren Spaß. Seine treusten und tüchtigsten Diener und Feldherren belohnte er mit emem alten Ring oder mit einer Schale fauler Feigen. Er ei chien auf den öffentlichen Plätzen und bewarb sich um staatliche oder kommunale Aemter. Seine Wähler beschenkte er dann guten Launen umarmte er jeden, de: wegen seiner Anwandlung einzig dem Hirngespinst auch Epiphanes, der Gütige in denen sich der Plebs 1 oft baden zu können, wie der ine Schale der kostbarsten amüsierte sich herrlich bei reichlich und in solchen ihm auf dem Marktplätze 1 den Weg trat, mit stürmischer Leidenschaft — ob Mann. un Mann fehlte jede c Harmonie. Er macht in ob Frau, ob reich, ob arm. Dieser geprägte Persönlichkeit, jede inner« - seinen« nnmotivicrten Gebühren tat ächlich den Eindruck eines Verrückten — psychologisch würden wir sagen: es mangelt ihm an. den Einheitsbeziehungen, geprägter Dissoziation. Dieser Narr ans dem Thron gl u Griechentums berufen und betrachtete e den ganzen kleinasiatischen Orient beglücken. Bis nach Aegypten erstre ki wäre ihm dortselbst bei seinem letten Feldzuge, in welchem ihm dank der Tüchtigkeit seiner Feldherren das Waffenglück günstig war, wäre ihm dortselbst Popilius Saenas mit seinem bekan tten Ultimatum entgegen^ getreten, wahrscheinlich wäre auä Provinz geworden und hätte si hasten Glückes erfreut, damals sch, zu grünen. Nachdem also in A prunksüchtigen Pläne von Rom er leidet seelisch an auslubte sich zum Apostel des . als seine Hauptaufgabe, mit griechischer Kultur zu kteu sich seine Pläne, und sicht der römische Senator Aegypten eine syrische alsbald des zweifeln in griechischer Kultur .)pten seine herrsch- und .ns, woselbst er früher als