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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-18 · Heft 51 (18.12.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich- Aboirnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/49, zu richten, verlas von Rudolf Moste, Berlin. Lin nrurs KrojeKt. Berlin, 15. Dezember, u dem Kreise der sozialökonomischen Aufgaben, welche sich die deutsche Judenheit gestellt hat, gehören auch die Bestrebungen, die Juden dem Handwerk und der Landwirtschaft zuzuführen. Diese Bestrebungen haben erst vor einigen Dezennien eingesetzt und fallen zeitlich hauptsächlich in jene Periode, als die Wogen des Antisemitismus in deutschen Landen sehr hoch gingen. Man wollte dem durchaus unberechtigten Vorwurfe von antisemitischer Seite, daß die Juden nicht produktiv tätig seien, den Boden entziehen, obwohl man nicht verkannte, daß es auch an sich wünschenswert sei, die soziale Schichtung der - deutschen Judenheit mehr jener der nichtjüdischen Bevölkerung anzupassen und gleichzeitig das Zusammenströmen von Juden in einen Beruf oder vielmehr in einzelne Berufe zu hemmen. Nicht als ob es nicht schon vorher und von dem Augenblicke an, als den Juden - der Handwerkerberuf'überhaupt erstmals zugänglich gemacht wurde, jüdische Handwerker gegeben hätte. Soweit das Handwerk in Frage kommt, haben jene Bestrebungen ganz zweifellos Erfolge gezeitigt. Wer heute die Berufsgliederung der Juden in den Großgemeinden betrachtet, wird finden, daß es in allen diesen Gemeinden eine ganz erhebliche Anzahl jüdischer Handwerker gibt, deren ökonomische Lage freilich in vielen Fällen manches zu wünschen übrig läßt. Die Gründe für diese Erscheinung sollen hier nicht erörtert werden. Anderseits aber hat man auch sehr häufig die erfreuliche Wahrnehmung zu machen, daß der goldene Boden auch heute dem Handwerk noch immer nicht fehlt, so daß, wenn man dagegen die gleichfalls ungemein schwierige Lage der anderen Berussstände, denen sich die Juden zuwenden, berücksichtigt, man jenen Bestrebungen, die Juden in größerer Anzahl dem Handwerk zuzusühren, nur weiteren Erfolg wünschen kann. ' Anders steht es mit den Bemühungen, die Juden der Landwirtschaft zuzusühren. Wenn bisher auf diesem Gebiete keine glänzenden Resultate erzielt sind^ so liegt das ganz zweifellos nicht etwa daran, daß der Jude weniger für diesen Berusszweig qualifiziert ist, vielmehr liegt der Grund hauptsächlich darin, daß die ländlichen Verhältnisse es einem Juden außerordentlich erschweren, seinen religiösen Pfiichten nachzuleben, seinen Kindern religiösen und sonstigen besseren Unterricht erteilen zu lassen, kurz, überhaupt Landwirt zu werden. Es kann sich im allgemeinen fragen, ob bei dem gegenwärtigen Stand der Verhältnisse, da die Entwicklung Deutschlands die Richtung zum Jndustriestaate nimmt, und die Städtebewohner heute bereits bie größere Hälfte der deutschen Bevölkerung bilden, es ganz leicht sein wird, die Juden während die nichtjüdische Bevölkerung dem Zuge nach der Stadt in immer stärkerem Maße folgt, auf das Land hinauszuziehen. An sich wäre es gewiß eine durchaus erfreuliche' Erscheinung, wenn sich mehr Juden in Deutschland der Landwirtschaft zuwenden würden. Denn es kann gar keiner Frage■; unterliegen, daß die Landwirtschaft heute mehr denn je ihren Mann nährt, und die Chancen des Vorwärtskommens trotz der beweglichen Klagen des Landwirtebundes keineswegs schlechte sind. So weit wir in der Landwirtschaft Juden lätig sehen — und es sind ihrer nicht wenige —, haben sie es in den meisten Fällen zu einer auskömmlichen, ja behaglichen Existenz gebracht. . . . > Wie immer leider bei uns Juden, konnte bisher eine Zentralisation der Bestrebungen, die Juden der Landwirtschaft zuzuführen, nicht'erzielt werden. Neben dem großen Lebenswerk des allzufrüh verstorbenen Konsuls Simon in Hannover, haben wir noch eine ganze Reihe von Vereinigungen, 'die getrennt marschieren, aber demselben Ziele zustreben. Es seien hier nur genannt: die Gesellschaft zur Förderung der Boden-, kultur und des Handwerks unter den Juden und der Verein zur Förderung des Handwerks und Ackerbaus usw. Die Bodenkulturgesellschast konnte mit ihrem Versuch in Neuhof bekanntlich nicht prosperieren, und der Verein hatte, wie dieser Tage in dem Jahresbericht betont wurde, seinen eigentlichen Zweck im letzten Jahren ebenfalls nicht erfüllen können und sich darauf beschränkt, jüdische Studierende' der Landwirtschaft durch Stipendien zu unterstützen. Die Mittel, die den beiden letztgenannten Vereinigungen zur Förderung der Landwirtschaft unter den Juden zu Gebote standen, ließen allerdings eine Arbeit im großen Stile nicht zu. Andere wesentlich größere Möglichkeiten erösfnete die hochherzige Simon-Stiftung in Hannover, deren Millionenbesitz ja vorzugsweise für diesen Zweck bestimmt ist. Man hatte von irgendeiner großzügigen Ausführung des Simonschen Gedankens lange nichts gehört, und es wurden in der jüdischen' Presse sogar bereits Stimmen laut, die diese Untätigkeit einer abfälligen Kritik unterzogen. Jetzt ist diese Alexander und Fanny Simon-Stiftung in Hannover endlich mit einem Projekt hervorgetreten, um die Arbeit im Geiste Simons zu beginnen. In der Nähe von Celle soll ein größeres Gut, das/ reichlich 800 Morgen umfaßt, von denen indes knapp ein Drittel zunächst anbaufähig ist, für 120 000'Mark angekauft werden. Hierzu gibt die Simon-Stiftung 75 000 Mark und der Berliner Verein 10 000 Mark, die an dritter Stelle eingetragen werden sollen, da 45 000 Mark zunächst von dem bisherigen Besitzer auf fünf Jahr unkündbar als zweite Hypothek im Gute stecken bleiben. Die Betriebsmittel in Höhe

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