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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
Seite 617 (sequence 5)
Language
German
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Anstalt für jüdische Schwachsinnige aus ein, verhältnismäßig kleines -Quantum reduzieren ließen. Die, . Berechnungen- und -die Verhandlungen mit den Provinzialbehörden-wie mit dem königlichen statistischen Bureau in Berlin stehen natürlich jedem, der sich für die Unterbringung jüdischer Schwachsinniger — ich faffe als Psychiater unter dieser Bezeichnung sämtliche Geisteskranke zusammen— interessiert, zur Verfügung. Und wer hat nicht einen solchen Kranken bei der jährlich zunehmenden Anzahl der Geisteskranken unserer Juden in der Familie? Jüdische Wohltätigkeit in solche Bahnen zu lenken ist der Zweck dieses Artikels. *) Line Erklärung. Von Georg Brandes.-) ie Anfragen und Aufforderungen, die ich empfange, haben einen solchen Umfang, daß an jedem Tage von mir drei Monate von meiner Zeit verlangt werden. Die Bücher, die ich lesen soll, die Briefe, die ich beantworten, die Anmeldungen, die ich sch reib en7 die Empfehlungen, die ich geben, die Vorträge, die ich halten soll, haben nach und nach eine phantastische Zahl erreicht. Dazu kommt, daß ich in Europa betrachtet werde, als sei ich in einer Person Gratisbureau für Auskünfte bez. der skandinavischen Länder. Man schreibt , an mich aus Athen, daß ich mitteilen möchte, welche Werke Skandinavier über Mazedonien geschrieben haben, aus Wien, daß ich Blumen von Hamlets Grab pflücken und einsenden möchte.. Zu all diesen Leuten, die ihre Privatinteressen von mir gefördert wissen möchten, kommen noch diejenigen hinzu, die ein Anliegen haben, das ihnen am Herzen liegt, -1) Wie wir erfahren, hat der D.-J. G.-B. sich auch bereits mit dieser Eventualität befaßt, und es sind ihm auch schon verschiedene dahingehende sehr günstige Anerbietungen gemacht worden. D. Red. ^) Jn der dänischen Zeitung „Politiken" hat ein zionistischer Schrift- . steller einen offenen Brief an Professor Georg Brandes veröffentlicht, in dem es u. a. heißt: „Mit Bewunderung folgt man dem Interesse und dem Eifer, mit welchen Sie sich, wenn die Großen sich an den Kleinen vergreifen, für die letzteren ins Zeug legen, seien es Finnen oder Schleswiger, Armenier oder Polen. Mit Verwunderung muß man darum fragen, warum Sie für Ihre Stammesgenossen, für deren Unabhängigkeitsbestrebungen noch keinen Federstrich gemacht haben. Wenn der Antisemitismus in Mitteleuropa und dessen Folgen nicht genügend erscheinen, um die jüdisch-nationale Bewegung zu begründen, sollten Ihnen dann nicht die Begebenheiten der letzten Jahre in Rußland genügend erscheinen? Wenn Griechen, Bulgaren, Rumänen selbst , ohne. Berechtigung infolge von Abstammung oder Geschichte sich als Volk proklamiert haben und die Hilfe der Großmächte erlangt haben, um eigene Staaten zu gründen, was wäre dann einleuchtender, als daß die Juden, die zum größten Teil heute noch so stammesrein sind, wie vor 2000 Jahren, die Hilfe der Großmächte suchen,um sich wieder in eineni Lande ansässig zu machen,das einst das ihrige war, und in welchem Imponderabilien wie Nationalgefühl und geschichtlicher Zusammenhang erreichen würden, was alle Wohltätigkeit nicht zu erreichen vermag. Warum opfern Sie nicht dieser Freiheitsbewegung ein wenig Ihrer Sympathie und Ihrer Arbeit. Ich bin der Meinung, daß Ihre Ansichten für das intelligente Europa etwas bedeuten, sonst.hätte ich mich nicht an Sie gewendet." Darauf hat Br. die obige Erklärung abgegeben, die wir hier im Wortlaut veröffentlichen — mit Ausnahme einiger scharf polemischer Stellen gegen Theodor Herz! und.Max Nordau — weil wir annehmen, daß sie für unsere Leser, auch wenn sie, ebenso wie wir, ,nicht mit allen-Behauptungen von Br. einverstanden sind, doch von großem Interesse sein werden. Die Red.^ und die mir. meine Pflichtvorhätten, mich.zum Vertreterihrer Sache zu-machen, indem -sie gewöhnlich ihre Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, daß ich überhaupt noch nicht geredet habe. Sie wissen so wenig von mir, daß selbst diese Voraussetzung in der Regel unrichtig ist. Jedenfalls aber scheint es ihnen so, als müsse ich mich in jede Angelegenheit hineinmengen, in welcher sie meiner oder meines Namens bedürfen. Seinerzeit wurde ich von der vortrefflichen Dame, die in der Friedensbewegung eine leitende Stelle .einnimmt, auf- - gefordert, ein Manifest zu erlassen, das gelegentlich eines Friedenskongresses in Rom verlesen werden konnte, und . in welchem ich mich als Freund des Weltfriedens erklären sollte. Als ich sie bat, sich doch lieber an Kaiser Wilhelm zu wenden, nahm sie mir diese Antwort sehr übel. Während Norwegen und Schweden, und später die Norweger unter sich Streit miteinander hatten, wurde ich von Norwegern leidenschaftlich aufgefordert, mich der norwegischen Republik anzunehmen, von Schweden, für die gerechte Sache Schwedens in Europa zu reden. Jedesmal, wenn der Nobel- , preis verteilt werden soll^ rufen mich Italiener undJtalienerinnen auch cm, Carducci die Prämie zu verschaffen, die Polen, sie Sienkiewicz zu geben, ohne jede Rücksicht darauf, daß die schwedische Akademie nicht nach meiner Meinung gefragt hat, und daß ihr Sekretär und einflußreichster Mann mehrere hundert Artikel gegen mich geschrieben hat. Seit einer Reihe von Jahren hat sich in deutschen Kirchenzeitungen und antisemitischen französischen Büchern die stehende Klage gesunden, daß ich die edelsten und besten Christen, wie Luther und Joseph de Maistre, zerreiße, um nur die Juden zu verherrlichen und zu preisen. Aber gleichzeitig wird in der neuhebräischen Literatur selten oder niemals mein Name genannt, ohne daß mit Bedauern das. Traurige (oder Unwürdige) hervorgehoben wird, daß ich die Sache der Juden gänzlich im Stich gelassen habe. Als ich vor einer Woche in Prag war, wurde ich von böhmischen Juden und Jüdinnen bestürmt, mich gegen das russische Blutbad auszusprechen. In Berlin wurde ich ersucht, eine öffentliche Versammlung zum Besten der russischen Juden abzuhatten, und als ich mich weigerte, aufgefordert, mich dann wenigstens schriftlich zu entschuldigen, da man— so merkwürdig es auch klingen mag — überzeugt gewesen sei, daß meine Stimme wesentlich dazu beigetragen haben würde, den Verfolgungen und Ermordungen ein Ende zu machen. Es liegt etwas Rührendes in der Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse, die sich so an den Tag legt. Dagegen muß ich eingesteheu, daß ich nichts Rührendes finde in dem „offenen Brief" Dr. Fränkels an mich in „Politiken" vom Freitag. Es ist schon schlimm genug, daß ein Schriftsteller für jede Zeile, die er schreibt, zur Rechenschaft gezogen wird, sobald der erste Beste meint, er habe sich geirrt. Noch schlimmer ist es, wenn der Schriftsteller öffentlich zur. - Rechenschaft gezogen wird dafür, daß er nicht gesprochen habe, und wenn er dafür die Gründe angeben soll. Am schlimmsten aber ist es, wenn man ohne weiteres versichert, daß er „keinen Strich seiner Feder" gemacht habe, und so ganze Bogen ignoriert, die er geschrieben hat. Falls Dr. Frankel nur das gelesen Hätte, was in meinen „Schriften" XI, 456—486 steht, und falls er meine nicht wenigen Aufsätze zur Sache, z. B. „Volksglauben und Utopien" kennen würde, dann hätte er sich . seine öffentlich gestellte Frage ersparen können. Nicht um mich zu rechtfertigen» sondern um das-Publikum aufzuklären, nur noch dieses: Es bedarf großer Unkenntnis,. um anzunehmen, daß das Schreiben für eine Sache mit deren Förderung gleichbedeutend sei. Selbstverständlich hat das. Geschriebene selten irgendwelche Wirkung. Aber auch das

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