Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- Seite 620 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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anzusiedeln, wird- Ew:- Exzellenz kundgegeben, damit es zur Kenntnis der Interessenten gebracht werde, wie auch 1881 durch Vermittlung der spanischen Gesandtschaft in Konstantinopel, daß die Gesetze des Landes sich nicht im mindesten widersetzten, daß Fremde, wenn sie es wünschten, auf der Halbinsel sich niederließen, wie und wann es ihnen beliebe, wohl verstanden, daß diese selben Gesetze denen, die nicht sich zur katholischen Religion bekennen, die vollste und absolute st eFreiheitdesG e w i s s e n s gewähren, und daß daher eine besondere Ermächtigung, um nach Spanien kommen zu dürfen, nicht vonnöten sei; der Eintritt sei jedem stets frei und unbeschränkt. Aber, was nicht geschehen könne, sei die Gewährung von Hilfsmitteln zum Hertransport, weil unser Staatshaushalt es nicht zulasse/' Daß alle diese judenfreundlichen Kundgebungen keinen praktischen Erfolg zeitigtenwar keineswegs Spaniens Schuld. Es sollte erst einem Zeitgenossen Vorbehalten bleiben, als Vermittler zwischen Spanien und dem Judentum tatkräftig äufzutreten. Milhelm von Humboldt über die ° jüdischen Frauen Berlins. Von Prof. Ludwig Geiger. üs Wilhelm von Humboldts Biographien und aus den Darstellungen des Berliner geselligen Lebens am Ende des 18. Jahrhunderts war es bekannt, daß der später als Staatsmann, Sprachforscher und Aesthetiker so berühmte Mann einem Tugendbunde während seiner Jugend angehört hatte, zu deren tätigsten Mitgliedern Henriette Herz und die Ihrigen gehörten.. Die Briefe, welche Wilhelm von Frankfurt a. O. und Göttingen aus an Henriette Herz zum Teil in jüdischer Kurrentschrift schrieb, waren aus Varnhagens Nachlaß 1865 . ediert worden. Sie weihten uns in das schwärmerische, von allem Erotischen und Mysteriösen entfernte Treiben jener Zeit ein und bewiesen den günstigen Einfluß, den Henriette auf strebende Jünglinge ausübte. Schon aus jenen Dokumenten war bekannt, daß die Schwester von Henriette Herz, Brenna, und ein Freund des Hauses, Karl von Laroche, der Bruder von Goethes Freundin Maximiliane und der Onkel des berühmten Geschwisterpaares Clemens und Bettine Brentano, diesem Kreise angehörte. Auch Dorothea Veit, die Tochter Moses Mendelssohns, die später als Gattin Friedrich Schlegels in der deutschen Literatur bekannt wurde, stand den Verbündeten nahe. Jetzt erfahren wir durch ein an neuen Ausschlüssen reiches Buch *), daß der genannte Laroche das Fräulein Karoline von Dachröden, das er sehr liebte und zu heiraten hoffte — sie wählte aber statt seiner Wilhelm von Humboldt -— bestimmte, dem Bunde beizutreten, und daß durch seine oder Humboldts Vermittlung auch Therese Förster für die Gemeinschaft gewonnen wurde. Da hier keine Geschichte dieses Bundes gegeben werden soll, in dem, wie. es scheint, jüdische und christliche Mädchen und junge Frauen, aber nur christliche junge Männer zu einer Gemeinschaft sich vereinigten, so sei nur darauf hingewiesen, daß die beiden letztgewonnenen Mitglieder, Therese Förster und Karoline von Dachröden, in ihrer mehr nüchternen Art den strengen Statuten des Berliner Bundes sich widersetzten und daß auch die durch Fräulein von Dachröden gewonnene Karoline von Beulwitz, spätere Wilhelm und Karoline von Humboldt in ihren Briefen, hgg. von Anna von Shdow, 1. Band 1788—1791, Berlin, E. S. Mittler & S ohn 1906. Fran v. Wolzogengegen die Berlineru.Vormundschast einiger-, maßen revolntionierte. - - Wichtiger für uns ist die Art und Weise,-in der Wilhelm von Humboldt, nachdem er sich mit Karoline von Dachröden verlobt hatte, über jene Berliner Frauen, Henriette. Herz und^ Dorothea Beit, urteilte. Zum Verständnis der nachfolgenden Stellen muß darauf hingewiesen werden, daß ein Bräutigam der Braut gegenüber natürlich anders spricht als ein im Banne einer schönen Frau schmachtender, unverlobter Jüngling; jedenfalls sind die Stellen von solcher Bedeutung,daß sie eine Mitteilung rechtfertigen. Am 26. Februar 1790: berichtete Humboldt: „Die Jette ist ein so närrisches Geschöpf. . Sie ist, ich möchte nicht sagen so kindlich — das drückt etwas Anderes aus — auch nicht kindisch — aber so kindähnlich.. Ich habe nie so etwas Verlangenreiches gesehen. Nach allem streckt sie die Hände aus. Alles will sie haben. Beständig macht sie Pläne, Projekte und „morgen tue ich das", „was tust Du morgen?" usw., immer in zukünftigen Augenblicken. Was sie denkt und empfindet, ist so voll und ganz und schnell, daß sie garnicht begreifen kann, wie nicht jeder es auch denken und empfinden müßte.- Daher ihre Intoleranz. Selbständigkeit . hat sie garnicht, dafür hält sie aber auch mit so treuer, inniger Zärtlichkeit an einem, daß sie rühren müßte, wenn man sie auch nicht liebte und so ohne Stolz, daß sie zufrieden sein könnte, nur aus Mitleid geliebt zu werden." - ., Wenige Wochen später, am 23. März 1790: „Der eigent- . liche Fehler ist, daß sie sich ewig nur mit sich beschäftigt,. . ewig auf sich alles zurücksührt, daß sie darum auch immer meistenteils mit sich, manchmal auch mit dem Betragen Anderer gegen sie unzufrieden ist, daß sie sich nie in sich, sondern nur immer in anderen sieht, daß sie, was sie dem Anderen ist, nicht aus seinem ganzen Wesen sieht, sondern nach gewissen Dingen, die ihr nun einmal Maßstab sind, beurteilt, daß sie einen schlechterdings nicht versteht und dabei über alle Beschreibung empfindlich, endlich, daß sie wenig eigenes Nachdenken und wenig tiefes. Gefühl hat, aber das Süße und noch mehr den Wert, der in beiden liegt, kennt, und nun nach beidem so in guter Unschuld strebt, ohne zu bedenken, daß dies Streben ebenso umsonst ist. Dem allen ungeachtet, besitzt sie aber doch eine Herzensgüte, eine Liebenswürdigkeit, eine Naivität und eine Anhänglichkeit, die immer Wesen an sie anziehen wird." Nach einigen Monaten, am 26. Juni 1790, bekannte er: „Mit Jetten bin ich sehr auseinander gekommen. Ich kann mir nicht Helsen, sie erscheint mir so ganz anders, als ich sie sonst in den Träumen meiner Phantasie sah. So wenig wahres und tiefes Gefühl, so viel Selbstsüchtiges, Kleines, . Eitles und so Vieles Laune, dann selbst wenig Güte. Des Mangels an Delikatesse, noch mehr an Grazie, will ich nicht einmal gedenken. In jedem Verhältnis, in dem sie ist, muß sich der andere immer mit ihr beschäftigen. Sie beschäftigt sich nie mit ihm. Und dann die Sucht, alles wissen zu wollen, , nach dem Erzählen alle Vertraulichkeit zu messen." Trotz der Klarheit, mit der Humboldt damals über Henriette Herz urteilte, kam er doch viel mit ihr zusammen. Es wäre denkbar, daß zu ihrem veränderten Benehmen eine.. Art Eifersucht Anlaß gab. Sie fühlte, daß Wilhelm durch seine Verlobung ihr und den Berliner Kreisen entschwand;, in ihrer Kleinlichkeit wurde sie sogar boshaft und erzählte ihm und anderen, daß er garnicht Karoline, sondern ein anderes Mädchen in Berlin liebte. In dem Schreiben vom 18. September, in dem Humboldt von. diesen Seltsamkeiten berichtet, charakterisiert er Henriette folgendermaßen: „Es ist. doch ein sonderbares Weib, wirklich so kleinlich, von wenig innerem