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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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Dir Spanilch-Mdilchr fragt. Von Sieg wort Al. Nußbaum-Madrid. II. s waren ganz außerordentliche Umstände, die diese Erinnerungen herbeisührten. Znm ersten Male gesprengt waren die Fesseln, die seit Jahrhunderten den aufstrebenden freien Geist in spanischen Landen geknechtet hatten. Männer wie' Espartero, Priin, Serrano, Canalejas, Canovas del Castillo, Sagasta,' Mvntero Rios (heute, Ministerpräsident) Moret (heute Führer der Liberalen), Zorilla und Emilio Castelar traten mit anderen in den ersten konstituierenden Cortes zusammen, um dem modernen Spanien liberale, der neuen Zeit würdige Gesetze zu verleihen. ' Und an dem sür die gesamte Judenheit denkwürdig gewordenen Tage des 12. April 1869 hielt Castelar, der größte Redner Spaniens aller Zeiten, das personifizierte Wort der lateinischen Rasse, jene glänzende Verteidigungsrede für Judentum und Geistesfreiheit, unter deren tiefgehendem Eindruck der spanischen Verfassung jener sreidenkende Geist der Toleranz eingehaucht wurde, den des Landes Gesetze heute trotz al-len Zweifels offenbaren. Castelar hatte damals kaum eine tiefere Kenntnis, wie sie auch wohl niemand in Spanien bis heute besaß, von der Geschichte der Verbannten des Jahres 1492. Aber auf seinen Reisen durch Italien traf der spätere Präsident der spanischen Republik auf Abkömmlinge jener spanischen Juden, und ihr Schicksal beschäftigte seinen hohen Geist so lebhaft, daß er sich vornahm, der verfolgten Rasse ein Anwalt in Spanien zu werden. In seinen „Erinnerungen an Italien" hat der große Volkstribun, besonders in dem Kapitel „Das Ghetto", seine humanen Ideen über das von seinem Vaterlande einst verstoßene jüdische Volk in glänzenden Worten niedergelegt. Die erhabenen Gedanken Castelars über Toleranz, Geistes¬ und Glaubensfreiheit blieben bei der Stellung und Persönlichkeit dieses Mannes naturgemäß nicht ohne tiefe Wirkung aus das Volk, von den Intellektuellen ganz zu schweigen. Es erfolgte in jenen Tagen der Antrieb - zu einer Bewegung, die wir als die erste Regung des Philosemitismus nach 1492 bezeichnen können. Und das Verdienst ist Emilio Castelars. Das haben ihm auch die Juden Marokkos gezeigt, als er, Jahre später, Tanger besuchte und von der jüdischen Kolonie begeistert empfangen wurde. Hier bestärkte ihn ein Umstand mehr in dem Festhalten an seine judensreundlichen Bestrebungen. Er fand zu seinem freudigsten Erstaunen, daß die Juden Marokkos Spanier geblieben waren in Sprache und Gebräuchen, trotz der Jahrhunderte, die seit der Austreibung ihrer Väter aus Spanien verflossen waren. Es muß in den politisch verworrenen Zuständen jener Zeit gelegen haben, daß die ersten philosemitischen Strömungen in Spanien im Sande verliefen. So wird auch berichtet, daß die damalige Regierung sich wegen ihres schwachen Rückhaltes beim Volke noch nicht vermaß, den von Castelar angeregten Gedanken in bezug auf die spanischen Juden näher zu treten. Erst die Politische Sicherheit und Ruhe, die ein Dezennium später unter der Regierung Alfonsos XU. herrschte, gestattete auch dieser eine öffentliche und feste Stellungnahme gegenüber den Juden. Und das geschah im Jahre 1881. Infolge der empörenden Judenverfolgungen in Rußland wandten sich viele Juden an die spanischen Gesandten in St. Petersburg und Konstantinopel mitder Bitte um die Erlaubnis, nach Spanien konnnen zu dürfen. Die Gesandten teilten jene Bitte dem damaligen Minister des Aeußern, Marquis de la Vega de Armijo, dem heutigen Präsidenten der Deputiertenkammer mit, und dieser antwortete telegraphisch am 15. Juni genannten Jahres mit folgendem königlichen Dekret: „S. M. (Alfons XU. ist gemeint) beauftragt mich, Ew Exzellenz mitzuteilen, daß sowohl S. M. wie auch die Regierung die von Rußland kommenden Juden gern empfange und ihnen die Tore des Landes öffne, das ehemals ihr Vaterland gewesen." Dieses großmütige Anerbieten der spanischen Regierung wurde am 17. Juni desselben Jahres wiederholt und hatte den Erfolg, daß viele russische Juden sich bereit erklärten, nach Spanien zu kommen, wenn — man ihnen die Reisekosten zahlte. Trotzdem nun die Regierung für die großen Ausgaben einer etwaigen russisch-jüdischen Einwanderung nicht aufkommen konnte, bewilligte sie doch freien Transport für 51 ärmere Juden und Erleichterungen für viele andere. Diese Einwanderer gelangten auch wirklich, nachdem sie in Marseille durch den spanischen Konsul Marquis de Gonzalez unterstützt worden waren, im September im Hafen von Barcelona an- Was aus diesen ersten jüdischen Einwanderern geworden ist, habe ich nie recht feststellen können. Sicher ist, daß sie weder in Barcelona blieben, noch gar weiter in Spanien eindrangen (vielleicht mit wenigen Allsnahmen), sondern bei ihrer gänzlichen Mittellosigkeit und mangelnden Führung Barcelona bald wieder verließen und sich wohl größtenteils nach Frankreich durchschlugen. Die Regierung konnte ihnen natürlich keine Mittel zur Verfügung stellen, ein Erwerb für sie war schwer zu finben, und auch von jüdischer Seite blieben die Unterstützullgen aus. Die Zeit für jüdische Eillwanderung in Spanien war noch nicht gekommen, das bedurfte langer und umständlicher Vorbereitungen. Das Verhalten der Regierung war ja durch diesen Präzedenzfall festgelegt, und weiterhin wurde von ihr jede sich bietende Gelegenheit benutzt, um ihren phitosemitischen Standpunkt wieder und wieder zu betonen. Eine solche Gelegenheit fand sich im Jahre 1887. Am 11. Februar dieses Jahres richtete der republikanische Deputierte Baselga eine Interpellation an die Negierung, in deren Namen der Ministerpräsidellt und Führer der Liberalen, der berühmte Don Praxedes M. Sagasta, die kategorische Erklärung abgab „daß alle Juden, welche nach Spanien zu kom men wünschten, hier eine tolerante, gastfreundliche Bevölkerung fänden uüd sie unter dem Schutze der 2 und 11 der Verfassung der spa nisch en Monarchie alle ihnen zukommenden zivilen Rechte genießen würden, ohne Ausnahmegesetze zu erleiden, noch Bedrückungen oder irgendwelche Angriffe." Schließen wir diese umfangreiche Rekapitulation, die nur die Einleitung zur eigentlichen Besprechung der spanisch-jüdischen Frage bilden soll, mit der Mitteilung über eine weitere Philosemitische Kundgebung der spanischen Regierung aus dem Jahre 1892. Im Dezember 1891 baten wiederum Juden in Odessa um die Ermöglichung und um Mittel, nach Spanien auswandern zu können,worauf die Regierung der Königin-Regentin-Maria Christina am 27. Januar 1892 mit folgendem königlichen Dekret durch Vermittlung des spanischen Gesandten in St. Petersburg antwortete: „Nachdem der Minister der Auswärtigen Angelegenheiten sich unterrichtet bekennt in Sachen des Kommuniques Ew. Exzellenz über die Bittschrift einiger Juden in Odeffa, man möge ihnen erlauben, sich in irgend einem Punkte der Monarchie

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