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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
Seite 623 (sequence 11)
Language
German
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623 werden immer arme Juden erschlagen oder wenigstens ansgeplündert oder -gestoßen nnd angespien. Wenn man lebt in Rußland und ist arm, ist man das gewohnt. Wir sind doch reich, wir Juden, Lauter Rothschilds. Und auf der ganzen Welt gibt es nicht so viele Bettler als es gibt jüdische Bettler in Rußland." „Wie sind Sie hierher geko mmen?" „Wie kommt ein Bettler? -Haben Sie gehört von Kischinew? Ich hab'gehäbt ein Geschäft, ein eigenes Geschäft. Das ist geworden ausgeraubt und angezündet. Und mein Vater . . . und mein Weib . . . nnd mein Kind . . . mein einziges Kind, meine schöne Fradele . . . Und mein rechter Arm ist seither steif, und ich kann ihn nicht bewegen und kann nicht arbeiten. Und mein Verstand ist, glaub' ich, nicht in der Ordnung. Und wie ich Hab' alle begraben gehabt, Hab ich mich durchgebettelt nach. Galizien. Dort Hab' ich gebettelt Monate lang, dann hat man mich eingesperrt und ausgewiesen, denn ich Hab keine Zuständigkeit gehabt. Und ich Hab' gebettelt bis hierher. Und jetzt verkauf' ich Schuhschnüre. Zwei Stück nur fünf Pfennige. Gute, starke Schuhschnüre. Im Geschäft kriegen Sie sie nicht so billig." ' „Und wenn Sie lange Zeit gebettelt haben, warum haben Sie vorhin den Nickel nicht genommen, den ich Ihnen geboten habe?" „Bettle ich jetzt? Ich verkaufe Schnhschnüre. Manchen Tag verkaufe ich sechzig Paar. Wenn ich kann verdienen, bettle ick nicht. Gute Nacht, Herr." „Herr Kotschewski!" „Was will der Herr?" „Wollen Sie mir nicht die Hand reicheil zum Abschied?" Er reichte mir zögernd die Hand. „Gute Nacht, Herr!" „Güte Nacht, Herr Kotschewski. Und nehmen Sie hier ■ meine Adresse. Vielleicht brauchen Sie einmal einen Freund." Aber ich sprach die Worte in die Luft. Er war bereits davongegangen, langsam, mit gesenktem Haupt, ein Träumer. Aus mrinrm Leben. Von Professor Dr. H. Steinthal s. A?) ls ich nach Quarta kam, fragte mich ein Tertianer: „Verstehst Du (inner?" Ich wußte so viel französisch, wie irgend ein Knabe meiner Klasse, aher knmer kannte ich nicht. Ich ließ mich nicht verführen. In Sekunda fing ich an, weil ich Rabbiner werden wollte. Talmud zu studieren; es geschah in dreimal wöchentlich eineinhalb Stunden. Das war harte Arbeit, nicht nur für mich, sondern auch für meinen alten Lehrer, und für ihn sogar noch in höherem Grade. Mitten in der Stunde unterbrach er den Unterricht, indem er eine Prise nahm und auch mir eine aubot. „Das klärt den Kopf", sagte er. Ich nahm auch eine, nnd nachdem wir beide herzhaft geniest, ging es frisch weiter. - Als ich in Oberprima war und im 19. Jahre meines Lebens, sagte der Mann, bei dein ich in Kost war, und der mich sehr lieb hatte: „Ein Primaner ist ein halber Student, und Du wirst bald ein ganzer. Du mußt rauchen lernen. Hier hast Du eine Zigarre, zünde sie an und rauche." Das tat ich, aber meine Cousine, die dies mit ansah, lachte laut auf.. Ich hatte nämlich gehört, man dürfe den Rauch nicht 9 Die obige Skizze fand sich im Nachlasse des sel. Steinthat. Sie wird unfern Lesern sicher eine schöne Erinnerung sein an den . teuren Mann, dessen Worten sic so oft gelauscht. Die Red. hinter schlucken, das sei gefährlich, und ich wollte der Gefahr entgehen. Also zog ich stark ein nnd sperrte dann den Mund auf und hauchte mit aller Kraft den Rauch aus. „Nicht aushauchen, ausblasen!" sagte mein braver, lieber Kostherr. So lernte ich kunstgemäß rauchen, und er gab mir von. Zeit zu Zeit wieder eine Zigarre. Als ich aber Student war, machte ich Zeichen auf meinem Brote, wieviel ich täglich davon essen dürfte, um die vorbestimmte Zeit damit zu reichen, und um es nicht trocken zu offen, aß ich eine Mohrrübe dazu. Da blieb mir kein Pfennig zu Tabak und Bier; aber Freunde und Gönner präsentierten mir bei Gelegenheit eine Zigarre und ich verlernte mein Rauchen nicht. So kam mein dreißigster Geburtstag heran, ich war unterdes schon Privatdozent geworden, da brachte mir ein Freund eine lange Pfeife und ein Päckchen Bahia. Nun ward ich ein regelmäßiger Raucher. Ein Jahr später unternahm ich' eine Reise nach Paris. Das war damals, obwohl die Eisenbahn fertig war, doch immer noch ein Unternehmen. Von hier nach Köln fuhr man eine Nacht und einen Tag, volle 24 Stunden, und ich natürlich in der dritten Klasse, dann kam Brüssel und endlich Paris. Ich befand mich in der tiefen Wehmut eines jungen Mannes, der zum erstenmal den Kreis von Freunden und Verwandten verläßt, in die Welt hinansfährt ohne zwingenden Grund, nur um zu erfahren, wie es dort aussieht, mit dem erschreckenden Gedanken, daß man sogar im Anslande sitzen bleiben könnte, da die Aussichten im Vaterlande doch gar zu trübe seien. Ich stieg in Paris in einem Hotel garni ab; es lag in einer Straße, die nicht mehr besteht. Wie ganz anders, wie trübselig sah das Zimmer aus gegen das, welches ich in Berlin bewohnte! Das war zwar nur eine Dachstube, aber hellblau getüncht und' in der Bellevuestraße, das Fenster aus die Kastanien! Das Haus steht freilich auch nicht mehr. Sogleich nach der Ankunft, nachdem ich von einem Polsterstuhl Besitz genommen hatte (dem einzigen Polstermöbel des Stübchens, in Berlin hatte ich doch ein Sofa mit einer blendend weißen gehäkelten Decke), bat ich den Wirt um ein Glas Wasser. Er brachte mir eins, das er vor meinen Augen aus einer Flasche eingoß. Das Wasser war lau und abgestanden. Wir lebten damals Anfangs Juli. Ich sagte, er möchte mir de l’eau fraiche geben. (In . Berlin trank man damals noch kühlstes Brunnenwasser.) Der Mann sah mich verwundert an und sagte: eile est fraiche, eile n*est pas cuite. Schon gut, schon gut, dachte ich; man hat mich ja vor dem Pariser Wasser gewarnt. Dies erzähle ich aber blos, um dem Leser recht lebendig die Stimmung vorzusühren, in der ich mich in jener Stunde befand. Und das Schlimmste habe ich noch nicht erwähnt, das war aber folgendes. In Berlin hatten doch alle Stuben, die ich inne gehabt hatte, weiße Holz dielen. In Paris war das Zimmer mit Ziegelsteinen gepflastert, wie in Deutschland der Hausflur! In solcher Stimmung nun suchte ich Trost. In meinem Koffer tag meine Pfeife und noch die Hälfte des Päckchens Bahia. Die holte ich nun 'hervor. Seit vier Tagen sunterwegs, hatte ich nicht geraucht. Wie wird das schmecken! — Wie gesagt, es war die heißeste Zeit; des Weichselrohr hatte sich wohl in der Hitze etwas zusammengezog'en, es steckte nicht fest im Porzellanenen Abguß, und eben wie ich den brennenden Fidibus heranbringe, füllt jener ab und der Kops aus dem vermaledeiten Pflaster liegt in Scherben — o Jammer! Welch ein Vorzeichen für die kommenden Tage! Und das Geschick erfüllte sich; in den folgenden drei Jahren habe ich weder eine Pfeife, noch Bahia, noch eine

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