Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 604 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Staate New Jork gewählt Samuel S. Koemg zum Staatssekretär, Jrwmg Lehmann zum Richter des obersten Gerichtshofes im Staate New Jork, Richter Henry M. Gdldsogle zum Kongreßmitgliede. Ferner Aron S. Levy, Adolf Stern, Mark Goldberg, Harold Spielberg, Morris Graubard, Irwing I. Joseph, Jacob Levy, Chaskel Stein und Samuel Marks zu Mitgliedern der Assembly des Staates New Jork gewählt. Aber auch in den anderen Staaten der nordamerikanischen Republik wurden Juden in den Kongreß und die anderen Körperschaften entsendet. So in San Franzisko, wo Julius Kahn jetzt zum drittenmal zum Kongreßmitgliede gewählt , wurde. Interessant ist die Wahl in Rhode-Jsland, wo der kaum 35 Jahre alte Harry Butler als erster Jude in das Repräsentantenhaus des Staates als Delegierter einzieht. Dus der berliner Gemeinde. 8. Berlin, 9. Dezember. „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen y Glaubens" sprach heute abend im dichtgefüllten Saale der Gesellschaft der Freunde Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger über Moritz Veit. Neben dem Rednerpult hatte das große Oelbild des zu feiernden Mannes Ausstellung gefunden, das Herr Justizrat Dr. Hermann Veit Simon zur Gedenkfeier zur Verfügung gestellt hatte. - Die drei vorderen Reihen waren für die zahlreichen Mitglieder der Familien Veit und Sachs reserviert worden. Einleitend wies der Redner darauf hin, daß das Säkularjahr von Moritz Veit und Michael Sachs nun bald zu Ende gehe und daß bald 45 Jahre verflossen sind, seitdem beide so eng verbundenen Freunde dahingegangen sind. Als Grund für die Gedenkfeier gab er an, daß beide Männer und insbesondere-Moritz Veit nicht zu den Toten gehören, sondern zu den weiter Wirkenden und Fortlebenden, daß Veit durch seine Persönlichkeit vorbildlich gewesen sei und durch das, was er tat und^wollte, vorbildlich bleiben solle für lange Zeit. In einem lichtvollen, nach Form und Inhalt glänzenden Vortrage entrollte alsdann der Redner ein Lebensbild Veits, der, nachdem seine Zulassung zur Privatdozentur abgelehnt war, Buchhändler wurde, den noch heute seinen Namen tragenden Verlag zum Flor brachte, der von seinen Berufsgenossen mit den höchsten Aemtern ihrer Standesorganisation betraut, von seinen Glaubensgenossen zum Vorsteher gewählt, von seinen Mitbürgern in die Stadtverordnetenversammlung, als Vertreter des Volkes im Jahre 1848 in die Paulskirche, 1851 in die erste Kammer und später in das Abgeordnetenhaus entsandt wurde. Besonders ausführlich schilderte der Redner, zum Teil an der Hand der im hiesigen Gemeindearchiv' befindlichen Dokumente, die hervorragenden Verdienste Veits um die Berliner jüdische Gemeinde, und mit Recht konnte er auf Grund dieser Beweise, hervorheben, daß die Schilderung des Lebens Veits zugleich die Schilderung der Entwicklung der Berliner jüdischen Gemeinde. und des Judentums in Preußen in sich greife. Moritz Veit ist die Berufung Michael Sachs' zu verdanken, im wesentlichen sein Verdienst ist die Errichtung des jüdischen Lehrerseminars im Jahre 1840, mit dessen Leitung Zunz betraut wurde. Unter seiner Mitwirkung wurde 19 Jahre später die noch heute bestehende Lehrerbildungsanstalt begründet. Besonders in der Abwehr von Sondergesetzen gegen die Juden stand Veit stets voran So wies er die Unrichtigkeit einer Statistik nach, welche die Juden einer höheren Kriminalität überführen wollte, so beschloß wesentlich auf seine Vorstellungen hin, die Ständeversammlung im Jahre 1845 mit 48 gegen 14 Stimmen, die Einheit der Gesetzgebung für die bürgerliche Gleichstellung der Juden nach Grundlage des Edikts von 1812 sortzuführen. An dem Gesetz über die Bildung der jüdischen Gemeinden hatte Veit hervorragenden Anteil, sein Werk ist vor allem auch das Statut der Berliner jüdischen Gemeinde, welches erst nach elfjährigen harten Kämpfen mit dem Polizeipräsidium und der.Regierung genehmigt wurde und das, wenn auch inzwischen mehrfach revidiert, noch in der jetzigen Form die Grundgedanken seines Schöpfers aufweist. Im Parlament und überall, wo es die Ehre ^-der? Judenheit galt, 'stand Veit stets in erster Reihe, seine mit Nachdruck erhobene Forderung war, die volle Beteiligung der Juden am der Wissenschaft und an den großen nationalen Aufgaben ' durchzusetzern Ein Mann aus einem Guß, treu, fest und bieder, schien er Gegensätze mannigfacher Art zu vereinen und wußte sie zu einem wirklichen Ganzen zu gestalten. Praktisch und ideal, ein Mann des täglichen Lebens, des kaufmännischen- Berufs und doch im täglichen Leben und in diesem kaufmännischen Berus immer nach dem Höchsten strebend; gelehrt und gebildetvereinend das Streben nach gründlichem Wissen und der allgemeinen geistigen Ausbildung; eifervoll und duldsam, und gerade in jenem Streben für seine Glaubensgenossen hat er diese scheinbaren Gegensätze zu betätigen und sie zu einer Einheit zu gestalten gewußt. Denn obwohl ihm manches in der Entwicklung von rechts und links nicht paßte, er duldete beides, um einen Bruch zu vermeiden, aber wo es galt, konnte er seinen Eifer bezeugen, die Duldsamkeit zurückdrängen, wenn, diese ihm Gefahr brachte. Das ist das Schöne an seinem Tun, immer eifervoll aus das Ganze gerichtet, das Bewußtsein davon empfindend, wie schwer der Kampf sei, und doch immer von der frohen Hoffnung erfüllt, daß der Sieg der Wahrheit verbleibe. Starker, wiederholter Beifall lohnte den Redner für seine Ausführungen. — Dann ging die Versammlung zur „freien Aussprache" über, welche ausschließlich die letzte Stadtverordnetenwahl zum Gegenstand hatten und I sich bisweilen recht frei und stürmisch gestaltete. Der Vorsitzende, Justizrat Ho rwitz, leitete die Debatte mit dem Hinweis ein, daraus Anlaß der Wahl Mugdans zum Stadtverordneten eine ganze Skala von Verleumdungen gegen den Zentralverein und insbesondere gegen das Vorstandsmitglied Justizrat Lövinso n geschleudert worden sei. Er schickteauch voraus,daß der Standpunkt Lövinsons von vielen Vorstandsmitgliedern nicht geteilt wird,, weil Mugdan ein getaufter Jude ist. Alsdann erhielt der besonders stark angegriffene Justizrat Lövinson, der auch Syndikus des Verbandes der deutschen Juden ist, zu einer von ihm verlesenen Erklärung das Wort, in der er festlegte, daß er an der Wahl Mugdans nicht .mitgewirkt, vor der Wahl erklärt habe) für den Kandidaten seiner Partei stimmen zu wollen, und auch er°^ laubt habe, diese Stellungnahme kundzugeben. An der Agitation ' für Mugdan habe er sich nicht beteiligt, keinen Wahlaufruf verfaßt und unterschrieben und auch nur einen einzigen Wähler aufgefordert, für Mugdan einzutreten. In einer gar langen, ebenfalls verlesenen Erklärung begründet der Vorstand des Zentralvereins seine Stellungnahme. Die Unterstellung, daß der Vorstand in irgendwelcher Weise die Wahl des getauften Juden Mugdan begünstigt habe, wird darin als eine böswillige Erfindung bezeichnet. Der Vorstand, so heißt es weiter, hat den Grundsatz absoluter Neutralität, wie in-allen nicht gegen Antisemiten geführten Wahlkämpfen so auch bei dieser Wahl, streng befolgt und deshalb das von beiden kämpfenden Parteien an ihn gerichtete Ersuchen, in den Kampf einzugreifen, abgelehnt. Von den an der Wahl beteiligten Vorstandsmitgliedern hat der größere Teil für den Gegenkandidaten Mugdans gestimmt; einige haben auch für Professor Richert energisch agitiert. Nachdem noch dem Bedauern Ausdruck gegeben wird, daß die in den. Bezirken wahlberechtigten Glaubensgenossen nicht rechtzeitig die Kandidatur eines getauften Juden zu verhindern vermocht. haben, wodurch viele Glaubensgenossen in einen schweren Konflikt zwischen der Wahrung der Parteidisziplin und ihrer persönlichen Auffassung gebracht worden seien, wird auch für das Verhalten Lövinsons die Erklärung lediglich darin gefunden, daß er im Interesse der Parteidisziplin geglaubt habe, seine persönliche Auffassung zurücktreten lassen zu müssen. Die große Mehrzahl der Redner in der Diskussion ließ gar keinen Zweifel daran, daß sie das ganze Verhalten aufs schärfste verurteilen. Mit Nachdruck wurde der arge Umstand betont, daß eine ganze Reihe prominenter .Mitglieder jüdischer Organisationen, welche auch Mitglieder des Zentralvereins sind und imstande waren, den Affront der Aufstellung Mugdans zu verhindern, diesen nicht nur nicht verhindert haben, sondern sich in agitatorischer Weise für einen Mann, in Szene gesetzt haben, der Wert darauf gelegt hat, öffentlich zu erklären, daß er nicht mehr zum Judentum gehöre. Von einem anderen Redner wurde der unterlassene Protest Lövinsons gegen die Neuaufstellung in den Wahlaufrufen mindestens