Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228689--62279-3277279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

dpxie, gibt sich jedoch anscheinend nicht zufrieden. Durchaus unfromm ist es aber, daß sie entgegen dem jüdischen Gebot „Du sollst Dich nicht rächen" Rache ausübt. und das tat sie —bei den Stadtratswahlen. In der zweiten Klasse siegte bisher die liberale Partei durch die Unterstützung der jüdischen Wähler, die in dieser Klasse den Ausschlag geben. Stets wurde, wie auch dieses Jahr, in dieser Klasse ein Jude gewählt. Da aber dieser ein Freund der Orgel ist. blieb dieses Jahr eine ganze Anzahl jüdischer Wähler der Wahlurne fern, und — die Liberalen unterlagen. Das ist das gerühmte Zusammenhalten der Juden. — Die jüdische Privatschule in Viersen ist nach längerer Verhandlung mit den städtischen Behörden in eine öffentliche umgewandelt worden. Die Stadtvertretung ist bei der Uebernahme besonders dem Lehrer Herrn Nußbaum in der liberalsten Weise entgegen gekommen. ä. Frankfurt a. M., 20. Dezember. Bei den letzten Ergänzungswahlen für den Gemeindevorstand haben die Kandidaten des orthodoxen Zentralvereins die Majorität erlangt. Eine so große Beteiligung am Wahlkampf, wie diesmal, hat wohl kaum jemals stattgefunden. Nach Schätzung von freisinniger Seite sollen über 400 Personen von der Ausübung ihres Stimmrechts abgesehen haben, weil es ihnen trotz wiederholten Erscheinens unmöglich war, in den: engen und ungünstigen Wahllokal zur Urne zu kommen. Es waren dies fast durchgängig Anhänger der liberalen Richtung. Die größere Stimmenzahl der Kandidaten des orthodoxen Zentralvereins dürfte wohl im wesentlichen daraus zurückzuführen sein, daß ein in letzter Stunde erschienenes Flugblatt dieses Vereins den jungen jüdischen Handlungsgehilfen versprach, die Kandidaten. Bauer und Dr. Hanauer würden insbesondere für die Interessen dieser Handlungsgehilfen in bezug auf Hospitalpflege eintreten. Tatsächlich sind Leute aus diesem Beruf scharenweise mit Automobilen durch die Agitatoren des Zentralvereins zur Wahl herangeschafft worden. Die Wahlbeteiligung betrug rund 40 Prozent, für kirchliche Wahlen ein hoher Prozentsatz. Auf den von den Zionisten allein aufgestellten Kandidaten Jul. Carlebach entfielen nur 110 Stimmen. Nach dem Regulativ der Israelitischen Gemeinde hat der Polizeipräsident die Befugnis, aus den neun „Höchstbestimmten" drei auszuwählen. Doch unterliegt es wohl keinen: Zweifel, daß B. Oppenheimer und die beiden Kandidaten des Zentralvereins M. Bauer und Dr. Hanauer, welche die meisten Stimmen erhielten, in den Gemeindeausschuß berufen werden. R. Höchst a. M., 18. Dezember. Am 14. d. Mts. fand in einem feierlichen Gottesdienste in Anwesenheit von Vertretern der königlichen und städtischen Behörden die Einweihung der hiesigen neuen Synagoge statt. Das nach den Plänen des Baumeisters S. Münchhausen in Köln in: romanischen Stile erbaute Gotteshaus war mit Blumen reich geschmückt und bis auf den letzten Platz mit zahlreich erschienenen Gästen gefüllt. Die Bewohner der umliegenden Straßen hatten ihre Häuser reich beflaggt. Abends fand ein Festbankett statt. Die Teilnehmer gehörten allen Konfessionen an, und gestaltete sich die Feier zu einem recht erhebenden Fest. Herr Bürgermeister Palleske ergriff das Wort, wies in seiner Rede hin auf das jn Höchst bestehende gute Einvernehmen aller Konfessionen und brachte der Kultusgemeinde als Festgabe das'Versprechen der gesamten Bürgerschaft, treu zu ihr zu stehen in der Betätigung wahrer Nächsten- und Menschenliebe. Der Verlauf der ganzen Feier war ein derartiger, daß alle Teilnehmer und vor allem die ganze jüdische Gemeinde mit hoher Befriedigung auf den Tag ihrer Synagogeneinweihung znrückblicken dürfen. i. Mainz, 16. Dezember. Im großen Saale der „Liedertafel" fand heute Abend eine von mehr als 1000 Personen besuchte Versammlung statt, zu der ein Komitee eingeladen hatte, dem zahlreiche Stadtverordnete, der Landtagsabgeordnete Dr. Schmidt, der Reichstagsabgeordnete Dr. David, sowie Vertreter aller politischen Parteien angehörten. Nach eingehenden Referaten der Herren Levine aus Petersburg und Professor Staudinger aus Darmstadt wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die' am 5. Dezember 1905 in Mainz im großen Saale der „Liedertafel" tagende Versammlung gibt ihrer schärfsten Entrüstung darüber Ausdruck, daß in Rußland Tausende unter den Augen der Behörden ermordet, verstümmelt und ihres Eigentums beraubt werden konnten. Die Versammlung erklärt die vorgekommenen Greueltaten für einen Hohn auf die Errungenschaften der Zivilisation, und hofft, daß die ganze gesittete Menschheit ihre Entrüstung teilt. Sie erwartet,idaß durch den Druck der öffentlichen Meinung die Wiederholung solcher Ereignisse unmöglich gemacht wird und daß den unglücklichen Opfern jede moralische Unter- . stützung seitens der Kulturstaaten zuteil wird, insbesondere durch Befürwortung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung." Mannheim, 17. Dezember. Fälschungen lvon Legitimationen der „Alliance Israelite“ führten den 59jährigen Handelsmann S. Katzenstein und den 57 jährigen Kaufmann I. Stein vor die Strafkammer des Landgerichts Mannheim. Die Angeklagten, die wegen ähnlichen Schwindels bereits mit Zuchthaus vorbestraft sind, hatten auf Grund raffiniert gefälschter Legitimationen der ✓ „Alliance Israelite“ in Paris und an verschiedenen anderen Orten, unter anderen in Mannheim, Mainz und Frankfurt a. M., Geldsammlungen zugunsten geflüchteter russischer Juden veranstaltet. Das Urteil lautete gegen Katzenstein auf sechs Jahre Zuchthaus und 450 Mark Geldstrafe und gegen Stein auf drei Jahre Zuchthaus und 300 Mark Geldstrafe. Außerdem wurden beiden Angeklagten die Ehrenrechte aus je zehn Jahre aberkannt. x. Aus dem Elsaß, im Dezember. Auch hier wurde allerorts für die Opfer der russischen Judenverfolgungen gesammelt und zwar so schnell nach dem Ausruf der Alliance Israelite, daß die Aufforderung des Straßburger Komitees, ihm die eingegangenen Summen zuzuweisen, um so durch gemeinsames Vorgehen aller Gemeinden den Opferfinn der elsässischen Juden zu bezeugen, in der überwiegenden Mehrzahl der Gemeinden zu spät kam. — Der Gemeinderat der Stadt Straßburg ) bewilligte 5000 Mark. Von Christen spendeten namhafte Summen Professor Stilling 1000 Mark, Bankier Schwarzmann 800 Mark. Auch der Bischof und mehrere andere katholische und protestantische Geistliche, und zahlreiche Persönlichkeiten in hervorragenden Stellungen, u. a. Unterstaatssekretär v. Schraut, sandten Gaben. --- Am 23. v. M. starb in Straßburg Herr Myrt il Blum, ein Mitglied des israelitischen Konsistoriums für Unterelsaß und Mitglied der Handelskammer. Während der Belagerung im Jahre 1870 war er als Offizier der Mobilgarde im Dienste der Stadt tätig gewesen. Sonntag den 26. v. M. fand die Beerdigung statt. Im Hause hielt.Oberrabbiner Ury eine wohldurchdachte, ergreifende Gedächtnisrede;" im Namen des Konsistoriums sprach Herr Stein, und Herr Bankier Schwartz, Präsident eines Wohltätigkeitsvereins. feierte ihn als einen Mann, der auf allen Gebieten der Wohltätigkeit sich hervorgetan hatte. Dem Zuge voran schritten Zöglinge des Waisenhauses und der Gewerbeschule, um die sich der Verstorbene verdient gemacht hat. Dem Sarge folgte auch der Bezirkspräsident Hahn. Am Grabe sprach noch ein Angestellter des bekannten Hauses Blum treres, dessen Mitinhaber der Verewigte gewesen war. $ Gesterretch-Angarn. Wien, 25. Dezember. Nun hat sich der Bürgermeister Lueger aber gründlich obseinerBrandrede wider die Juden entschuldigt: er hat nämlich in einer christlichen Frauenversammlung mit seiner ihm eigenen und gar nicht zu seinem Alter passenden burschikosen Manier erklärt, daß es ihm fern liegt, zu Mord und Totschlag gegen die Juden aufzureizen — nein! er bitte nur, nicht bei ihnen zu kaufen: also nicht Raub und Mord, sondern Boykott.' — Der Kaiser hat den Dr. Hieronymus Fiala, Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in Brünn, zum Mitglied des Landesschulrates für Mähren ernannt. — Das Ergebnis der Sammlung der Israelitischen Allianz zugunsten der Opfer der Judenverfolgungen in Rußland beträgt bis jetzt ca. 720000 Kronen, wovon über 500 000 Kronen in Wien selbst und der Rest in den österreichischen Gemeinden gesammelt wurde. Jn der vorigen Woche wurde bei der Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige gegen den Bürgermeister Dr. Lueger überreicht, in der unter bezug auf dessen vielbesprochene, gegen die Juden gerichtete Rede, seine Verfolgung nach § 302 St.-G. wegen Aufreizung gegen eine Religionsgenossenschaft gefordert wird. Die Anzeige trägt die Unterschriften eines Ingenieurs, zweier Mediziner und eines Juristen. In ihr wird angeführt, daß die Unterzeichner sich durch die Rede

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.