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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-18 · Heft 51 (18.12.1908) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
Seite 602 (sequence 4)
Language
German
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Und , wenn auch zunächst noch Zweifel obwalten, ob das in Aussicht genommene Gut bei Celle das geeignete Objekt zur .Schaffung einer jüdischen Mnstersarm ist, und zurzeit auch noch kleine Differenzen und Meinungsverschiedenheiten bestehen, die einer definitiven Zentralisierung einstweilen entgegenstehen, so ist doch zu hoffen, daß der Zweifellos vorhandene gute Wille auf allen Seiten dahin führen wird, daß etwas Gutes und Segensreiches geschaffen werde. Ganz - richtig erscheint es uns, daß in der dieser Tage in Berlin stattgefundenen Sitzung der Bodenkulturgesellschaft und des Bodenkulturvereins das Hauptgewicht darauf gelegt wurde, nicht nur die jungen Leute der Landwirtschaft zuzuführen, sondern ihnen auch nach erfolgter Ausbildung die Möglichkeit einer Selbständigmachung zu eröffnen. Jedenfalls aber wird es nötig sein, in. sehr überlegter Weise an die. Ausführung dieses Projektes heranzutreten, denn . man wird sich dessen bewußt bleiben müssen, daß die geschworenen Gegner des Judentums jeden etwaigen Mißerfolg auf diesem Gebiete, ohne Rücksicht auf die wahren Gründe, in ihrem Sinne ausschlachten werden. Wir möchten indessen zu den Männern, die an der Leitung dieses neuen Projektes beteiligt sind, das Zutrauen hegen, daß ihnen in vollem Maße gelingen wird, was sie erstreben. Dir Woche. Berlin, 15. Dezember.. Juden sind eine kleine Gemeinschaft, die kleinste an - V der Zahl und an Geltung. Darum, und weil wir säst überall zurückgesetzt und verdrängt werden, weisen wir stets mit aufrichtiger Genugtuung aus die Männer aus unserer . Mitte hin, die durch ihre geistige Begabung der Menschheit zum. Nutzen und zur Ehre gereichen. Bereits drei Träger des Nobel-Preises sind aus unserer Mitte hervorgegangen. Im Jahre 1907 der Physiker Professor Michelson in Chicago und diesmal für.Medizin Professor Ehrlich in Frankfurt a. M. und für Physik Professor Lippmann in Paris. Gabriel Lippmann, ein geborener Luxemburger, ist Professor an der Sorbonne. Seine experimentellen Untersuchungen über den Einfluß des rotierenden Magnetismus aus die : statische Elektrizität brachten ihm in der Fachwelt verdientes Ansehen. Paul Ehrlich ist einer der fruchtbarsten Gelehrten * und einer der feinsten Köpfe unter den lebenden Medizinern der ganzen Welt. In jedem Stadium seiner wissenschaftlichen .Laufbahn hat er die Medizin um neue Tatsachen und neue Gedanken bereichert, und gerade jetzt scheint er wieder im Be- - griff zu fein, die Therapie auf eine aussichtsvolle Bahn zu lenken. Ehrlich,'dem es an Ehrungen nicht gefehlt hat — so erhielt er 1903 die große goldene Medaille für.Wissenschaft — ist das Haupt einer großen Schule geworden, deren Glieder in der ganzen Welt zerstreut sind — tu Preußen aber hat er es als Jude nicht zum ordentlichen Professor bringen können. 4. I Die natiönaltiberale „Kölnische Zeitung"^ sieht' sich ^' genötigt/ im Jntereffe des harmonischest ZusammenMeH^/Her ~ einzelnemKonfessionen Protest einzulegen gegen die Maßlostn - An griffe,/ diß vom einzelnen Heißsportten'^des Evangelischen -/ . Bundes gegen den Katholizismus erhöben werden, und führt in diesem Zusammenhänge aus: - - „Wenn es eine antiquierte Anschauung ist, daß Politik und ' Religion nichts miteinander, zu' tun haben, so werden wir uns M mühen, die Anschauung, so viel an uns liegt, wieder zu beleben.//?- Die politischen Glaubenskämpfe haben Deutschland'Munden -geschlagen^■*$&'. an denen es nahezu verblutet wäre; wer sie heute in unserem pari-/> M tätischen Staate wieder anfacht, wer die Dinge in dieser'Welt.-.zMML' nächst als Protestant, Katholik oder Jude und erst dann als Deutscher ,. ' sieht, wer den Konfessionalismus zur Grundlage seines politischeMi/i Urteils macht, der schädigt die nationale Wohlfahrt. Wir sind darum nach wie bor der Meinung^ daß es lediglich darauf ankommt,' ob jemand ein guter oder ein schlechter Staatsbürger ish nicht aber daraus/? ob er in der protestantischen Kirche, im katholischen Dom oder im Juden». . / tempel zu Gott betet, wenn er nur seine Pflicht an dem Platze der? menschlichen Gesellschaft, tut, an den er gesetzt ist." / - Das sind beherzigenswerte Worte, die sich die Angehörigen?- aller Parteien aä. ootam nehmen sollten. Leider hat die „Kölnische Zeitung" selbst auch nicht immer nach ihrer jetzigen. Mahnung'gehandelt. .In einem Werke „Deutschtum und Franzosentum in ' Lothringen, eine Kulturfrage" bespricht Justizrat Dr. Ruland in Kolmar die heutigen Verhältnisse in Elsaß- Lothringen und behandelt die Stellung der Juden zu /.: Deutschland infolge der Veränderung von 1871. Er begreift / zunächst die anfangs ablehnende Haltung der israelitischen ': Bevölkerung. Diese war unter französischer Regierung, zu. . echten Franzosen geworden, und auch die Regierung war stets liberaler Gesinnung gegensie. Wenn selbst trotz der Dreyfus-. /; Affäre in Frankreich die elsässischen Juden heute noch franzosen- .' freundlich wären, so brauchten sich die Deutschen darob nicht ' zu-wundern. In Deutschland sind die Verhältnisse den Juden; trotz ihrer „Gleichstellung" sehr ungünstig, Beamtentum und . Offiziersstand sind ihnen immer noch verschlossen. Das groß-.:/ herzige Frankreich dagegen hat sein im Jahre 1789 gegebenes Wort eingelöst und die Juden haben ihm dafür in großartiger Weise zu danken gewußt. Viele Juden nehmen in ’ Frankreich eine hohe Stellung ein und das Prinzip der ' . Gerechtigkeit ist dort mehr zuhause als in Deutschland. Aber . . - trotz der ungünstigen Stellung der Juden läßt sich, wie Dr. Ruland schreibt, nicht behaupten, daß die elsäsfische Judenschaft als ein deutschfeindliches Element anzusehen sei. : Die gebildete Judenschaft ist nicht geschieden von den übrigen1 // gebildeten Schichten, und es herrscht das Streben vor, der Jugend eine gute-Bildung angedeihen zu kaffen. Auch-der.. ' . im deutschen eingewanderten Judentum steckende .Unter- / nehmungsgeist hat auf die elsässischen Juden vielfach günstig . : gewirkt. Steht letzteres auch dem Deutschtum kühl gegenüberso bringt doch gerade unter den Juden Handel und Verkehr ' . mit Deutschland Aufklärung über die guten Seiten des ' Deutschtums. Die Ansichten Dr. Rulands dürsten wohl im / allgemeinen zutreffend sein. Die Juden erwarten vor allem eine gerechte und nicht zurückdrängende Behandlung. Unter- , französischer Herrschaft konnten sie Generale und heute kaum . Nachtwächter werden. Trotzdem sind sie weniger französisch als die anderen Elsäsfer. Es läge in der Hand der Regierung, sie zu güten Deutschen zu machen.

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