Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-18 · Heft 51 (18.12.1908) · p. Seite 607

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
Seite 607 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228850--65177-3277293
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

-ünddie meisten - Ihrer Herren-:■ Kollegen werden zweifellos ..^diesem das Wort'reden. Und ich gebe Ihnen ohne weiteres "..zu, daß er oft erfolgreich sein kann, 'sogar ohne allzugroße' /Opfer. Tausende Juden brauchten nichts - als ein bischen „' guten Willen, -um den Sabbat weihen zu können. In . ungezählten Fällen aber ist der moralische Selbstzwang zugleich die'Vernichtung einer Existenz. Wir deutschen Juden kämpfen heute mit aller Energie, um. unser gutes Recht, Offiziersdienste dem Staate zu leisten, als Beamte überall teilzunehmen an der Verwaltung der - Länder und Städte. -Nehmen wir an, wir erreichen das Ziel: Juden würden zu 'Offizieren ernannt, in den Staatsdienst als höhere und subalterne Beamte ausgenommen. Stellen wir uns ferner vor, daß christliche Kausleute, Fabriken, Unternehmungen sehr gerne jüdische Bewerber aufnehmen, wenn sie nur tüchtig und -ehrlich sind. Wie soll man sich da eine Sabbatruhe der , jüdischen Angestellten vorstellen? In orthodoxen Zeitungen pflegt es manchmal breitgetreten zu werden, wenn da und . dort einem jüdischen Beamten von seinen christlichen Vorgesetzten der Sabbat freigegeben wird. Wenn aber in einer Bank 20 jüdische Beamte dasselbe Begehren hätten, ich glaube, isie würden bald vor die Alternative gestellt sein, entweder den Sabbat oder die Stellung aufzugeben. Ich teile damit .keineswegs die -Ansicht Paulsens in seiner Ethik (!), daß der Jude, der am Sabbat nicht schreibt, kein Recht hatte auf volle Gleichstellung; das Recht darauf kann ihm gewiß niemand nehmendie .Möglichkeit dazu ist ihm nur genommen. Miteinem- Worte: Der moralische Selbstzwang der Sabbatruhe und -Weihe bedeutete das freiwillige Ghetto, die freiwillige Verzichtleistung auf die Durchführung der vollen Gleichstellung im Dienste „ des Staates, der Kommunen, im Dienste des Handels und der Industrie. Können Sie das leugnen, geehrter Herr Rabbiner? \ Diese Tatsache allein genügt, um einzusehen, daß der - moralische Selbstzwang Opfer verlangt, die unsere Religion uns gewiß nicht auferlegen will. . N Was also denn? Den Sabbat auf den Sonntag verlegen? Hätten die Ehristen von. altersher den Sonntag auch nur annähernd so gefeiert, wie wir den Sabbat hielten, als einen Tag der Religionsweihe, ich würde ohne weiteres zustimmen. Der Sonntag war aber nie ein Sabbat und wird es auch nie werden. Fromme Ehristen haben allerdings immer nach Sonntagsheiligung gestrebt, es ist ihnen aber für die große Masse vielleicht nicht einmal in England gelungen. Wenn der berühmte Theologe Wellhausen dem Judentnme den Vorwurf macht, daß es. nur „a u ch" religiöse. < Ethik kündet, aber nicht als grundlegendestreibendes Moment der Religion, so können wir vom christlichen Sonntag mit noch größerem Rechte sagen, er sei nur „auch" religiös > geweiht. Das Amüsement, das Wirtshaus, der Tanz, der Ausflug sind derart mit dem Sonntag verknüpft, daß die ' Gottesweihe des Tages immer erst in zweite Reihe rückt. Die saktiös-oppositionelle Verlegung des Sabbat auf den ersten Tag der Woche hat sich am Sonntag gerächt und ihn jener alles Irdische überragenden Heiligkeit entkleidetdie dem Sabbat eigen war und noch-ist. Die volle Loslösung von allem, was werktägig ist, die ausschließliche Beschäftigung mit religiösen Ideen hat der Sonntag nie gekannt. Und seitdem / der, Sonntag in die soziale Gesetzgebung ausgenommen wurde, ist.er noch viel mehr als früher nur 'der Erholungstag für den Körper, für die Nerven nach der anstrengenden Tätigkeit.der Woche: Wenn wir also den. Sabbat, aus den Sountäg ver- :Muhe-? tag, einen Sabbat aber doch nicht. Wenn an einem Sonntag die Sonne strahlend aufgeht, da nimmt der Jüngling seinen Rucksack und steigt hinauf auf die Berge, um an Gottes freier Natur sich zu ergötzen. Vater, Mutter- Kinder denken nur an fröhliche Ausflüge in die Umgebung, — an Gotteshaus, an Religion, an Belehrung, wer denkt daran? So ist es in christlichen Familienwie soll da in jüdischen Familien der Sonntag Sabbat werden? Die Verlegung des-Sonntags auf den Sabbat wäre also vollständig zwecklos, erfolglos. Was, bleibt uns daher übrig, wenn wir auch im religiösen Leben das praktisch Greifbare im Auge behalten wollen? Wir.müssen die Sabbatidee erhalten und aus dem Tag der Weihe Stunden der Weih e machen. Und zwar allen voran durch die häusliche Sabbatfeier. Sie haben, geehrter Herr Rabbiner, vor kurzem in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (vom 9. Februar 1906) - einen Artikel über den Freitag Abend veröffentlicht. In Anerkennung der Schwierigkeiten, auf die in unseren Tagen der Besuch des Sabbatgottesdienstes stößt, plaidierten Sie dafür, den Freitag-Abendgottesdienst regelmäßig auf die siebente Stunde, anzusetzen. Ich weiß nicht, ob irgend eine Gemeinde den Versuch gemacht hat, Ihren Antrag durchzuführen. Ich/ glaube aber, daß er überall mißlingen werde. Warum? Weil kein Mensch in später Abendstunde ins Gotteshaus gehst Aus der Synagoge ja, insTheater, zu einer^Vorlesung^auch, in das°Gotteshaus niemals. Ich" kann Ihnen" das "gar "nicht so stichhältig begründen, es ist aber" so'und bleibst so. Ich halte aber auch die gewünschte Aenderung für ganz unnötigvorausgesetzt, daß Sie meinen Anschauungen über den öffentlichen Gottesdienst beipflichten. Bedeutet denn der Besuch des Tempels die Sabbatweihe? ist er für dieselbe unentbehrlich? Wenn die Mutter im Hause den Sabbat nicht hält, der Vater ihn^ nicht beobachtet, wird das Gotteshaus ihn nicht retten. Das Wesen der Sabbatweihe ruht im Hause, gibt sich in der Familie kund. Wenn der Vater Freitag Abend heimkommt, erleuchtete Zimmer betritt, die Kinder segnet, beim Sabbatbrot den Ruhetag einsegnet, bei frohem Male Freunde,. Bekannte um sich siehst ernste, würdige Gespräche führt, sich freut an geistlichen Liedern, an einem od er zwei Kapiteln aus .der Bibel, das ist Sabbatweihe, das ist Gottesheiligung. Wer das Herzensbedürfnis hast mit der Gemeinde Gott zu preisen, Belehrung zu empfangen,. der wird schon alles , daran setzen, dies Verlangen zu befriedigen, und wenn auch nicht allsabbatlich, so doch in drei bis vier Wochen einmal auch Gelegenheit dazu finden. Die Gemeinden mögen nur den Sabbatgottesdienst so ausgestalten, daß er. jedem wirkliche-Erbauung seian Besuchern wird es nicht fehlen. Doch den öffentlichen Gottesdienst als den Mittel- und Kernpunkt der Sabbatweihe ansehen, halteich für irrig. Die Familie ist und bleibe der Brennpunkt der Sabbatweihe. Und welche Familiesei sie arm oder reich, könnte den Freitag Abend nicht halten, ihn nicht zum wöchentlichen Familienfeste erheben, ihn nicht mit religiöser Weihe erfüllen? Begnügen wir uns mit den Sabbatstunden am Rüsttage, mit der religiösen Familienfeier am Freitag Abend, den zu heiligen sicherlich jedem möglich ist. Frei ist deine Seele von jedem Gewiffensvorwurs, so du am Freitag Abend edle Sabbatweihe gepflegt hast: deine religiöse Herzenspflicht hast du damit voll und redlich erfüllt. Ich weiß nur zu gut, daß. gerade der jüdische Mittelstand, der jüdische Kaufmann, oft Wochen hindurch fern vom Heim weilt. Jchmöchte aber meinen Kollegen vorn- Handelsstande den bescheidenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.