Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- Seite 603 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228850--65171-3277287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ein'6onu16 des Israelites Serbes sendet uns den folgenden Aufruf ‘anbie. Sfraeliten alter ßänber : Die Annexion' Bosniens und der Herzegowina durch Oesterreich» .Ungarn "hat bei »der serbischen Nation einen namenlosen Schmerz ihervorgerufen: Dieser Schmerz wird mit jedem Tage um so herber, je-mehr in dse weitesten Volksschichten das Bewußtsein der denr serbischen Stamm drohenden Gefahr dringt, die mir dann beseitigt - werden könne, wenn die dem Serbentum durch die Annexion zuge- ' fügte Ungerechtigkeit wieder.gutgemacht wird. ‘ Der Aufstand des serbischen Volkes zu Anfang des 19. Jahrhunderts beweist, daß das jahrhundertelang unterjochte Serbentum einen schweren und langen Karnes nicht scheute, als es galt, seine Nationalität und seine Freiheit zu retten. Wie ein Mann erhob sich bäs ganze'Volk zum Freiheitskampf, unzählige Opfer dem Altar des Vaterlandes darbringend, bis es. endlich, nach hartem Ringen, seine . Freiheit und Unabhängigkeit erkämpft hatte. . Ohne Rücksicht darauf, ob in dem ungleichen Kampf ein Erfolg 'wahrscheinlich oder auch möglich ist, durchdringt das serbische Volksbewußtsein die unumgängliche Notwendigkeit, sich, mit aller Kraft .'der Annexion Bosniens und der Herzegowina zu widersetzen und .den Kampf für seine Rechte, selbst um den Preis einer blutigen Niederlage, auszunehmen. . Bosnien und die Herzegowina sind mit geläuterten serbischen . Elementen bevölkert. Durch die Annexion dieser Länder, deren Be-. völkerung die reinste serbische Sprache spricht, schreibt und singt, entsteht auf dem schon ohnehin so unruhigen Balkan ein Jrredentismns, und für die Bürger des Königreiches Serbien ist es mehr als klar,, daß der Kampf gegen die Annexion, der Kampf für die Rechte des serbischen Stammes, solange währen muß, bis seine Rechte .errungen worden sind. Liebe Brüder,; Ihr fragt Euch wohl, warum wir serbische Israeliten an Euch Israeliten anderer Staaten diesen Aufruf richten und Euch die dem Serbentum zugefügte Ungerechtigkeit vor Augen halten. Nun' höret:' Es sind schon über fünf Jahrhunderte verflossen, seitdem unsere Vorfahren von mittelalterlicher Glaubensintoleranz verfolgt, in Serbien , gastfreundliche Aufnahme gefunden haben. Während dieser ganzen Zeit haben die Juden hier alle möglichen Freiheiten genossen und genießen sie auch heute noch, und zwar nicht etwa infolge eines Druckes von auswärts, sondern einzig und allein infolge der angeborenen Toleranz und liberalen Gemütsart des serbischen Volkes, welches sich in dieser Hinsicht mit den höchstkultivierten Völkern messen kann. > Die Freiheit des Glaubens, der Arbeit und der Lebensführung ist für die serbischen Juden eine vollständige, und das Wohlwollen -des Herrschers von Serbien geht darin so weit, daß er die kulturellen 'Festlichkeiten der israelitischen Elemente in seinem Königreiche durch - seine allerhöchste Gegenwart beehrt und erst neulich mit eigener Hand den Grundstein für einen heiligen Tempel der hiesigen Israeliten legte. Es' gibt in -Europa Länder, wo-sich die Juden solcher Freiheiten und Toleranz nicht erfreuen und erachten wir es daher als Pflicht eines jeden Juden, wo er auch leben mag, dem serbischen -Volke in diesen schweren Stunden alle Sympathien angedeihen zu lassen, welche es zufolge seiner hochherzigen Toleranz vollauf verdient. Aus diesem Grunde wenden wir uns an Euch, Brüder, an die erprobten Vorkämpfer des wahren Liberalismus, an die tapferen 'Kämpfer für Recht und Gleichheit, und bitten Euch, nicht nur die ' Sympathien, die'das serbische Volk verdient, zu hegen, sondern, so weit es in.Euerer Macht liegt, auch die liberalen Geister Eures Landes'ohne Unterschied des Glaubens zu veranlassen, sich her gerechten Sache des serbischen Volkes anzunehmen. . Brüder. : Durch die Annexion Bosniens und der Herzegowina seitens der österreichisch-ungarischen Monarchie ist das Prinzip der Gewalt über das. Prinzip des Rechtes gestellt worden. Die Entscheidung darüber, welches dieser beiden Prinzipien vorherrschen soll, befindet sich jetzt imWendepunkt, und all« ktnfiimig-n Geister der , die Pflicht, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß das Recht nicht der Gewalt unterliegt. Der Moment ist da, wo sich das Judentum auf die Seite des Rechtes und der Freiheit stellen muß, ' und deshalb, richten die Israeliten Serbiens an alle Glaubensgenossen diesen Ausruf, fest überzeugt, daß damit nicht nur eine patriotische, sondern auch eine humane Pflicht erfüllt wird. - Belgrad, den 23. Oktober 1908. Im Namen der Israeliten Serbiens: Haim D. Asriel, Exporteur; Benzidn Bully, Bankier; D. A Kohen, Rechtsanwalt; Jakob Tselebonovitß, Rechtsanwalt; Benko S. Davitscho, Rechtsanwalt; Raf. FiUzi, Rechtsanwalt; Avram S. Levics, Buch- Haltungschef der Monopolverwaltung; N. D. Tajtazakovics, Kaufmann; Jo v.B. Mandil, Journalist; Fr. S. Pops, Rechtsanwalt; Schemaja de Majo, Rechtsanwalt; B. Robicsek, Sekretär im Finanzministerium; Dr. med. B. Alcalay. Wir haben diesen Ausruf ganz wiedergegeben, können aber die Tendenz, aus der derselbe hervorgegangen und den Inhalt nicht billigen. Wir begreifen es wohl, daß die Juden Serbiens als treue Söhne ihres Landes, das tatsächlich die Juden stets beschützt hat, die Annexion Bosniens und der. Herzegowina schmerzlich empfinden, aber wir begreifen es .nicht, wie sie gerade als Juden dazu kommen, gegen diese Annexion zu protestieren, und wir glauben auch nicht, daß ihr Appell an die Israeliten aller Länder irgendwelchen Erfolg haben wird. * Die extreme Rechte brachte in der russischen Reichsduma am 9. d. M. eine Interpellation ein, welche das Wohnrecht der Inden einschränken soll. Wie erinnerlich, hat das Ministerium des Innern zu verschiedenen Malen in jüngster Zeit Zirkulare erlassen, durch welche das Wohnrecht der Juden erweitert wurde. Die Verhältnisse während des letzten Krieges erleichterten es den Juden, sich in ländlichen Ansiedlungen niederzulassen,' wo ihnen das Wohnrecht gesetzlich nicht zustand. Der Minister des Innern hat später ein Zirkular erlassen, nach welchem allen Juden, die sich bis zum 13. August 1906 in irgendeiner Gegend angesiedelt haben, das Wohnrecht dortselbst bis zur allgemeinen Regelung der Judenfrage behalten dürfen. Gegen diesen Erlaß richtete sich die Interpellation der Ültrareaktionäre. Sie fragten, was die Regierung zu tun gedenke, um die „Judengesetze" wirksam aufrecht zu erhalten. Die Duma lehnte die beantragte Dringlichkeit ab und überwies die Interpellation der Kommission. In der Sitzung kam es zu einem höchst merkwürdigen Zwischenfall. Der. Führer der äußersten Rechten, Markow, gebrauchte bei Begründung seiner Interpellation wegen verschiedener kleiner Erleichterungen, die den Juden gewährt worden sind, wiederholt den Ausdruck „verbrecherische Regierung", was von der Opposition durch Zurufe noch mehr unterstrichen wurde. Das schien aber dem Redner noch nicht zu genügen; er begann einen neuen Satz mit den Worten: „Unter den früheren weisen Zaren". Ein Sturm von Zurufen ließ ihn nicht enden. Der Dumapräsident Chomjakow erklärte, er warne den Redner vor dem gefährlichen Weg, den er anscheinend betreten wolle. Handelsminister Schipow, der zugegen war, verließ den Saal. Dieser Zwischenfall zeigt, wie rücksichtslos die Reaktionäre nicht nur gegen die Regierung, sondern auch gegen den Zaren geworden sind. Trotzdem bleiben diese Leute die Günstlinge der hohen Kreise. -. Bei den letzten Wahlen in Amerika sind auch zahlreiche Juden in die verschiedenen gesetzgebenden Körperschaften oder zu hohen Staatsposten gewählt worden. ‘ So wurden im