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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-11 · Heft 50 (11.12.1908) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 597 (sequence 11)
Language
German
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SiilPlü 597 7 WMWDMM reichen, poetischen Talent und dem Wissen der Verfasserin. Die in diesem Buche enthaltenen Gedichte sind teils Originalschöpfungen, teils Umdichtungen beziehungsweise Umarbeitungen aus dem Französischen und Deutschen. Eine glühende Verehrerin des Judentums benutzte sie gleich ihrem Manne , jeden Anlaß, um für ihren Volksstamm mit aller Kraft einzutreten. So veröffentlichte sie z. B. anonym unter dem Titel „Lord Chelsea und die Juden" einen offnen Brief, worin sie in wärmster Weise für ihre Glaubensgenossen plädierte und dieselben gegen Verdächtigungen und Verleumdungen in Schutz nahm. Die sprichwörtliche humanitäre und philantropische Gesinnung der Rothschilds fand man auch bei ihr. Um die Erziehung junger Mädchen erwarb sie sich große Verdienste. Sie gründete eine Londoner Mädchen- Freischule zu Bell Lane, wo sie allwöchentlich an Sabbat- und Festtagen religiöse Vorträge hielt, die auch im Druck erschienen sind und in mehrere fremde Sprachen übersetzt wurden. In allen diesen Reden, so äußert sich M. Kayserling in seinem Buche über die jüdische Frau, welche innige Vertrautheit mit der heiligen Schrift und seltene Glaubenstreue bekunden, stellt sich die edle Frau die Aufgabe, den Kindern jene Liebe zum Judentum einzuflößen, von der sie selbst durchdrungen war, die Jugend mit den Grundwahrheiten der Religion bekanntzumachen und zu einem sittlich religiösen Leben zu erziehen. Ihrer religiösen Richtung nach der Reform angehörend, behandelte sie darin weniger das Zeremonielle als das Moralische, indem sie Themata wählt, wie: „Bewahre Deine Zunge vor Bösem", „Ehre Vater und Mutter", „Schönheit, ist eitel", „Ueber den Einfluß der Musik", ihren jungen Zuhörerinnen über Selbsterkenntnis, Stolz, Gottesdienst, Fleiß, Duldsamkeit, Mäßigkeit, Gesundheit und Krankheit usw. geistvolle Vorträge haltend. Bei diesem Anlaß mag erwähnt werden, daß das Haus Rothschild mehrere namhafte und begabte Schriftstellerinnen aufzuweisen hat. Ich erinnere nur an die im zwanzigsten Jahre dahingeschiedene Clementine von Rothschild, die Tochter Carl Freiherr von Rothschilds in Frankfurt a. M., die unter dem Pseudonym „Esther Jzates" höchst interessante und anregende „Briefe an eine christliche Freundin über die Grundwahrheiten des Judentums" (Leipzig 1885) hinterlassen hat. Alle diese Briefe handeln von dem Glauben, der Versöhnung und der Messias-Lehre des Judentums und sind durchweg von einem tiefen Gemüt und der reinsten Frömmigkeit diktiert. Ihre Mutter, Luise von Rothschild, errichtete ihrem Andenken das „Clementine Mädchen-Hospital" in Frankfurt a. M. zur Pflege und Heilung leidender Mädchen ohne Unterschied der Konfession. * Als Lionel Nathan von Rothschild die Leitung übernahm, war der Name Rothschild bereits ein Gattungsvermögen geworden, und die Macht der Familie erstreckte sich soweit, als es geordnete Staaten und Geschäfte machende Menschen gab. Der alte Nathan hatte, kurz vor seinem Tode, die spanischen Quecksilberbergwerke angekauft, die sich für das Haus als eine wahre Schatzgrube erwiesen. Die europäischen Staaten mußten sich an Lionel Nathan wenden, wenn sie Schulden machen wollten. Und selbst die englischen Anleihen wurden schon gewohnheitsmäßig durch ihn negoziiert/ War nun auch der Grund zu dem unermeßlichen Reichtum, zu dem außerordentlichen Einfluß, und zu der beherrschenden Stellung der Rotschilds bereits beim Ableben des alten Baron Mathan-^vorhanden, so fielen dennoch erst sin die^ Zeit Baron Monels die großen Transaktionen, zu denen mehr, als Geld und mehr als gewöhnliches Spekulationstalent notwendig, ist. Ihm fiel die überaus schwierige Aufgabe zu, ein riesiges Ber-; mögen verständig anzulegen und mit Bedacht zu verwalten und weniger für die Vermehrung desselben zu sorgen, die ja auf natürlichem Wege eintreten muß, als es vor Verlusten zu schützen. Und dieser seiner Aufgabe entledigte er sich mit größtem Geschick und glänzendstem Erfolg. Denn er vereinigte in seiner Person alle jene Eigenschaften, die die Rothschilds auszeichneten: Ruhige, kalte Besonnenheit, Erwägen aller Umstände, kühne Energie, raschen Entschluß, beharrliche Tätigkeit, klaren, ungetrübten Blick und vornehme, angenehme und verbindliche Umgangsformen. Er kaufte große Güter in Buckinghamshire, wurde Industrieller und beteiligte sich an Eisenbahnbauten und Konsortien für die Negoziierung fremder Anleihen. Zur Zeit der Hungersnot in Irland kaufte er rasch die nötigen Unterstützungssummen aus; während des Krim-Krieges verschaffte er der englischen Negierung auf einmal 16 Millionen Pfund Sterling. Für Rußland vermittelte er mehrere Anleihen, und zur Zeit der großen französischen Finanzoperation 1871 nach dem Kriege mit Deutschland half er insbesondere den eingetretenen immensen Erfolg sichern. In den letzten Jahren seines Lebens nahm er die Refundierung der Schulden der Vereinigten Staaten in die Hand. Er war es ferner, der den Ankauf der Snez-Kanäl-Aktien besorgte für eine Provision, die einst anläßlich der Verhandlungen im englischen Parlament mit Aerger erwähnt wurde. Baron Lionel Nathan war ein Kavalier in des Wortes eigentlichster Bedeutung. Dem Sport war er leidenschaftlich zugetan. Aus einer seiner Besitzungen ließ er ein Gestüt unterhalten, das die besten Pferde für den Turf produzierte. Wie schon erwähnt, war der große Geldmanu auch ein Kuustsammler ersten Ranges. Er stattete mehrere seiner Schlösser, und namentlich Gunnersbury so reichlich mit Kunstgegenständen aus, daß dieselben unter solchen, welche wertvolle Privatsammlungen enthielten, einen ersten Platz einnahmen. Alles dies half selbst den Rest des Vorurteils in England gegen die Juden abschwächen. Ihm gelang es auch, seinen Glaubensbrüdern in England eine hochgeachtete und einflußreiche soziale Stellung zu verschaffen, so daß die englischen Israeliten in jeder Beziehung nicht nur vor dem Gesetze, sondern auch gesellschaftlich sowie in der Verwaltung ihren christlichen Nebenmenschen gleichgestellt wurden. Bekanntlich ist der Name des Barons Lionel mit der am 21. Juli 1858 seitens des Parlaments beschlossenen Abschaffung der Gidesbill christlichen Gepräges aufs engste verknüpft. Der Einzug des Vertreters der City ins Unterhaus gestaltete sich zu einer großen Ovation für den als Menschen wie als Patrioten gleich allgemein beliebten Geldfürsten. Lionel Nathan von Rothschild starb, 70 Jahre alt, am 3. Juni 1879 in seiner Stadtwohnung zu London und wurde seinem Wunsche gemäß, und auch dem Ritus des Judentums entsprechend, auf das schlichteste und einfachste begraben. Seine irdische Hülle wurde am 6. Juni im jüdischen Friedhof zu Willensten beigesetzt. Ein solch prunkloses Begräbnis seitens eines Großen dieser Erde hatte London bis dahin noch nicht gesehen. Kurz. nach neun Uhr morgens versammelten sich in dem Wohnhaus des Verblichenen, Piccadilly Nr. 148^ die zur Beisetzung eingeladenen Verwandten und Freunde der Familie. Man bemerkte unter den Erschienenen den Earl os Roseberry, Sir William Harcourt, Gerson v. Bleichröder aus Berlin, Sir- David Salomons, Sir Julius Goldsmith und andere mehr. Auch waren Deputationen der ^ngIo-l6^vis1r -^.sso6jation sowie anderer jüdischer Körperschaften, deren Mitglied der

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