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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-11 · Heft 50 (11.12.1908) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 598 (sequence 12)
Language
German
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MW Verstorbene gewesen, erschienen. Ein einfacher Leichenwagen nahm den ebenso schmucklosen/ aber'mit Blumenkränzen und Sträußen bedeckten Sarg auf. Dem Leichenwagenfolgten dann 40 gemietete Trauerkutschen, und diesen schlossen sich ungefähr 60 Privatequipagen, darunter die der Herzoge von Sommersett, Wellington, St. Albans und Manchester sowie des Lords vomBeaconsfield und des Grafen von Schuwalow, ferner des Niederländischen Gesandten und anderer Mitglieder des diplomatischen Korps und der hohen Aristokratie an. Auf der langen. Route von Piccadillh nach dem im äußersten Westen Londons gelegenen Willensten bewegte sich der Trauerzug durch 'ein Spalier von Zuschauern, die sich eingesunden hatten, um dem geliebten Toten ihre Achtung zu bezeigen. Auf dem Friedhof wurde die Leiche von dem jüdischen Rabbinat und den Kindern der verschiedenen hauptstädtischen jüdischen Schulen empfangen. Die ergreifende Leichenrede hielt der Rabbiner Benjamin Asher, und wurde bei der Bestattung vollständig das jüdische Zeremoniell beobachtet. Bor dem Tode ist jeder gleich, so lehrt das Gesetz Israels, und so sank denn auch der vielfache Millionär, vielleicht der reichste Mann der Welt jener Zeit, in die Gruft, als wäre er der Aermste der Armen gewesen. Baron Lionel Nathan von Rothschild war ein Philanthrop in großem Stil. Er opferte Millionen für humanitäre Zwecke und war eifrig bemüht, das Los seiner unterdrückten Glaubensgenossen im Orient, in Rumänien und anderen Staaten, so weit es nur in seinen Kräften stand, zu mildern. Alle menschenfreundlichen Bestrebungen, die sein Freund Sir Moses Montefiore nach dieser Beziehung unternahm, fanden nicht allein seine Sympathien, sondern er war auch allezeit bereit, jegliche Summe, die zu diesen Zwecken von ihm verlangt wurde, zur Verfügung zu stellen. Mit Lord John Rüssel, Palmerstone, Lord Beaconsfield und anderen leitenden Staatsmännern Großbritanniens stand er in regem persönlichen und brieflichen Verkehr, um das Interesse derselben für die in dem einen oder anderen' Land verfolgten oder bedrängten Israeliten zu erwecken. Und die von den jeweiligen englischen Kabinetten veröffentlichten diplomatischen sogenannten „Blau- Bücher" verkündeten in beredter Sprache, daß der Chef des Londoner Hauses Rothschild Jahrzehnte hindurch mit bewunderungswürdiger Ausdauer und beharrlicher Tatkraft bemüht war, voll und ganz für die Armen und Unglücklichen einzutreten, die ihres Glaubens oder ihrer Nationalität wegen gehetzt und einer rücksichtslosen und grausamen Behandlung teilhaftig wurden. Er, der höflichste und ruhigste Mann der Welt, der jede Ansicht, auch wenn sie der seinigen widersprach, mit Geduld und Achtung anhörte, verstand keinen Spaß, wenn es sich um die Bekämpfung des Antisemitismus handelte. Er konnte dann eine gar scharfe Tonart anschlagen. Dem Minister Gladstone, der aus parteipolitischen Gründen einmal eine geringschätzige Bemerkung über die Juden machte, warf er im Parlament eine barbarische Gesinnung vor, indem er meinte, daß Gladstone trotz der durch ihn bewerkstelligten Uebersetzung der Jliade Homers der alte geblieben sei, und Homer wenig dazu beigetragen habe, die Humanität des querköpfigen britischen Staatsmannes zu läutern. Er las mit Vorliebe die Romane Walter Seotts, nicht allein wegen des dichterischen und geschichtlichen Wertes derselben. sondern auch wegen der wahrhaft humanitären Gesinnung, die sich in manchen dieser dichterischen Schöpfungen bekundet. So zitierte er einmal im Unterhaus aus dem 39. Kapitel von Walter Scotts „Jvanhoe" unter großem Beifall der Liberalen und namentlich Disraelis, der wie schon erwähnt, nicht wenig stolz aus, seine israelitische Abstammung war, die nachfolgende Stelle: „Niemand versteht es besser als gerade mein Volk, sich der Zeit zu fügen und günstigen Wind L abzuwarten, um die Barke sicher zu steuern .. . . O Jammer über die Stunde, welche das Haus Israel solche Kunst gelehrt hat! Aber das Unglück beugt das Herz, wie Feuer das starre- Eisen beugt, und diejenigen, welche weder Land noch Fürsten mehr besitzen,' müssen vor Fremden-kriechen. Das ist -unser Fluch - --; ihr aber, die ihr eure Freiheit als Geburtsrecht beansprucht, um wie viel tiefer ist eure Schmach, wenn ihr euch beugt, um den Vorurteilen anderer zu schmeicheln, und zwar gegen eure Ueberzeugung!" Im Jahre 1858, als er, wie wir wissen, nach Abschaffung der konfessionellen Eides-Bill seinen Sitz im Parlament einnahm, überreichten ihm seine Glaubensgenossen ein prachtvolles Album, worin seine Wahl als erstes jüdisches Parlamentsmitglied gefeiert wurde. Er hielt bei diesem Anlaß eine Ansprache, worin er hervorhob, daß Geduld und Ausdauer schließlich doch immer zum Ziele führen müssen, und daß der Hüter Israels nicht schlafe und nicht schlummere. Er werde allezeit, soweit es in seiner Macht stehe, die staatsbürgerlichen Rechte seiner Glaubensgenossen Legen alle Versuche der Beeinträchtigung zu schützen wissen. Am glänzendsten trat die soziale Stellung Rothschilds bei den nach jüdischem Pitus vollzogenen Heiraten seiner beiden Töchter Leonore und Eveline (seine schon genannte Gattin Charlotte, mit der er sich 1836 vermählt hatte, schenkte ihn: neben diesen beiden Töchtern noch einen einzigen Sohn Nathaniel, der nach dem Tode des Vaters Chef des Londoner Hauses Rothschild wurde) zutage. Es fand sich die höchste englische Aristokratie aller Parteischattierungen bei dieser Feier ein. Die Blüte des englischen Adels huldigte dem glücklichen Vater. Leider wurde zu seinem unaussprechlichen Schmerz seine Tochter Eveline, die sich, wie schon erwähnt, mit dem Baron Ferdinand, vom Wiener Hause der Rothschilds, vermählt hatte, schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit im Alter von 27 Jahren ihrem Vater und ihrem Gatten durch den Tod entrissen. Die Wunde, die dieser Verlust dem Herzen Baron Lionels schlug,' wollte nie verharschen, und noch vor 30 Jahren, anläßlich des Berliner Kongresses (1878), als ich mit Lord Beaconsfield bei seiner Anwesenheit in Berlin über die Rothschilds plauderte, erzählte er mir, wie Baron Lionel, der sonst ein so fröhlicher und heiterer Gesellschafter war, sich seitdem zur Melancholie hingeneigt, und daß er in seinem Schlosse ein Zimmer besessenhabe, das ganz und gar dem Andenken seiner so früh verblichenen Eveline geweiht gewesen sei. In dieses Gemach habe sich der Vater zuweilen zurückgezogen, um sich ganz dem Ausbruch des Schmerzes und seiner Trauer zu überlassen. Der löuchbmder. Erzählung von Alexander Jablonowsky. Ans dem Russischen von Leon A. Tr achtend erg. EM- ' ' I. Buchbinder Abraham Repetur war ein großer Lieb- Haber Politischer Unterhaltungen und Dispute. Er hatte nichts gegen eine Konstitution noch gegen eine Revolution — aber er bestand darauf, daß weder an dem einem noch dem anderen die Juden aktiven Anteil nehmen sollen. „Das

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