Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- Seite 618 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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618 Geschriebene zu verbreiten, ist manchmal schwierig. Dänisch zu schreiben heißt so viel .als in Wasser zu schreiben. Es kommt demnach darauf an, das Geschriebene in einer der Weltsprachen bekannt und bemerkt zu machen. Glaubt man nun etwa, das käme von selbst? Im Jahr 1901 schrieb ich auf eine eindringliche und wiederholte Aufforderung hin einen längeren Aufsatz „Jüdische und christliche Rumänen", eine Vorstellung zugunsten der verfolgten und mißhandelten rumänischen Israeliten. Zunächst sollte der Aufsatz in französischer Sprache herausgegeben werden; in Paris wollte man die Herausgabe und Verbreitung besorgen. Ich verlangte für mich keinen Pfennig, aber ich forderte für meine Uebersetzer ein Honorar, ähnlich dem, das ich selbst zu geben pflege, in diesem Falle 100 oder 150 Francs; ich weiß die Summe nicht mehr mit Bestimmtheit anzugeben. Da man in Paris diese Summe zu hoch (!) fand und sie^zu zahlen sich weigerte, unterblieb die Veröffentlichung. Deutsch sollte die Herausgabe in einem Weltblatte vor sich gehen. Der Aufsatz wurde angenommen, aber blieb ungedruckt einen Monat, zwei, ja drei Monate, trotz wiederholter Aufforderungen meinerseits. Platzmangel und ähnliche redaktionelle Ausreden wurden vorgeschützt. Schließlich erfuhr ich, daß die Zeitung sich fürchtete, der rumänischen Regierung - unangenehm zu werden, mit welcher sie in finanziellem Verkehr stand, und der Aufsatz wurde niemals gedruckt. Es ist also nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort so leicht, für die Juden zu wirken, wie Dr. Fränkel es sich vorftellt; man trifft unterandern auch Nichtunterdrückte Juden auf seinem Weg. Dr. Fränkel imponiert mir nicht mit seiner die Juden seien ein „stammreines" Volk. Ich kann darüber nur wiederholen, was ich im Jahre 1901 schrieb: Renan wies - seinerzeit in seinem kleinen Buch: „Le Judäisme“ darauf hin, . daß das Judentum eine Religion fei, aber nicht eine Raffe bezeichne. Er zeigte, wieviele nichtsemitische Elemente in den Stamm eingezogen waren, wie die westeuropäischen Juden zum Beispiel von Franzosen, die osteuropäischen zum Beispiel von Chazaren, die vor 1000 Jahren das Judentum annahmen, abstammen,7.und er erklärte, die jüdischen Typen aus dem Einflüsse des Ghettos. In unseren Tagen haben gelehrte und scharfsinnige Forscher, wieder französisch schreibende Goldstein, die ungeheure Bluteinmischung nachgewiesen, aus der in der Urzeit der hebräische Stamm hervorgegangen ist, und in der jüngsten Zeit sind die Forscher geneigt, die Juden überhaupt nicht als Semiten anzusehen. Die Reinheit der Raffe ist also - zum mindesten ein Gaukelbild. Jetzt aber hat sich der Zionismus inehr und mehr auf die Behauptung zugespitzt, die Juden sind noch heutigen Tages eine Nation, die als solche ihren Staat fordern müsse, eine Forderung, die sich über die Geschehnisse von 2000 Jahren hinwegsetzt. Besonders wenn gewisse lärmende Mittelmäßigkeiten als Wortführer des Zionismus auftreten, erhält dieser abstoßende Formen, und leider scheint es, als mache es unter den Zionisten Schule. Ein ewiges Pochen auf jüdische Nationalität, ununterbrochene höhnische Ausfälle gegen diejenigen Israeliten, die unter die Völker aufgegangen sind, welche sie ausgenommen haben, laute Beteuerungen, daß der Judenhaß sich niemals legen werde, und daß ein Jude, der sich Franzose oder Engländer nenne, eine verächtliche Person sei, die ihre Brüder verleugne. Es ist nur natürlich, daß sich die großen jüdischen Finanzdynastien von einer Bewegung fern hielten, die so unlogisch und ungeschickt ist, daß sie förmlich die Vertreibung als einzige Antwort herausfordert. Als Herzel 1894 den Zionismus mit der Herausgabe seines Buches: „Der Judenstaat" einleitete, war er, der früher die Auffassung des Judentums als eine Nation eifrig bekämpfthatte, noch so unklar über die Sache, daß er nicht wußte, ob Argentinien oder Palästina als Ziel der Auswanderung vorgezogen werden müsse. Er suchte damals sogleich mit mir Verbindung, nahm mir aber meine etwas bedingte Haltung sehr übel. . . . Ganz abgesehen von der Armut Palästinas, die es außer ' Stand setzt, eine Bevölkerung von 7 bis 8 Millionen zu ernähren, ist zunächst noch eine Schwierigkeit hinzugekommen, daß der Sultan weder das Land abtreten noch die Sicherheit geben will, die die Juden fordern. Jedes Kind vermag außerdem zu begreifen, daß, wenn es ihnen gelingen würde, auf türkischem Grund und Boden zum Wohlstand zu gelangen, daß dann die Muhamedaner sie so behandeln würden, wie die Kurden die Armenier im Araratlande behandelt haben. Der ganze Plan bezüglich Palästinas ist tatsächlich von den leitenden Männern vorläufig aufgegeben worden. Das edelmütige Anerbieten Englands, den Zionisten ein geräumiges und fruchtbares Land zu geben, müßte darum wohl mit beiden Händen ergriffen worden fein. ■ " Es hat sich aber gezeigt, welchen Schaden die rücksichtslose Agitation für Palästina angerichtet hat. Die große Mehrzahl der Juden hat sogar von Uganda nur als Uebergangsland nichts wissen wollen. Wenn ich also gefragt werde, warum ich nicht dazu beitrage, den unglücklichen russischen Juden die „Heimstätte" in Palästina als eine Zufluchtsstätte vorzugaukeln, eine Zuflucht in Abdul Hamids Gewalt, dann . ist der Grund der, daß ihnen in Palästina — wie ich befürchte — nur neue Hungersnot und im Laufe der Zeilen neue Metzeleien bevorstehen. Einer meiner Bekannten hatte einige Monate vor dem Tode Plehwes Audienz bei diesem in Petersburg, um ihn um seinen Beistand für die jüdische Auswanderung -zu bitten. Plehwe äußerte sich bei dieser Gelegenheit, daß gegen die Juden, die die eigentlichen Träger und Leiter der russischen Revolution seien, niemals Schonung gezeigt werden solle, und, sprach er, ich habe Rußland in meiner Hand wie diesen Bleistift. Wollen die Juden ihrer Wege gehen, so ist mir das am allerliebsten. ' Mein Bekannter . mußte ihn . nunmehr darauf aufmerksam machen, daß es unmöglich sei, mehr als höchstens 80 000 Juden jährlich auszusühren, und mit eben dieser Zahl vermehrten sich die Zurückgebliebenen jährlich. Die Zahl würde also dadurch nicht vermindert werden. Glücklicherweise hat die jüdische Jugend in Rußland in unfern Tagen, statt romantisch von einem neuen Heim in Palästina zu träumen, ihr Leben geweiht, um sich ihre alte Heimat und ein menschenwürdiges Los in Rußland zu erobern. Sie hat gefühlt und gezeigt, daß nicht die Flucht, sondern die Revolution mit der Waffe in der Hand der Weg sei. Sie hat einen Heldenmut an den Tag gelegt, wie er selten in irgend einem Lande, zu irgend einer Zeit bewiesen worden ist. Auf den Barrikaden in der Stadt Lodz allein sind mehr junge Juden gefallen, als in der großen französischen Revolution überhaupt Menschen umgekommen sind. Die Zeit ist nicht fern, da es sich zeigen wird, daß das Blut dieser Helden nicht umsonst geronnen ist. In wenigen Jahren werden, wie es das Vorparlament in Moskau bereits gefordert hat, alle jüdischen Einwohner Rußlands dasselbe Recht und dieselbe Freiheit genießen, wie alle anderen Bewohner des weiten russischen Reiches.