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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-25 · Heft 52 (25.12.1908) · page 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 52 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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das Geld nicht gesiegt? — wird endlich einmal neuen, modernen Gedanken, die auch vor den Türen der ältesten Kultus-Gemeindestuben nicht Haltinachen, Eingang gewähren müssen. Es wird nicht mehr gehen, daß man das Judentum nur mit „schönen" Predigten und noch schöneren Kantoren-Liedlein abspeist odergar identifiziert. Endlich wird man sich sozialen Fragen zuwenden müssen, welche mit Ungestüm an unsere Tore pochen. Große demokratische Aufgaben haben das Judentum und seine Vertretungskörper zu erfüllen, und der Ruf wird ertönen: das Judentum für das Volk und nicht für die Begüterten allein. Traurig war es, wenn man las, daß in den Wahlversammlungen, die dieser ewig denkwürdigen Wahl m die Wiener Kultusgemeindevertretnng vorangingen, in einerbanausischen, philiströsen, beschränkten Art von der Besteuerung der Kultusgemeindemitglieder ^gesprochen wurde. Nach dem Statut mag es wohl begründet sein, daß man Leute, die keine Kultussteuer zahlen oder zahlen können, von der Wahl ausschließt. Aber eine andere Frage ist: Kanu man einen solchen Vorgang jüdisch nennen? Man wird auf das alte Ghetto Hinweisen. Aber sind wir diesem nicht entwachsen oder wollten wir es nicht sein? Sind die Ideen einerneuen Zeit an uns spurlos vorübergegangen? Wir wollen doch als moderne Menschen gelten und stellen vielfach noch tief in veralteten, verrotteten Gedanken. Sehen wir uns nun die Kandidaten des Zentral-Wahlkomitces ein wenig näher an, so finden wir hier zwei Privatiers, Männcr also, die gewiß ihr Milliönchen oder Schäfchen im Troekenen haben, einen Professor der Universität, einen Earnhündler, einen Arzt, einen Prokuristen, einen wirklichen Hofrat m Pension, einen Bauunternehmer und einen Weiuhändler, sicherlich lauter achtbare Männer. Aber, fragen wir, warum verschloß inan jenem Alaune den Eingang in die Gemeindestube, der den Mut hatte, sich als „Jehudi" zu bekennen und der es wirklich ist? Eine Opposition geht immer von einem tief innerlichen Grunde ans, und wir wagen es zu behaupten, daß die Wiener -Opposition ihren Grund darin hat, daß sie in der Wiener Gemeindestube wahrhast jüdischen Geist, den gewissen demokratischen Zug, vermißt, lieber diesen Punkt wird man nicht hinwegkommen können. Etwas faul muß auch in diesem Staat sein, der allerdings nicht Dänemark heißt. Nichtig ist es, wir Juden sind in bezug ans unsere kulturellen, sozialen und Wohlfahrts- Einrichtungen ganz auf uns angewiesen; es mußte sich demnach bei uns ein timokratisches System entwilleln und dieses zeitigt immer Engherzigkeit. Aber deshalb ist ein Ausschließungssystem nicht notwendig. Verschließe man sich nur nicht die sehenden Augen. Der Jude ist heute mehr denn je empfindlich. Er muß es sein, wenn er sich von gewissen Stellungen und Berufen gänzlich ausgeschlossen sieht. Und wie sagt doch Schnitzler in seinem Romane: „Empfindlichkeit ist keine Krankheit, eher die Unempfindlichkeit". Und nun sieht der zurückgesetzte Jude, wie das Klassensystem, der Gegensatz von arm und reich, im Judentum selbst und in seinem wichtigsten Vertretungskörper herrscht; muß er sich von solchen traurigen Erscheinungen nicht verbittert abwenden? Wenn der Autokratismus in unseren Kultusgemeindevertretungen seine feste Burg findet, das „sie volo, sie ,jubso° zum Wahrspruche geworden ist, wie kann man sich da über Vergewaltigung durch nichtjüdische Kreise wundern und darüber entsetzt die Augen verdrehen, daß die Liste der Uebertretenden immer größer wird? Man will den Uebertritten steuern. Sehr gut, sehr schön. Aber, wenn man die Kultusgemeinde- Vertretungen zum Erbsitze bestimmter Kreise macht, wird inan die Leute nur aus dem Judentum Hinaustreiben, niemals aber sie von der Größe, dem Jdealisn zeugen. Von Steuern soll die Zugeh niemals abhängen. Viel wurde dc Versammlungen gesprochen, aber Wie beschämend ist es, wenn i „Exekutionsführungen bei der Eintrc niedrigsten Zensus" vorgenommen wissen es, daß die Aufgaben einer große sind, ihre Ausführungen kost die Opferwilligkeit der Reichen eine s> man auf den Steuergulden des Arm und noch viele andere Gedanken, ab! Art, drängten sich dem denkenden auf, wenn er die Reden der Kand: Wählerversammlungen der Wiener K keit, krümerischer Geist, Engherzigkeit Weise znin Vorschein, und wie es sehen wir es auch anderwärts in klein, r, sind wir der Anschauung, die Op stürmischer wird, hat ihr Gutes, sie : dieser kleinliche Geist uns nicht ganz auf sich lade, immer mehr Elemente fremdet zu haben. Verschließen fütih. sichtigsten Augen der Erscheinung nicht tum jetzt höhere Fragen gibt all bäder, des Schächtcns, der Friedhöf große Aufgabe tritt an die Gemeind, nur den Kultus zu schuhen, sondern schützen. Im Dunkel liegt die Zulu: Jugend muß sich förmlich ihrer Hi schiedene Erscheinungen der verflösse: hin, daß uns manche schwere Kümpfe us des Judentums über- , irigkeit zum Judentums rüber in den Wähler- ,Worte, Worte, Worte", mn hört und liest, daß ibung der Steuern des verden mußten. Wir Kultusgemeinde heute pielig, aber ist wirklich geringe geworden, daß n rechnen muß? Diese r nicht sehr erfreulicher Beobachter der Ereignisse baten in den jüngsten emeinde las. Kleinlichkimen hier oft in krasser Wien sich verhält, so en Gemeinden. Darum sition, die jetzt immer :rd darüber wachen, daß rzehre und die Schuld unserem Judentum enteil sich auch die kurzdaß es für das Judcne der rituellen Tauch- und Synagogen. Die -rtretungen heran, nicht auch das Judentum zu >nft vor unS. Unsere nt erwehren, lind ver- Tage deuten darauf bevorstehen. hvri. Juda und H Eine geschichtliche ^er Untergang der alten Kultu: Hunderten der christlichen Zeitr,, dessen ernste Rätsel noch ihrer Lösung diese interessante Aufgabe nicht schy wäre! Aber das Gebiet ist ein so w — umfaßt eS doch die Geschichte all' das Mittelineer lagerten — der Aust komplizierter, daß noch manche schar sich damit beschäftigen muß, das vorl zuarbeiten, anderseits bie Lücken bin vorhandenen Materials auszufüllen, Phasen dieses Zersetzungsvorgauges in seinen Teilen beschreiben kann, die sozialpsychischen Gesetze zu entwi, der alten Kulturen innewohnen. Blick in die seelische Mechanik eines lehrreichsten Zeitalter. So rekvnstru der damaligen Zeit nicht nur üußerli h, Seele ein und es atmet, lebt, spricht asten öffnet den Mund und verkünd Herrlichkeit und Pracht — es liegt ei dieser Wissenschaft. Doch neben dieser, wegen der z: Einzelarbeit heute noch nicht mögliche: B i: iia£L en in den ersten Jahrchnung ist ein Vorgang, harren. Nicht als ob in Angriff genommen tschichtiges, verzweigtes euer Nationen, die um ösungsprozeß ist ein so fsinuige, gelehrte Arbeit andene Material durch-, ch Auffindung des nicht -he man die einzelnen , enau unterscheiden und st dann ist es möglich, welche dem Zerfall werfen daun einen der interessantesten und )ir das Weltbild . hauchen ihm die - jeder Stein in Klein- - -t uns von vergangener eigentümlicher Reiz in wenig vorgeschrittenen :n Lösung der Frage,

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