Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 609 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Buches sehr aufmerksam durchlas. Er beendigte bereits die i:\ Frage um den Preis und über die Lieferungszeit, aber er ließ , das Büch nicht aus der Hand und kaute die ganze Zeit mehrmals mit den Lippen,' als ob er über etwas zweifelte. Endlich beugte er sich zu mir und zeigte.mit dem trocknen : - Hakenfinger auf den Umschlag des Buches, wo mit großen Buchstaben gedruckt war: „Paläontologie". „EtwasSozialistisches — wie meinen Sie?" Ich beeilte mich, ihn zu beruhigen, und , er ‘entpcfe bett «Stubenten. „Se&t, u>iffett Sie, ist eine solche . .Zeit, 'daß man jede Bestellung fürchtet. Pa—lä—on—tologie, ich gehe und untersuche, was dies bedeutet! Und möglich ist es, daß in der Nacht die Armee kommen wird, dieselbe Pa— lä—ont . . . suchen wird . . . Der Teufel weiß es, wie dieses Buch heißt?.... Ich wiederholte diesmal noch im einzelnen Repetur, was die Paläontologie bedeutet, und er beruhigte sich dermaßen, daß er begann, seine Erzählung fortzusetzen. „Ja, wo -blieb ich denn stehen?"... „Dort, wie man über Sie im Gefängnis lachte..." „Ja, ja, wie sie über mich lachten... v Aber glauben Sie nur nicht, daß dieselben etwa in beleidigender Weise über mich lachten — Gott bewahre! Die politischen Verbrecher zum Beispiel, sie teilten mit mir das - letzte, was sie besaßen; von ihnen bekam ich ein Hemd, bekam ich Zigaretten, Seife, Tee, Zucker . .. Und die Hauptsache, sie erhitzten mich sozusagen und munterten mich ein wenig auf. Es ^äm vor, als man mich spazieren gehen ließ (ich ging mit , den Verurteilten spazieren), daß man mich ansprach: „Repetur! Klagen Sie doch beim Staatsanwalt! Repetur! Verlangen -./■ Sie eine Zusammenkunft mit Ihrer Frau — warum schweigen Sie zu diesem? Was sind Sie für eine feige Memme?" Diese, wissen Sie, waren ein junges Volk, hitzig; bei ihnen geht alles so rasch: Fordern Sie, beklagen Sie sich, schreiben Sie. Aber auch ich, wissen Sie, wurde damals so elektrisiert, daß ich begann, ganz hitzig zu werden. Was, denke ich mir, bin ich in der Tat so ein Idiot? Man faßte mich, man sperrte mich ein, und ich sitze schon zwei Wochen ohne jede Folgen — so, ist dies in Ordnung? Und wo ist endlich das Verhör? ' Und wo ist der Staatsanwalt? Und da begann ich, wissen Sie, mit ihnen strenge zu sprechen: in der Tat, was ist es denn nun, und warum? Jeden Morgen, sobald das Gefängnis erwachte, begann ich aufzubrausen und zu schnauben: „Ich will eine Bittschrift schreiben — man soll mir Papier geben! Ich wünsche den Staatsanwalt zu sprechen — was ist das für eine Unordnung! Rufet mir den Gefängnisaufseher, holl ihn der Teufel!" . Mit einem Worte, eine ganze Woche lang sprach ich mit ihnen, als wäre ich der Generalgouverneur! Ich sprach und schrieb zu gleicher Zeit Bittschriften: ich schrieb dem Minister, schrieb dem Gehilfen des Ministers, schrieb dem Stadthauptmann, und fragen Sie mich einmal, wem habe ich nicht gev schrieben? Und was glauben Sie, war der Nutzen davon? Ach, gebe Gott, daß. meine Feinde soviel Gesundheit haben möchten: ich schreibe, und sie schweigen; ich schreibe wiederum, und diese schweigen abermals. Und die Zeit indessen schreitet fort, und die Werkstatt, ich weiß es, steht ruhig, und ' die Familie!... Aber wegen der Familie, besser ist es, sich daran nicht zu erinnern, besser nicht davon zu sprechen!... „Nun" — frage ich den Gefängnisaufseher — „wird man mich endlich einmal verhören?" Und er, wie früher der Polizeikommissar, der mich ins Gefängnis brachte — lacht nur und sagt: „Schelte nicht!"... „Wird endlich einmal der Staats- - anwalt zu mir kommen?" „Mensch! Aergere Dich nicht!" — Nur einen Nutzen zog ich von allen meinen Bittschriften: zwei Wochen späterbewilligte man mir endlich eine Zusammenkunft mit - meiner Frau. Aber eigentlich gesagt — ach! und dieses Wiedersehen — es ist bester, sich nicht an diesen ' Skandal -zu erinnern. — Wissen Sie, wie im allgemeinen im Gefängnis die Zusammenkunft stattfindet? Hier, sagen wir, sitzt der Manndort die Frau, und in der Mitte zwischen beiden — ein Offizier. Bei Gott mir war es sogar schandhaft, dies zu sehen! Wozu befindet sich hier ein Offizier? Zu welchem Zweck ist er hergekommen? Und meine Frau, wie zum Trotz, spricht noch dazu schlecht russisch. So beginnt sie ihr Gespräch mit ihrem Mann auf jüdisch. Und was Macht der Offizier? Er unterbricht sie: „Sie soll russisch sprechen!" „Erlauben Sie," sage ich, „was heißt „sie soll"? Und wenn sie kein Russisch versteht?" — „So soll sie diese Sprache erlernen." — „Das heißt," sage ich, „um ihrem Mann einige Worte zu sagen, muß sie eine Prüfung in der russischen Sprache machen?" „Ja," erwidert er hierauf. „Ich muß wissen, über was dieselbespricht; ich unterbreche die Zusammenkunft!" „Erlauben Sie," sage ich, „was heißt. Sie unterbrechen? Was endlich 'sagte meine Frau?. Was kann eine Frau im allgemeinen ihrem Mann sagen? Siesagte, daß man uns zerrüttet habe, daß die Werkftätte zugrunde gehe, daß wir für die Wohnung nicht bezahlt haben!... Aber der Offizier . .. Ach! verstehen denn diese Leute was? Sind wir denn für dieselben Menschen? Er winkte bloß dem Wächter zu, und alles war zu Ende.... Und da sehe ich, wie meine Frau an den Händen gefaßt wurde, und man schleppt sie fort... Natürlich, als Frau weint sie sich nicht aus, sie schreit. .. Ich schreie ebenfalls; der Offizier stampft mit den Füßen, die Wächter ihrerseits schimpfen... Im allgemeinen ein Skandal, eine Hysterie, Unannehmlichkeiten. .." V. Es war ersichtlich, daß es Repetur schmerzlich war, sich an diese Szene zu erinnern. Er veränderte sich sogar im Gesichte, und nervös, mit zitternden Händen, zündete er eine Zigarette an, welche auf seinen verblaßten Lippen herumsprang. Es vergingen, ungefähr fünf Minuten, bis er zu sich kam, und imstande war, seine Erzählung fortzusetzen. — „Ah, wissen Sie, als ich sah, wie meine Mi na Grigorjewna, meine liebe Alte, die Wächter schleiften; als ich sah, wie die Rute auf ihrem Rücken tanzte, da weiß ich wahrlich nicht, was mit mir geschah. — Sogar jetzt, wenn ich mich daran erinnere, strafe mich Gott, so scheint es mir, als wäre ich auf die Straße gegangen, und ungeachtet, daß ich ein alter Mann bin, fing ich an zu schreien '. . . das heißt, wie schreien? Was schreien? Ach, weiß ich denn was? Was gewöhnlich die Streikenden schreien: Herunter mit dem Staate, zu allen Teufeln!" ... Ich 'war nicht besonders fröhlich gestimmt, aber als ich sah, wie Repeturs graue Augenbrauen sich zusammenzogen, und mit welcher Entschlossenheit er mit seiner trocknen-Faust drohte, da konnte ich mich eines Lächeln nicht erwehren. — „Also, es gilt: „Herunter mit dem Staate?" — Und was dann? Wozu haben wir einen Staat nötig, wenn man niemand leben läßt, wenn man jeden erfaßt, jedem Verluste verursacht? Nun, was ist dies, nach Ihrer Meinung etwa ein Staat?" Bei aller äußeren Logik der Beurteilungen Repeturs konnte ich dennoch nicht verstehen, was er eigentlich damit wolle? Repetur wurde derart kriegerisch und so hitzig, daß er vom Sitze sprang und verzweifelt' mit den Händen und dem Kopfe, mit seinem trocknen, schwachen Körper zu gestikulierenbegann. Er stritt leidenschaftlich, hitzig; seine Stimme brach ab, und in den Ecken, seiner Lippen zeigte sich sogar weißer Speichel. Und es war mir sonderbar anzusehen, daß dies derselbe, gleichgestimmte und ruhige alte Mann sei, der vor kurzem erst über die Politik lachte und mit einem Lächeln sagte: Das ist nicht eine jüdische Sache! Freilich, nach