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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-18 · Heft 51 (18.12.1908) · p. Seite 608

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
Seite 608 (sequence 12)
Language
German
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Rat geben, meinem Beispiele zu folgen. Ich richtete meine Reisen immer so ein, daß ich so oft als nur möglich am Freitag abend nach Hause kam. War das geschäftlich undurchführbar, ließ ich mich regelmäßig von einem Geschäftsfreunde für den Abend zu Tisch bitten. Es geschah immer mit größtem Wohlwollen, und manchen Freund, ja auch schon manchen Spötter habe ich zur Feier der Sabbatweihe bekehrt. Ich reise aber auch nie ohne mein kleines Psalmbüchlein. Ehe ich das gastliche Haus aufsuchte, las ich in stiller Andacht zwei oder drei der edelsten Psalmen und hatte so meinen Sabbatgenuß. .Ach, geehrter Herr. Rabbiner, wie wenig wird doch gesorgt für das Allerwichtigste im religiösen Leben! Warum sollte nicht schon längst eine billige Taschenausgabe einer trefflichen Uebersetzung der schönsten und ergreifendsten Psalmen — nicht aller Psalmen — vorhanden sein? würden unsere armen H ausierer damit keinen Absatz finden? Der Tag der körperlichen Erholung sei der Sonntag, der staatliche und bürgerliche Ruhetag. Für die Sorgen und Mühen der Woche erneuert er unsere physischen und geistigen Kräfte, nachdem unser Seelenleben am Freitag abend die verjüngende Sabbatweihe erhalten hat. '■ Und die 153 Sabbatparagraphen des Schulchan aruch wollen wir feierlichst aufheben und als. nichtexistierend ansehen. Höchste Zeit! Was'ist alles aus dem herrlichen Sabbatgesetz Mosis: „Du sollst an ihm keinerlei Arbeit verrichten" im Laufe der Jahrhunderte geworden! Es ist meine feste Ueberzeugung, daß sich das Verbot ursprünglich nur auf die Erwerbstätigkeit bezogen hat. Ein verhängnisvolleres Mißverständnis, als das Arbeitsverbot auch auf die kleinen und kleinsten Verrichtungen des täglichen Lebens auszudehnen, ist vielleicht in keinem Kulturleben zu verzeichnen. Dies Mißverständnis einsehen und ehrlich die Konsequenzen daraus ziehen, wäre die vornehmste Pflicht des liberalen Rabbinerverbandes. Selbst, wenn sich die Rabbiner meiner Anschauung nicht anschließen wollten, sich nicht begnügten mit der Sabbatweihe am Freitag abend, auch weiter den ganzen Sabbat forderten, müßten sie doch die 153 Sabbatparagraphen zu einem einzigen zusammenschmelzen: „Heilige den Sabbat und gehe an ihm Deiner täglichen Erwerbsarbeit nicht nach!" Das Allerwichtigste aber bleibt , auf jeden Fall die Weihe des Freitag abends. Er sei immer ein versittlichend vornehmes Familienfest selbst in der kleinsten Hütte. Den Freitag abend soll der Jude niemals außerhalb des Familienkreises begehen. An nichts werden sich die Kinder freudiger gewöhnen als an diese trauten Sabbatstunden, und nichts vermag in der Kinderseele die Liebe und Ehrfurcht gegen die Eltern so zu festigen, als dieser Stunden reine Gottesweihe. Und nun zur heiß umstrittenen Frage des Sonntagsgottesdienstes. Ich wiederhole: Ich halte nicht den Besuch des Gotteshauses für denKernpunkt der Sabbatweihe, sondern die Feier in der Familie. Trotz alledem soll heute mehr denn je jedem die Möglichkeit gegeben sein, an einem schönen Gottesdienst, an einer edlen Belehrung sich zu erbauen. Das Recht, an irgendeinem beliebigen Tage einen Gottesdienst einzusühren, kann man doch niemandem absprechen; ich wüßte auch nicht, welcher Paragraph be§ Schulchan aruch da heranzuziehen wäre. Haben es sich einst unsere Weisen gestattet, am Montag und Donnerstag die Thoravorlesung einzuführen, weil an diesen Markttagen viele Dorfleute nach der Stadt kamen, warum sollte es uns unerlaubt sein, Gottesdienst und Belehrung am Sonntag abzuhalten, -ob dem Tage, an dem so mancher gern Belehrung hören möchte? Den Kampf gegen den Gottesdienst am Sonntag führt das latente Angstgefühl, den Sabbat zu verlieren. Wenn'wir aber schon so. weit halten, daß wir vor der Konkurrenz Furcht haben, ist das an und für sich schlimm genug: wenn den Sabbat nur Scheiterhaufen und Bann retten können, ist er schon verloren. Warum soll Leuten, die ein jüdisch-religiöses Bedürfnis haben, die am Sabbat nie in die Synagoge gehen können — daß es solche . Tausende gibtkönnen Sie das leugnen, geehrter Herr Rabbiner? — warum soll diesen Leuten nicht die Gelegenheit geboten werden, in ihren jüdisch-religiösen Gefühlen bestärkt zu werden, mit ihren Kindern ab und zu einer Predigt beiwohnen zu können? Dürfen wir da behaupten: Kat SabbaV pereat mundus? •. Wenn in einer Gemeinde zwei oder drei Synagogen sind, warum soll nicht in einer auch am Sonntag ein Gottesdienst stattfinden? Entweder — oder. Entweder bewährt er sich und wird ausgesucht, dann ist er ein Verdienst, dann leistet er etwas, oder - er wird nicht besucht, gutdann wird er wieder verschwinden, ' wie er gekommen. Ich kann das Wüten gegen den Sonntagsgottesdienst nicht begreifen. Mir haben schon viele Leute, die sonst für Reformen gar nicht schwärmen, ehrlich gesagt, als einzig wahrhaft nützliche Reform erscheine ihnen der S.onntagsgottesdienst; momentan gehen sie am Sabbat nie in die. Synagoge, doch haben sie das. Gefühl, einen erhebenden, würdigen Sonntagsgottesdienst gern sehen zu wollen. Die Rabbiner kommen immer mit der Prophezeiung, die Leute , werden nicht gehen, zweckloser' Aufruhr! Schön, führen Sie die Leute ad absurdum, damit wäre doch die Sache von selbst erledigt. Ich-bin jedoch keineswegs dieser Anschauung. Nur muß für den Sonntagsgottesdienst ordentlich Propaganda gemacht werden. Welche Propaganda haben doch unsere Talmudweisen für den Gotteshausbesuch gemacht:- den größten Gotteslohn verhießen sie demder den öffentlichen Gottesdienst aufsuche, die schärfste Strafe dem, der ihn meidet Wir werden diese Form der Propaganda nicht wählen; unsere Propaganda bildedie hervorragende Predigt, die rastlose Aufforderung, dem Gottesdienste nicht fern zu bleiben. Oberstes Gesetz sei heute für alle Juden, denen das Judentum am Herzen liegt, kein Mittel unversucht zu lassen, das jüdisch-religiöse Leben zu heben, neu zu erwecken. Die Weihe des Freitag abends und erhebender Gottesdienst mit Belehrung am Sabbat, und wo es notwendig erscheint, auch am Sonntag, sind die Mittel, die Sabbatidee in unserer Mitte nicht absterben zu lassen. „Ich tue mein Möglichstes," muß jeder Rabbiner sich sagen und seinem fragenden Gewissen antworten>; können. Die Geschichte des Judentums wird dereinst urteilen, ob die liberalen Rabbiner — von den orthodoxen spreche ich nicht — sich dessen mit Recht werden rühmen dürfen. Verzeihen Sie mir, geehrter Herr Rabbiner. Der Buchbinder. Erzählung von Alexander Jablonowsky. ~ Aus dem Russischen von Leon A. Trachtenberg. IL% ' . ier mußte Repetur wiederum seine Erzählung unterbrechen, da in die Werkstätte ein Student eintrat. Derselbe brachte ein Buch zum Einbinden, und ich sah, wie Repetur seine Nase mit der Brille bewaffnete und den Titel des

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