Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-25 · Heft 52 (25.12.1908) · p. Seite 617

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 52 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
Seite 617 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228851--65196-3277313
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

anzog. —' Die ungewollte Unabhängigkeit vom Staatskörper bedingte die gewollte Freiheit vor dem Einfluß jüdischer Institutionen und Gemeinden. Die finanzielle Beihilfe dieser Kreise in Verbindung mit irgendgeartetem Mitbestimmungsrecht hätte die Eigenart der Anstalt im Keime erstickt; sie mußte ausgeschaltet werden. Und darum ist es selbstverständlich, daß auch die zu berufenen Lehrer die Verlässigkeitsprobe der Objektivität aushielten, daß gerade eine ersprießliche Verschiedenheit des Dozentenkollegiums jedes Polemisieren und Wühlen auf dem Katheder ausschloß. Fast bis zur Gründung der Lehranstalt war es das bittere Los der Wissenschaft des Judentums gewesen, daß ihre Meister schülerarm starben und ihre geistigen Erzeugnisse, wenig verstanden und viel zu gering gewertet, ihnen nachwelkten. Welches waren nun die Lehrer, die die erforderlichen Fähigkeiten in sich vereinten und vom Kuratorium herangezogen werden konnten? Es war kein Mangel au hervorragenden Gelehrten, die dieser Ehre würdig schienen, deren Persönlichkeit für ein segenbringendes Wirken bürgte. Da war H. Steinthal, der Psychologe von Weltruf, Professor für vergleichendes', Sprachforschung an der Berliner Universität. Als Dozent für vergleichende Religionsgeschichte, biblische Exegese und Sprachstudien hat er 27 Jahre au der Lehranstalt gewirkt, untrennbar mit ihr verwachsen, viel geliebt und beivundert, „der für Gott erglühte Jude", ein echter Sproß der Propheten. „Seiner Lehre lauscht der Schüler reiche Zahl", heißt es wahr und schön aus seinem Grabstein. Er stellte den angestrebten Könner zwischen der Lehranstalt und Universität her, und in seinen Vorlesungen erwuchs lange der Hörerkreis, an den man gedacht hatte, „die gebildete Welt", Neben ihm stand, leider nur kurze Zeit, Abraham Geiger, der liberale Rabbiner M/Z. den mehr als alle Amtstätigkeit von Jugend auf der Wunsch beseelt hatte, lehren und wirken zu dürfen. An der Schwelle des Alters wurde ihm, dem ewig Jungen, die Freude, zu geben, seinen Schülern das Glück, ihn zu genießen. Seine universelle Gelehrsamkeit, sein Genie, seine Leistungen für die Wissenschaft sind bekannt und gewürdigt, aber was er geschrieben und gepredigt, wiegt nicht auf, was er auf dem Katheder war; seine Lehrtätigkeit hat ihm Schüler verschafft und ihn unsterblich gemacht, Geigers Wort ohne die Lehranstalt hätte das Geschick der Vorläufer der Wissenschaft des Judentums geteilt, die dem heutigen Geschlechte fremd geworden sind, und wo sie gekannt sind, vielleicht beachtet, aber nicht genannt werden. Neben Steinthal und Geiger trat I, Lewy, Er löste die schier unmögliche Aufgabe, den Talmud nach akademischer Methode und im Geiste der modernen Wissenschaft vorzutragen und in dem vielfach verkannten „Gedanken-Labyrinth" geebnete Pfade zu bereiten. Seine Uebersiedlung an das Breslauer jüdisch-theologische Seminar, dessen Zierde er noch heute ist, war ein großer Verlust für die Anstalt. Seine würdigen Nachfolger wurden I. Müller und E. Baneth, der gegenwärtig den Talmud und seine Nachbargebiete lehrt, ein Meister seines Faches, zugleich ein bedeutender Mathematiker und Astronom, dessen exakte Forschungen gerade auf dem Gebiete der Kalenderkunde und Neumondsberechnnng, zwei interessanten Zweigen der Wissenschaft des Judentums, Wertvolles bieten. Den Kreis der ersten Dozenten schloß D. Cassel, ein Mann, der sein ganzes „enzyklopädisches Wissen" in den Dienst der Anstalt stellte. Zwanzig Jahre hat er die verschiedensten Disziplinen an ihr vertreten, ohne dabei Lückenbüßer zu sein. Seine gewaltige Arbeitskraft hat die Lehranstalt durch zwei Dezennien getragen, in denen die Notwendigkeit, einen neuen Dozenten zu beschaffen, an finanziellen Nöten gescheitert wäre und den Bestand des Institutes gefährdet hätte. So hat er Doppeltes geleistet und vielfachen Ertrag errungen. Die Stärke der Lehranstalt hat überhaupt lange Zeit nur in ihren Lehrern bestanden; und wem Kuratoriums in einer Beziehung von die Mühewaltung des Erfolg gekrönt war, so war es bei den Ergänzungen des Lehrkörpers. Die Berufungen der Dozenten waren nach Charakter ind Eignung der wählten stets glückliche zu nennen, auch da wo ihre Wirksamkeit, wie bei Frankl und Schreiner in de: Vollkraft des Schaffens abbrach. Das gegenwärtige Kollegium bilden außer den bereits erwähnten Dozenten, Baneth und Elbngen, Pahuda, als Vertreter für die biblischen Fächer und Gr immatik der semitischen Sprachen, und Maybaum, der ges eierte Homiletiker, der Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin, ein Mann, der sein Fach, die praktische Theologie, miss hat. und dessen Liebe für die Anstalt zum natürlichen Mittelpunkt des ganz« triebe» gemacht hat. Seinem Wirken Sicherung der Vermögensverhältnisse daß eine Würdigung der Leistunge! Judentums die maßgebenden Kreise i lichere Zeitläufte die langen Jahre der nschaftlich gerechtfertigt und ihre Schüler ihn n wissenschaftlichen Geist auch die endliche )er Anstalt zu danken, der Wissenschaft des urchdrang, und glückllnruhe abgelöst haben. Ihm zur Leite stehen die Leiter des Kuratoriums, der gegenirron und der Marburger >er neukantischenSchule, eigenen würtige Vorsitzende Justizrat H. Veit Ordinarius Hermann Cohen, der Führer dessen philosophische Ferienkurse den Lchrplan der Anstalt bereichert haben. Eine Probe der Arbeitskr« ft und Begeisterung Dozenten und Kuratoren bildet die Heims, wohl des schönsten und zwei Mäßigsten Hauses, das der Wissenschaft des Judentums in Eu:opa dient. Unablässig denken sie auch jetzt an die Förderung eine planmäßige Bereicherung ihrer die Vermehrung der Lehrkräfte und Freunde. Das Wirken dieser Männer hat d unabhängig gemacht, die Wissenschaft große Schar ihrer Jünger werden dankbar ihre Namen unvergänglich erhalten. Jüdische Oberlehrer an ben höheren Lehranstalten Kreutzens. v . den jüdischen Oberlehrern, d einer Preußischen höheren Lehre nstalt tätig waren, ist ein Professor an einer städtischen Anst gestorben, ein -Oberlehrer an berg ansgeschieden, um das Direktorat jüdischen LeGnstalt zu übernehmen. den jüdischest Lehrkräften der beiden j idischen Realschulen Frankfurt a. M. ein Professor in den Oberlehrer gestorben. Die Zahl der augestellten Oberlehrer ist unverändert geblieben (11) der „Hochschule" durch bedeutenden Bibliothek, die Gewinnung neuer : Lehranstalt groß und es Judentums und die 1. Mai 1907 c Frankfurt a. städtischen Schule in Bromeiner außerpreußischen Außerdem sind von tuhestand getreten, ein n staatlichen Anstalten ihnen sind in Ostpreußen 1, Westpreus (2 in Berlin), Posen 3, Schlesien Kalender für das höhere Schulwesen fl Brandenburg 3 tätig. Der „Kunzereußens usw." (Schuljahr 1908), dem wir diese Daten entne zinen, führt allerdings infolge eines Brandenburg Druckfehlers 2 jüdische königlich Zahl der jüdischen Oberlehrer an städt scheu höheren Knabenschulen Preußens ist von 64 auf 67 gefiegen, von denen 1 in Zusammenstellung für Oberlehrer auf. Die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.