Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- Seite 621 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Gehalte, ich-fühle das immer mehr imd rnehr, und es Luk Mir leid, weil ich selbst, empfinde, daß ich noch kälter und wirklich verschlossen dadurch werde. Aber sie fordert auch so heraus und ich ^kann nicht von Dir mit ihr reden. Sie versteht einen doch nicht und ist gleich -so fordernd, so anmaßend. Ich habe ihr also fast nichts, als so das Gewöhnlichste von Dir gesagt, aber freilich merke ich auch wohl, daß es ihr'gar nicht recht war." Ein paar Monate später, am 31. Oktober, mußte er bestätigen, daß er mit den Berliner Kreisen auseinander käme, weilseine Ideen und Gefühle von denen seiner' früheren Gefährtinnen durchaus abweichen. Aber auch das andere männliche Mitglied des Bundes, Karl von Laroche, den, wie Humboldt am 14. November schrieb, „Jette wirklich liebte", entfernte sich von ihr und es kam zwischen beit beiden zu einem förmlichen Bruche, in den Humboldt als Vermittler hinzugezogen wurde. Er vermochte dieses seltsame Verhältnis auch seinerseits nicht zu kitten, aber auch in diesem Falle ist seine Beurteilung der verlassenen Frau eine merkwürdig kühle. Er schreibt: „Jette ist keines eigentlichen Schmerzes fähig. Sie tut einem wohl leid, weil sie leidet, aber es ist immer mehr Verdruß als . Schmerz, und dieser Verdruß nie ohne sichtbares Streben, ihn bemerklich. zu machen." Noch andere ausführliche Stellen, in denen dieser seltsame, bisher unbekannte Liebeshandel zwischen Carl von Laroche und Henriette Herz behandelt wird, sind in dem Briefwechsel vorhanden, doch ist es kaum nötig, hier daraus einzugehen. Seitdem verschwindet die schöne Berlinerin, die anfänglich Wilhelm v. Humboldts leicht entzündliches Herz stark erregt hatte, vollständig aus dem Bilde.; der Reiz, den sie ausgeübt hatte, war einem anderen gewichen. Daß bei den zahlreichen Erwähnungen der Henriette von dem Manne, von Markus Herz, nicht die Rede ist, darf uns nicht Wunder nehmen. Er ließ seiner Frau vollkommene Freiheit und hätte zu dem Tugendbund, der ja freilich die ' Tugend in recht merkwürdiger Weise auffaßte, gewiß nur gekachelt, wenn er davon gewußt hätte. Nur einmal, am 6. November 1790 wird er von Humboldt erwähnt, nicht eben sehr respektvoll, denn es heißt von ihm: „Herzens sind beide krank, sie hat den Husten, er die Rose an Backen, also ein noch einmal so dickes und glänzendes Gesicht." Ist diese Stelle nur ein kleiner Spott über das Aeußere, so ist die Art und Weise, wie sich Humboldt über Simon Veit-, dem Mann, .der Dorothea, oder Brendel, wie er sie immer nennt, ausspricht, geradezu eine Verdammung. Am 26. Juni schrieb Humboldt: „Brendel ist unbeschreiblich unglücklich. Wenn Du den Mann kenntest, es gibt dafür keinen Ausdruck, für diese Plattheit und Roheit, Härte und Hohlheit. Und mit diesem Mann wachsen noch die Gefühle für mich, sie liebt mich in jedem Verstände des Worts. Sie fühlt und weiß, daß sie mir nichts ist, was ich Dir bin, und nun läßt bald. Stolz, bald Liebe selbst, weil sie mich zu beunruhigen glaubt, sie schweigen. Das gibt ihr eine so edle, hohe und gehaltene Stimmung, und wenn sie sich einmal hingibt, so unendliche Fülle der Empfindung. Sympathisieren könnte ich nie mit ihr. Ihr Leben unter den platten Menschen, ihr Unglück selbst gibt ihr so eine Härte der Verzweiflung oft; so ein Lachen,, weil man nicht weinen mag, ist so oft in ihr, sie ist mir das lebhafteste Bild mutwilliger Zerstörung einer schönen, herrlichen Güte, so oft ich sie sehe, und so wechselt Bewunderung und Bedauern in mir." - Ich kann diese Stelle nicht abdrucken, ohne gegen die Beurteilung Simon Veits energischen Protest einzulegen. Daß er, der nüchterne Kaufmann, in den Augen der. jungen Literaten, eine üble Rolle spielte, ist leicht verständlich;; aber Hohlheit und Harte waren seine Eigenschaften gewiß wicht: Die unendliche Güte, die er später der geschiedenen Frau und die er allezeit seinen Söhnen bewies, die ihn verlassen hatten, beweisen am besten das treffliche Wesen dieses Mannes, dessen Unglück es'nur war, daß er in Kreise geführt wurde, die für sein inneres Wesen kein Verständnis besaßen. Daß aber die Schuld des unglücklichen Verhältnisses zwischen Mann und Frau keineswegs blos an dem Mann, sondern auch an Brendel lag, das . bekennt' Humboldt selbst, der am 29. Januar '1790 schrieb: „Sie kennt kaum die Idee, ihren Mann glücklich zu machen." Jedenfalls stellte Humboldt Vrendets Wesen viel höher als das Jettens. Am 8. Juni berichtet er: „Brendel ist wie immer, ein vortreffliches, liebes Geschöpf, unendlich anspruchslos, nur leider nicht feinfühlig, oft freilich liegt der Mangel an Feinheit nur in ihrem Ausdruck, ihrem Aeußeren, aber manchmal auch tiefer, und dann hat sie doch auch keinen recht weiten Ausdruck der Seele. Ganz herzlich kann ich nicht mit ihr sein, es .stößt mich manches ab und mein Gefühl findet nicht Nahrung genug." Und am 17. September: „Mit Brendel stehe ich wie sonst, sie bleibt sich immermehr gleich und hat tiefen und großen Gehalt, aber ihre Lage zerstört sie, das ist unleugbar, raubt ihr vorzüglich die Grazie, alle Sanftheit, alle wahre Weiblichkeit.. Ich sah sie nicht allein, sprach sie doch aber viel ungestört; an eigentlichem Wert des Charakters bleibt sie mir immer die erste Frau, obgleich nicht an Vergnügen des Umgangs, denn mich greift es an, sie zu sehen, weil ich sie besser kenne und besser weiß, als sie so erscheint." Und auch dieser hochgeschätzten Freundin gegenüber mußte er am 31. Oktoberkonstatieren, daß er mit ihr auseinanderkomme. Fast das. letzte Wort, das er über sie sprach, lautet so: „Meine Ideen, meine Gefühle gehen meist von den ihren ab, und gerade so, wie man das Abgehen wenigstens insofern nicht tragen kann, daß man die andere Art nicht schätzt." Einen weit geringeren Raum als Henriette und Dorothea nimmt in. den merkwürdigen Bekenntnissen eine Frau Fränkel ein, die in den Schilderungen der Berliner Gesellschaft eine verhältnismäßig niedrigere Stellung entnimmt, als die bisher genannten Frauen. Die genannte Dame muß aber in den letzten- Jahrzehnten des 18. und den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts sehr geachtet und auch in christlichen Kreiselt sehr geschätzt gewesen sein. Die schon erwähnte Therese Förster spricht in späteren Jahren mit vieler Achtung vonihr nltd - auch Jfflands Neffe, sowie dessen Eltern, müssen, wie ich aus ungedruckten Briefen weiß, gesellschaftliche Beziehungen mit ihr unterhalten haben. Nur einmal spricht Humboldt von ihr, am 26. Juni 1790 berichtete er: „daß er sie mehrfach gesehen, aber wenig Acht auf sie gegeben habe." „Erst nach und nach, da wir bei einigen Gelegenheiten näher traten, lernten wir sie näher kennen, sie ist ein unendlich zartes, weiches-und graziöses Wesen. Dabei besitzt sie so eine Art Stärke, nicht die Stärke, die uns auch in uns das Drückende weniger achten läßt, nein, mehr die Güte, dies Drückende nie andere blicken zu lassen. Schon lange merkte ich, daß sie mir gut wäre, aber feit einigen Wochen erschien sie mir so sonderbar. Es war mir, als hielt sie etwas in sich zurück und wenn ich allein mit ihr war und ich sie bat, sich ihren Gefühlen freier zu überlassen oder ihr sagte, daß ich ihr gut. wäre, dann bat sie mich zu schweigen, und weinte, und neulich, bei einem Spaziergange an einem schönen Abend bat sie mich so innig um Verzeihung, daß sie imnter das Gespräch dahinbrächte. Und doch bringe wirklich ich es dahin. Ich verstehe es nicht."