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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-11 · Heft 50 (11.12.1908) · p. Seite 599

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 599 (sequence 13)
Language
German
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ist keine jüdische Sache," sagte er mit tiefer Ueberzeugung, „wozu L" haben es die Juden nötig, sich bei einer fremden Hochzeit zu beteiligen? Eine Konstitution wird vielleicht sein, ' vielleicht! auch nicht — weiß ich? Daß aber ein Pogrom sein wird, dies weiß ich bestimmt." Repetur war tief überzeugt, daß die ' Juden, in Rußland nie weder die.Freiheit noch Menschenrechte . erlangen werden, und deshalb lachte er über diejenigen seiner Glaubensgenossen, die arbeiteten und für die russische Freiheit ' zugrunde gingen. — „Ich spreche schon nicht von den jüdischen jungen Leuten: die sind freilich alle Sozialdemokraten. Aber betrachten Sie einmal die jüdischen jungen Mädchen, sogar aus reichem Hause, da werden Sie auch dasselbe finden. — Was? Es wäre unwahr? Aber gottlob, ich kenne auch ein - wenig die Leute, und weiß, was einst war, und was jetzt ist. Früher, wenn junge jüdische Mädchen zusammenkamen, um was handelte es sich bei ihrer Konversation? Ganz natürlich um die Bräutigame: Jakob Lwowitsch ist ein schöner ' Mann, aber ,arm; Raum Markowitsch hat keinen äußeren Schein, aber besitzt eine Apotheke, und das Gespräch über dieses Thema nimmt kein Ende. Und jetzt! Jetzt dreht sich die Unterhaltung um ganz was anderes: „Guten Tag, Sonitschka! Wie, Du bist noch immer volkstümlich? Bis nun bist Du dabei geblieben?"—„Ja, warum denn nicht?" „Und Du?" „Mehr als ein halbes Jahr bin ich eine Sozialdemokratin, und Jakob Lwowitsch ebenfalls." . Als Repetur sich über die jüdische Jugend lustig machte, da atmete sein altes, spöttisches und kluges Gesichi eine unverhohlene Ironie; in seinem grauen Schnurrbarte schlängelte sich ein seines Lächeln, und in seinen grauen, müden Augen hüpften wie fröhliche Teufelchen erregende, . hinterlistige Flämmchen. „Und bemerken Sie: Dies alles ist ihre „Freiheit"; diese ganze Musik wird stets nach der Ordnung.ausgeführt: Anfangs ist Jakob Lwowitsch ungemein beschäftigt, und Sonitschka besaßt sich mit Bücherlesen. Dann geht derselbe in eine Versammlung und nimmt Sonitschka mit. Hierauf geht ein Spion Jakob Lwowitsch nach, und ein anderer folgt Sonitschka. Nun, und zuletzt führt man ihn in ein Gefängnis, und sie in ein anderes. Hier haben Sie die ganze Musik. Aber erlauben Sie mir die Frage, wem ist dabei leichter, daß wir täglich eine ähnliche „Musik" hören? Sind denn nicht schon genug jüdische Jünglinge zugrunde gegangen, sind nicht genug jüdische Mädchen umgebracht worden? Ach! Gott bestrafe mich, man könnte mit den jüdischen Körpern . Flüsse füllen, man könnte damit das Meer verschütten, und wer hat davon Nutzen? Sähen wir wenigstens einen hellen Tag, durchlebten wir wenigstens eine Stunde als Menschen?" II. Es geschah, daß ich sechs Monate Repetur nicht gesehen hatte — den ganzen Frühling und den ganzen Sommer. Aber als ich im Herbst wieder in seine kleine Werkstatt kam, fand ich dort eine unerwartete Veränderung. Dem Aeußeren nach war er wie früher: ein magerer, schwacher, bärtiger Jude, stets ohne den kurzen Rock, immer mit einem Hosenträger über der Schulter und mit einer Brille auf der glatzigen Stirn. Nur im Barte kamen graue Haare hinzu, und in den Augen war noch mehr Müdigkeit als früher vorhanden. Uebrigens begegnete er mir mit einer solchen Lebhaftigkeit, daß ich anfangs sogar stutzte. — „Sie wissen nichts?" — „Nein. Und was denn?" „Und hörten ebenfalls nichts?" — ,Kein, ich hörte nichts." — „Es , ist ziemlich sonderbar. — Entschieden nichts gehört?" — „Entschieden nichts." — „Aber ich habe doch gelitten!" — Repetur blickte mich so an, als ob ich in diesem Momente aus dem Grabe-gestiegen wäre, wo ich zehn Jahre verbracht, nicht wissend, was in der Welt vorgehe, — „Das heißt, aus welche Art und Weise haben Sie gelitten?" — „Ganz einfach — wie im allgemeinen die Menschen jetzt leiden: ich war auch' im- Gefängnis, und beim Stadthauptmann, und der Teufel weiß, wo ich nicht war!" —Als Russe bin ich schon längst gewöhnt, mich nicht mehr zu wundern. Aber daß der demütige Repetur mit seinen Anschauungen und seiner Stimmung ins Gefängnis geraten würde — dies war für mich ganz unerwartet. Jedoch nach Verlauf von fünf Minuten, als wir an Nepeturs Arbeitstische saßen, wurde die Sache aufgeklärt. — „Vor anderthalb Monaten kommt zu mir in die Werkstätte' irgendein nichtsnutziger Kerl — weiß ich, wer er war? — für mich ist er ein Klient und nichts mehr. Er brachte fünfzig Büchelchen und sagt: „Besorgen Sie den Einband." — „Gut." .— „Dreißig Kopeken für den Einband?" — „Gut!" „In zwei Wochen wird die Arbeit fertig werden." „Gut!" „Hier haben Sie unsere ganze Unterredung. Und ist es mir möglich, zu wissen, wer mir die Bücher brachte, und welcher Art dieselben sind? Nach Ihrem Dafürhalten ist es ein Politischer, und nach mir ist es ein Klient. Nach Ihrer Meinung ist das „eine sozialistische Literatur", und nach der meinigen sind es 50 Einbände ä 30 Kopeken pro Stück. Ich besorge doch bloß den Einband — ich mache ja keine Bücher. Und dann, woher kann ich wissen, was heißt ein „verbotenes". Buch? Heute ist dasselbe verboten, und morgen ist es nicht mehr verboten — gehe und untersuche! Ich diene doch nicht der Polizei, daß ich die sozialistischen Bücher untersuchen könnte" ... Repetur sagt dies alles mit einer solchen Heftigkeit, welche ich von ihm nicht erwartete. Indessen, nach einigen an ihn gerichteten Fragen, fing er an sich zu fassen, und er begann regelrecht die Erzählung. „Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Am selben Tage, als der Nichtsnutz mir die Bücher brachte, kam in der Nacht zu mir in die Werkstätte eine ganze Armee. Gott strafe mich — eine ganze Armee! Ich hätte nie gedacht, daß man für einen einzigen Juden so viel Polizei nötig habe: es kam der Pristaw (Stadtaufseher), es kam der Gehilfe desselben, es kamen zwei Polizeirevierausseher, es kamen vier Schutzleute in Uniform, vier in Zivilkleidung, es kamen Spione, es kamen die Dworniki (Hausknechte), es kamen die von der Polizei herbeigerufenen Zeugen. Mit einem Worte, eine volle Wohnung von Polizisten: in der Werkstätte Polizei, in der Küche Polizei, und da dieselbe keinen Platz mehr fand, so stand aus der Straße wiederum Polizei. Und das alles nur dafür, um Abraham Repetur und seine „sozialistischen" Bücher zu sangen! — „Bei Dir, sagt man, befindet sich ein Lager sozialistischer Literatur!" „Entschuldigen Sie, sage ich, bei mir ist nur eine Buchbinderei." — „Du bist ein Sozialdemokrat!"—„Nein," erwidere ich hierauf, „ich bin bloß Buchbinder." — „Dies werden wir schon sehen!" — „Und hier begann auch sofort die Durchsuchung. Und welche Durchsuchung. Ich konnte mir nicht einmal denken, daß man derart durchsuchen kann. Man klopft an die Wände, an die Böden wird geklopft, man sieht in die Oefen, man riecht in der Küche. Es stand bei mir im Zimmer ein kleines Kanapee, so hat man dasselbe umgestoßen — man betastet cs, man riecht, man probiert. Das Bett — von diesem gingen bloß die Daunen in die Luft; man wendete den Bettpfuhl um, die Kissen wurden abgezogen, die Decke wurdet hinuntergeschmissen . . . Mit einem Worte, sogar in die Kinderwiege griffen sie mit den Händen hinein, sogar in die Kiste mit der schmutzigen Wäsche fuhr man mit der Nase hinein. Aber' freilich, in meiner Wohnung fand man nichts — was kann

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