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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
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Ir 622 —- Für einen liebeglühenden Bräutigam, denn das war Humboldt beim Schreiben dieser' Zeilen, sind diese Aeußerungen ebenso merkwürdig, wie die Gefühle, die sie ausdrücken. Bei dem Gefühlsüberschwang jener Zeit indessen muß man solche Sonderbarkeiten in Kauf nehmen. Jedenfalls scheinen mir die Aeußerungen Humboldts über die Berliner jüdischen Frauen ganz außerordentlich merkwürdig. So unmittelbare . Zeugnisse won Zeitgenossen über Henriette und .Dorothea waren uns bisher nicht bekannt. Sie sind um so merkwürdiger, als sie im Widerspruch stehen mit den begeisterten Urteilen Späterer, aber gerade ihre Unmittelbarkeit, ausgehend von einem so tiefblickenden Manne wie Humboldt es war, machen sie zu Zeugnissen von höchster Bedeutung?) Lklrkrüchte. . dem interessanten Werke von Professor Dr. Arthur Kle.inschmidt: „ Drei Jahrhunderte russischer Geschichte", (Verlin'N905) werden die Profile der hervorragendsten russischen Souveräne und ihrer Günstlinge gezeichnet. Unter den letztern befinden sich auch — kaum glaublich — zwei Juden. Peter der Große hatte bei der Wahl seiner Günstlinge einen Scharfblick, um den ihn Nikolaus II. beneiden könnte. Uns interessieren hier nur die beiden, Folgenden: der frühere jüdische Ladendiener Peter Pawlowitsch Schafsirow, dann Änton Mannilowitsch Devier, ein portugiesischer Jude. Katharina I. überließ ihrem bewährten Freunde Menschikow, der ihr nach Peters Tode den Weg zum Throne ebnete, die Zügel der Regierung. Dieser nun berief den auf seinen Antrieb gestürzten Reichsvizekanzler Schafsirow aus feinem Exil zurück, verwandte ihn in wichtigen Aemtern, hielt ihn aber vom Hofe fern. Seit Peters Tod führte Katharina ein tolles Leben. Die Auslandspolitik wurde meist im Sinne der persönlichen Interessen Menschikows behandelt. Mit großem Geschick wußte der Günstling sich seiner zahlreichen und mächtigen Feinde zu erwehren. Zu diesen gehörte auch Graf Anton' Mannilowitsch Devier. Das war der Sohn eines jüdischen Schmugglers aus Portugal, der nach Holland ausgewandert und 1697 Peter dem Großen bei den Manövern der Flotte durch seine Gewandtheit als Schiffsjunge ausgefallen war. Der Zar kaufte den Schiffsjungen und schenkte ihn Menschikow, der den jungen Manu als Läufer verwendete. Peter nahm ihn aber bald wieder zurück und machte ihn zum Offizier. Devier bewarb sich um Menschikows Schwester, als er von diesem eine abschlägige Antwort erhielt, verführte er das Mädchen. Menschikow befahl nun seinen Dienern, Devier totzuschlagen; dieser flüchtete zu Peter, der Menschikow zwang, ihm seine Schwester sofort zur Frau 511 geben. Der Zar ernannte ihn zum Generaladjutauten und 1718 zum Generalpolizeimeifter von Petersburg. Unter Katharina, die große Stücke auf ihn hielt, wurde er Generalleutnant, Senator und Graf. Gegen diesen seinen Schwager empfand Menschikow i) In einer Anmerkung soll darauf tungewiesen werden, daß Humboldt am 8. November 1790 bei Spaldings jüngstem Sohne hebräisch zu lernen anfing. Er schrieb darüber: „Die Sprache interessiert mich bloß um ihrer selbst willen. Sie weicht so erstaunlich von behänderen ab und sie trägt noch so viele "Spuren von der ersten rohen Jdeenentmicklung", und dann am 14. Novernber folgende niedliche Bemerkung: „Bill (Wilhelm) hat heut noch eine Entdeckung gemacht, die ihn so gefreut hat. L i (Kosename für Karoline) heißt auf hebräisch mein, brauch«? nun nicht mehr zu sagen „meine Li", sondern li ist schon mein." unerbittlichen, glühenden Haß. Als Katharina im Mai 1727 schwer erkrankte, ließ Menschikow seinen Schwager verhaften, ernannte eine Kommission, die Devier verurteilen sollte, wandte die Folter an und entrang ihm däs „Geständnis", daß er mit Freunden eine Verschwörung angezettelt habe. Katharina unterschrieb wenige Stunden vor ihrem Tode das Schriftstück, welches Devier zur Knute, zum Verlust aller Würden und seines Vermögens, sowie zur Verbannung nach Sibirien verurteilte. Also ein Jude war einmal Reichsvizekanzter und einer Generalpolizeimeifter in Petersburg! Und der Eine war wohl der Ahnherr der noch heute blühenden Familie Schapiro in Rußland. Merkwürdig, sehr merkwürdig! Lin Träumer. Von Max Viol a. er Alaun heißt Maier Kotschewski und verkauft Schuhschnüre, zwei Stück für fünf Pfennige. Ich saß vor dem Cafe Krone, ich hatte ein Eis genommen und nun las ich einen hochinteressanten Artikel Professor von Reußners über das unerträgliche Schicksal der Juden in Rußland. Da wurde ich aufgescheucht. Maier Kotschewski drückte sich um mich herum und bot mir Schühschnüre an. Zum Teufel mit den Schuhschnüren! Ich brannte meine Zigarette an und nahm die Lektüre wieder auf. Doch Maier Kotschewski ließ mich nicht in Ruhe. Er wurde zudringlich. Ich wies ihn ab, er aber wollte durchaus, daß ich ihm Schuhschnüre abkause. Endlich wurde es mir zuviel. Ich schrie ihn an und dann warf ich ihm einen Nickel hin. Da ging er, das Geldstück aber ließ er liegen. Ich rief ihn zurück. Er kam nicht. Da ging ich ihm nach. Um für zwei Schuhschnüre fünf Pfennig zu bekommen, war er zudringlich gewesen, als ich ihm das vierfache schenken wollte, nahm er's nicht und ging beleidigt davon. „Wie heißen Sie?" fragte ich ihn, als ich ihn erreicht hatte. Er blickte mich furchtsam an und schwieg. Ich wiederholte die Frage. „Was hat der Herr davon, wie ich heiße? Ich heiße Maier Kotschewski." „Sie sind aus Galizien?" „Ich Hab' gelebt in Galizien, aber geboren in Rußland." „Haben Sie über die neuen Judenverfolgungen in Rußland gelesen?" „Hab' ich gelesen." „Und was sagen Sie dazu?" „Was soll ich dazu sagen? Gar nichts sag' ich dazu." „Sie lassen sie kalt?" „Kalt oder warm. Sind erschlagen worden fünfzig Juden; Männer, Frauen, Kinder; verwundet fünfhundert, beraubt fünftausend. Nun, was ist dabei? Wer nicht hat gelebt, kann nicht sein gestorben." „Nicht gelebt?" „Nein, ist das ein Leben, was führt ^in armer Jud? Dazu ein armer Jud in Rußland? Es tut weh, wenn man wird erschlagen, aber das Sterben tut immer weh. Was braucht * der arme Jud zu leben? Um zu hungern, um zu werden gestoßen, geschlagen, angespien? Um zu sorgen für sein Weib und seine Kinder? Aber er kann nicht sorgen. Sie hungern, wenn er lebt, und wenn er ist geworden erschlagen, hungern sie auch. Was ist da der Unterschied? Ist jetzt ein großes Geschrei. Aber warum gerade jetzt? In Rußland

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