Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1908)
- Date
- 1908-12-25
- Page
- Seite 615 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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v: Wie unsere Leser inzwischen aus den Tageszeitungen erfahren haben, ist es den vereinigten Parteien gelungen, den Grafen Westarp als Reichstagsabgeordneten für den Wahlkreis Meseritz-Bomst durchzubringen, und zchar mit einer Majorität von 615 Stimmen, also ungefähr miß den Stimmen der jüdischen Wähler. . Diese Stimmenzahl beweist tatsächlich, daß der Sieg zum allergrößten Teil den jüdischen Wählern zu verdanken ist. Denn wenn dev Konservative auch 1237 Stimmen mehr hatte wie der Zentrumskandidat, so waren es doch nur genau 627 Stimmen über die absolute Majorität. In diesem Plus sind die 600 jüdischen Stimmen enthalten. Hätten die Juden sich der Wahl enthalten, oder gar für den-Gegner gestimmt, dann blieben nur 27 Stimmen über die absolute Majorität für Westarp übrig, die Wahl wäre sicher mit Erfolg angefochten worden. Unzweifelhaft ist die Veröffentlichung des Briefwechsels in der vorigen, Nummer unseres Blattes eine treibende Ursache dieses schönen Erfolges,, durch, den' der Beweis Zerbracht wurde, daß die Juden in der Ostmark nicht eine quantite n6gligeable ftnb, sondern daß man mit ihnen rechnen muß. Weitere Erfolge für ihre Lage werden sicher nicht ausbleiben. Unter diesen Amständen klingt es geradezu komisch, wenn der Graudenzer „ Gesellige" schreibt: „Der Sieg mit einer Mehrheit von 631 Stimmen ist im wesentlichen dem Verhalten der Deutsch-Katholiken zu danken." Die Ostmark wird nur dann wieder genesen, wenn die Deutschen dort sichauf ihre Pflicht gegen die Juden der Provinz besinnen werden. * Ueber die jüdischen Verhältnisse in Rußland schreibt uns -unser b. I'.-Korrespondent aus Odessa: . -Infolge der traurigen Verhältnisse, leiden Namentlich die wohltätigen Anstalten der Odessaer Mischen Gemeinde. Die antisemitische Stadtduma hat bekanntlich dem Krankenhause den jährlichen Beitrag von 17 000 Rubel auf 10 000 Rubel reduziert. Das Manko dieses bedeutenden Betrages sowohl, als auch die geringeren Gaben, die nun, natürlich infolge der traurigen geschäftlichen Lage der einst so blühenden'Handelsstadt in die Spitalskasse fließen, wodurch ein Defizit entstand, veranlaßt^ die Verwaltung des Krankenhauses, neue /Quellen zu suchen. Eine Deputation, bestehend aus dem verdienstvollen Oberarzt Dr.Puritz, und noch zwei Mitgliedern des Kuratoriums, besuchte den General-Gouverneur Tolmatschew und trug ihm die Bitte vor, ihnen zu .gestatten, eine Sammlung im Schoße der Gemeinde zu veranstalten. Er befriedigte dieses Ansuchen, indem er dem Kuratorium gestattete, im Laufe von sechs Monaten den Betrag von 15 000 Rubel zu sammeln. Der Zufluß der Kranken einerseits, die ungeheuere Teuerung aller Lebensmittel anderseits üben einen nachteiligen Einfluß auf dieses überaus nützliche Wohltätigkeitsinstitut, wie auf die anderen Gemeindeanstalten aus. Wenn der wichtigste Hebel, das heißt jene drei Dinge, die der große Schlachtenlenker Napoleon I. als Notwendigkeit zur Kriegführung bezeichnete, nämlich Geld, Geld und wieder Geld, welches bekanntlich die Welt regiert, fehlt, so läßt sich selbstverständlich ein Krankenhaus, nach den Regeln der Hygiene nicht leiten. xropog Spitäler, lesen wir soeben in ' einer Zeitung, daß das Kischinewer jüdische Krankenhaus Oekonomie in der Beheizung treibt. Mit Recht bemerkt der Korrespondent,' .daß diese Oekonomie bei Kranken durchaus nicht angebracht ist! Aber du lieber Himmel, wo sollen die jüdischen Wohltätigkeitsanstalten in .Rußland die Mittel nehmen, die sie bedürfen, nachdem die jüdische Bevölkerung in jenem Lande in den letzten Jahren im vollen Sinne des Wortes verarmt ist. Die Juden haben doch in Rußland - doppelte Lasten zu .tragen: zuerst als russische Untertanen, und dann wieder als Juden! Da ist zuerst, die unglückselige unerschwingliche Fleischpacht („Lorodotsebn^ 8bor")^ die auf den Schultern der armen Bevölkerung lastet, und von der wir erst kürzlich in unserer Korrespondenz in diesem-Blatte sprachen. Dazu kommt die Lichtpacht und noch andere Abgaben und Steuern!: Woher sollen die armen Juden dies alles erschwingen? Der Verdienst ist fast Null, die Teuerung aller Lebensmittel eine.horrende! * Die armen Kinder Israels leben nicht, sie vegetieren faktisch und fristen ein kümmerliches Dasein! Das Bild, das' wir entworfen, ist allerdings grell, aber leider nur zu wahr. Wenn man die Berichte aus den jüdischen Gemeinden liesh so schnürt sich einem das Herz zusammen. Wenn die Lage der jüdischen Einwohner Odessas, eine der größten Gemeinden Rußlands, . sie zählt mehr als 170 000 Juden, bei einer Bevölkerung von nahezu einer halben Millon, sehr vieles zu wünschen.übrig läßt, so kann man sich leicht einen Begriff davon machen, wie es in den übrigen kleinen Gemeinden aussieht! Wann und auf welche Weise wird es besser werden? — Fragen, die leider unbeantwortet bleiben müssen! * Die äußerste Rechte hat sich nicht damit begnügt, gegen den Erlaß Stolypins in der Angelegenheit des Wohnrechts der Juden, wie gemeldet, bei der Duma Sturm zu laufen, sondern sie hat sich jetzt auch mit einer Eingabe an den höchsten Gerichtshof, den vollziehenden Senat, gewandt. Der Erlaß Stolypins hat bekanntlich den Juden bis auf weiteres das Wohnrecht in denjenigen Orten außerhalb des eigentlichen Ansiedlungsrahons belassen, an denen sie sich vor dem 13. August 1906 niedergelassen haben. Der Senat hat nun, noch ehe die Petition der Rechten an ihn kam, in der Sache eine Entscheidung getroffen, welche für die in Unruhe versetzten Tausende von Judenfamilien günstig ist. Der Senat hatte nämlich über eine Privatklage gegen Juden, die sich der bescheidenen Vorteile jenes Erlasses erfreuten, zu entscheiden und hat in der Sache in einer Plenarsitzung im Sinne Stolypins erkannt. Der Senat stellte fest, daß Stolypin nur die Geltung jenes Zirkulars verlängerte, welches bereits Minister v. Plehwe zur Erleichterung der Lage der Juden unter der Bestätigung des Monarchen erlassen hatte, weshalb Stolypins Handlungsweise als gesetzlich zu erachten sei. Neunzehn Senatoren erklärten, daß Stolypin im Prinzip recht habe; er habe jedoch insofern einen Formfehler begangen, als das betreffende Zirkular nicht dem Senat zur Veröffentlichung übergeben wurde. Nur zwei Senatoren hielten Stolypins Handlungsweise für ungesetzlich. Mit dieser Erklärung des Senats ist der Reichsduma zum Vorgehen gegen die Juden, die durch Zwangsausweisung einfach ruiniert würden, jeder Boden entzogen. * Die Lage der Juden in der Türkei unter der neuen Ordnung der Dinge ist noch immer nicht ganz geklärt. Ein ' Kenner von Land und Leuten, Davis Triesch, sagt darüber: Die neuen Verhältnisse in der Türkei richteten die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf die alte Heimat der Juden, Palästina. Von jeher sei die Türkei das Land gewesen, in dem den Juden die meisten Freiheiten zuteil geworden seien. Jetzt werde von Leuten, die die Türkei nicht kennen, der Befürchtung Ausdruck gegeben, die junge nationalistische Bewegung in der Türkei könne den Juden schaden.' Diese Befürchtung sei gänzlich unbegründet; die Bevölkerung der Türkei sei kein geschlossenes Ganze, sondern aus verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzt. Wenn in der Türkei Reformen vorgenommen werden, um einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Nationalitäten zu schaffen, so könne dieser Ausgleich nur darin bestehen, allen vorhandenen Nationalitäten und religiösen Gruppen eine Autonomie zu gewähren. So würden auch die Juden eine Art Autonomie in ihren Gemeinden und Kolonien haben, und diesen werde es freistehen, ihre gemeinsamen Interessen zu pflegen. Wenn die jüdische Einwanderung größere Dimensionen annehme, würde bald eine jüdische Majorität entstehen. Alsdann könne Palästina eine jüdische Autonomie. haben, unter selbstverständlicher Wahrung der Interessen der anderen Bewohner des Landes. Die Türken sähen