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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-11 · Heft 50 (11.12.1908) · p. Seite 600

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 600 (sequence 14)
Language
German
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N sich M/ der Wohnungeinös. alten /Juden befintzmi? Mlberspäter, als die Spione sich an die Werkstätte heranmachten,' ' da verfinsterten sich meine Augen! Als ob ihnen jemand gesagt hätte, als ob sie schon wußten — so warfen sie sich - aufdieunglücklichen „sozialistischen" Bücher. Sie machen ein Buch auf und sagen: „Oho!" sie machen ein zweites auf, , und wieder: „Oho!" Darauf hörte ich bloß „Oho!" und nichts weiter . . . So daß ich zuletzt mich -nicht mehr halten konnte, und begann bissig zu werden. „Hören Sie mal, sage ich, was heißt „Oho!" Man brachte mir Bücher zum Einbande, da schreien Sie in einem fort „Oho!" Aber was für ein „Oho!" kann hier sein, wenn ich ein Buchbinder bin?" Aber sie, selbstverständlich, schenkten 'meiner Rede keine Aufmerksamkeit: was interessiere, ich, alter. Jude, diese Leute, ebenfalls meine unglückliche Familie? Kurz, in fünf Minuten war das Protokoll fertig, und wiederum in fünf Minuten fährt bereits Abraham Repetur in einer Droschke mit dem Polizeikommissar, um ins Gefängnis gebracht zu werden! . . . Und wissen Sie, was hier mit meiner Familie geschah? Es ist viel besser, dies nicht zu. erzählen: ein solches - Unglück, ein solcher Skandal, solche Tränen. . . Ach! Gott strafe mich, sogar die Nachbarn weinten, als sie mich in der Droschke mit dem Kommissar erblickten! ... Und hauptsächlich — wofür? Denn alle wissen doch, daß ich ein makelloser Mensch, daß ich ein Handwerker bin, daß ich mich mit Dummheiten nicht befasse... und plötzlich die Polizei und mit einem Male, ein Skandal, und ich in der Droschke, und der Polizeikommissär faßt mich am Rücken..." Die Erinnerungen der Durchsuchung und des Arrestes waren sichtlich sehr schwer für Repetur. Es drückte ihn hauptsächlich das Element des Skandals und die Schande; für uns Intelligente unempfindlich, aber im Bütgerstände vollkommen unerträglich.. Er veränderte sich sogar im Gesicht, und seine müden, halb heruntergelassenen Augenlider brannten vor Entrüstung, als er sich an die Einzelheiten des nächtlichen Ueberfalls erinnerte. III. „Ich kann Ihnen nicht erzählen, wie ich dahin kam, wie der Kommissar mich dem Gefängnisse .gegen einen Schein, übergab — dies alles war wie ein Traum. Ich erinnere mich bloß, daß der Polizeibeamte besoffen war, und daß er mich bemitleidete. Er klatschte fortwährend auf meinen Rücken und sang ein Liedchen. Aber als ich mich plötzlich in der Kammer befand/als man die Türe schloß — oh! Hier begriff ich schon alles! Ich begriff, und .... wie ich zu weinen ansing! ... Bei Gott, es ist nicht schön einzugestehen, aber ich weinte wie ein Kind . . . Gott strafe mich, ich heulte wie ein Kind ... Ach, mein denke ich mir,/, wofür habe ich diese unangenehme Geschichte — ich bin ein alter Jude, ich bin ein makelloser Handwerker. Ich habe^Skandal gemacht? Ging ich zu den Versammlungen, ' habe ich Streiks gemacht? — Ich ernährte meine Kinder, und außer diesen tat ich nichts mehr; dafür wurde mir nun Skandal gemacht, deshalb hat man mich wie einen Taschendieb, wie /den letzten Spitzbuben in den Käfig gesperrt! . .. Endlich tags darauf begann ich mich zu fassen, wurde, wie man sagt, wieder ein Mensch: besichtigte meine Kammer, wusch mich ein wenig, verrichtete ein kurzes Gehetz bat den Aufseher um ein Stück Zucker, trank Tee.. . Die erste Zeit war ich wie. in einem Walde : , hauptsächlich-deshalb, weil ich die Gefängnisordnung nicht verstehe. Aufrichtig gestanden, ich habe davon keinen blassen Begriff! Zum Beispiel dieses Klopsen im Gefängnis. Man klopft rechts und links, und von oben klopft man ebenfalls, und der Teufel weiß es, um ' .wM/es>M"chandle,7wasM ' eigentlich sei/. .und' wH^NWeM^ von mir haben wollen?' Später erklärte mirder GefängnisH-/ aufseher: es sei im Gefängnis ein Hungerstreik/veranstaltM^ worden. ' Klopfte man zu Ihnen, vielleicht wollen Sie eben-- falls hungern, das heißt daran teilnehmen? . Ich wünsche zu hungern! Ich habe dies nötig!.Ich/, gottlob, hungere auch sonst; ich esse nicht treffe, und esse ' bloß/ Brot, trinke Tee, und diese Leute klopfen mir, daß ich nochU mehr hungern soll! Zwei Tage später fragen mich die politischen Verbrecher,/' warum ich esse? Wie gefällt Ihnen dies? Ich erinnere mich/- während des Spazierengehens flüsterte mir ein Knabe zu (ebem - salls arretiert): „Kamerad," sagt er, „warum wünschen Sie .7 nicht zu hungern?" - v/ Nun, natürlich lache ich darüber: „Erstens," sage ich, „was heißt Kamerad? Ich bin gottlob 56 Jahre- ' alt, und Sie, ich weiß nicht, ob Sie 16 Jahre v haben. Nun, dies ist keine große Sache: - meinetwegen . ein Kamerad, darum handelt es sich nicht. Aber erlauben Sie die Frage, zu welchem Behufe macht man mir Unruhe, und man klopft an die Wand, daß ich hungern soll! Was geht ' mich das Gefängnis und Eure Ordnungen an? Sie wissen . wahrscheinlich, warum Sie sitzen, und wofür'Sie hungern, so. ist dies für Sie eine^andere Sache. Eure Musik, Eure Tänze, und folglich auch Eure Hochzeit. — Nun, und ich?" — „Und Sie," , fragt er, „warum sitzen Sie denn eigentlich —für Propaganda?" „Hören Sie mal, junger Mann öder Kamerad, sehen Sie - / mich an, und sagen Sie selbst, warum sitze ich da? Ich habe schon gottlob graue „Peirß" (Schmachtlocken), ich habe einen verheiraten Sohn. Werd' ich so mit der Propaganda Skandal machen?" Und ich erzählte wirklich dem jungen Mann alles, - was geschah: das heißt, wofür ich leide . . ." Hier unterbrach Repetur auf einige Momente seine Erzählung und blickte mich - mit lachenden Augen an, in welchen, wie früher, fröhliche Teufelchen herumtanzten. „Und was meinen Sie, geschah nach diesem Gespräche? Es entstand ein Gelächter. Sobald ich mich auf dem Spaziergang sehen ließ, so begann ein lautes Lachen: alle lachen, alle spaßen, alle begrüßen mich wie einen alten Bekannten. — „Ah! alter Rebell, meinen Respekt!" — „Wie geht die Propaganda, Herr Repetur?" Mit kurzen Worten, in einer Woche schon kannte mich das-ganze Gefängnis, und in der nächsten Woche da lachten schon die Gefängnisaufseher. Alle lachten, da alle begriffen, daß ich hier ein Ueberflüssiger bin." ' , * : (Schluß folgt.) Literarische Mitteilungen. — D ie drei Wnnsche. Ein Chanuka-Festspiel vonDr.A.Ackermann. Berlin, H. Jtzkowski. Wieder naht das frohe Lichterfest, und zahlreiche Vereine rüsten sich, ihre Chanuka-Aufführungen durch Wiedergabe sinnreicher Theaterstücke zu schmücken. Sehr zur rechten : Zeit ist also das vorliegende Festspiel erschienen, das einen originellen Gedanken in anziehender Form behandelt und namentlich einer Reihe von Kindern Gelegenheit gibt, sich durch Deklamation schöner/: gedankenreicher Verse zu produzieren. Zur Erzeugung dev rechten " Chanuka-Stimmung ist das leicht aufführbare Stück, das -bereits in . vielen Vereinen seine Feuerprobe bestanden, vorzüglich geeignet.- Die r Jugendkommission der Großloge für Deutschland hat „Die /drei// Wünsche" Ackermanns subventioniert und empfohlen; das -beste: / Zeugnis, für ihre Brauchbarkeit. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.; ' .

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