Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-11 · Heft 50 (11.12.1908) · p. Seite 596

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 596 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228849--65155-3277252
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

als gegenwärtig war das in jener Zeit der Fall; als auf diesem Gebiete noch verhältnismäßig wenige Erfahrungen gegesammelt worden waren. Der bekannte Publizist und Diplomat Friedrich von Gentz, der mit Baron Nathan persönlich bekannt war, schrieb eine Biographie über die Rothschilds, worin er das Hauptgeheimnis des Erfolges des Nathan des Weisen in London nicht allein in der mustergültigen Einigkeit des Rothschildschen Hauses, sondern auch darin fand, daß er bei keinem Unternehmen nach übertriebenem Gewinn trachtete und jeder seiner Operationen bestimmte Schranken anwies. Es ist kein Zweifel, daß er mit den ihm zu Gebote stehenden riesigen Mitteln seinen Vorteil bei dieser oder jener einzelnen Operation noch weit höher hätte treiben können. Wenn aber auch die Sicherheit seiner Unternehmungen nicht gelitten hätte, so hätte er doch zuletzt weniger gewonnen als durch die Konzentrierung seiner Kraft auf eine größere Anzahl immer wiederkehrender, unter mannigfaltigen Konjunkturen erneuerter Gefchäste. Mit anderen Worten, die Devise Nathans war: nicht alles auf einen Nagel hängen, sich beizeiten zurückziehen, rasch verkaufen, nötigenfalls auch mit Verlust, denn der erste Verlust ist der beste. Diese Geschästsgrundsätze haben denn auch für das Börsengeschäft eine dauernde Bedeutung erlangt. Hierzu kommt noch ein Moment, das Baron Nathan Rothschild mit wahrhaft bewunderungswürdiger Virtuosität zu handhaben wußte, nämlich die Umhüllung des Geschäftsbetriebes mit dem Mantel des Geheimnisses. Und was die Persönlichkeit dieses kühnen und genialen Börsenkönigs selbst betrifft, so schildert ein Berichterstatter in folgender bezeichnenden und drastischen Weise den Eindruck, den der Geldfürst an der Börse auf sachkundige Leute machte: „In seiner Erscheinung ist eine Starrheit und Gespanntheit, daß man glauben könnte, es stünde jemand hinter ihm, der ihn kniffe, und er fürchte oder schämte sich, es einzugestehen. Die Augen heißen gewöhnlich die Fenster der Seele. Hier aber möchte man sagen, daß die Fenster falsch sind, oder daß keine Seele da ist, die aus ihnen heraussehen könnte. Es kommt weder ein Lichtstrahl aus dem Innern noch der Reflex eines Funkens von außen. Das Ganze macht den Eindruck einer zum Verkauf ausgestellten Haut, und man wundert sich nur. daß sie aufrecht steht, ohne daß irgend etwas dahinter ist. .Allmählich erscheint eine zweite Gestalt. Nun geht er (Rothschild) zwei Schritte seitwärts,-und aus dem eben noch starren, bleiernen Gesichte kommt ein Blick, so inquisitorisch, wie man nie einen gesehen hat, als wenn eine Schere aus der Scheide gezogen würde. Der Besucher, scheinbar zufällig, nicht absichtlich erschienen, bleibt nur wenige Sekunden, in denen Blicke gewechselt werden, deren höchste Bedeutung man empfindet, ohne sie zu wissen. Hierauf werden die Blicke wieder verschleiert; alle werden ähnlich empfangen und verschwinden auf ähnliche Weise. Schließlich verschwindet auch "die Steingestalt selbst, indem sie uns gänzlich im ungewissen läßt über ihre Natur und ihre Bedeutung." Daß die Rothschilds, und speziell der erfolgreichste und begabteste Baron Nathan, Neider ünd Widersacher in Hülle und Fülle hatten, liegt aus der Hand, aber selbst die entschiedensten Gegner des letzteren konnten nicht umhin, seinen makellosen Charakter, die Lauterkeit seiner Gesinnung und seinen mildtätigen, erbarmungsvollen Sinn anzuerkennen. Die persönlichen Eigenschaften des Börsenmatadors werden von allen unparteiischen und gerecht urteilenden Zeitgenossen mit warmen Worten gerühmt. Schon in den Befreiungskriegen erwarb er sich die Sympathien aller verbündeten Regierungen; bereits zu jener Zeit schrieb ein hervorragender englischer Finanzbeamter von ihm: „Ihm gehört die höchste Anerkennung für die Bemühungen, die er dem öffentlichen Dienst gewidmet, un-d der ihm dafür zufließende Lohn ist redlich und ehrlich verdient." Ein Staatsmann wie Wilhelm von Humboldt bezeichnet Nathan von Rothschild als: „Zuverläßlich, willig, sehr rechtlich und verständig." Und ein anderer deutscher Diplomat Rother als: „Sehr schätzenswert." Baron Nathan war nicht nur ein Genie des Geschäfts, sondern auch ein Genie der Wohltätigkeit. . Er übte Gutes und Edles in großem Stil; was er nur irgendwie für die leidende Menschheit tun konnte, geschah aus vollem Herzen und aus aufrichtiger Ueberzeugung. Wenn man bedenkt, daß das ganze internationale Bettlertum, die sogenannten unverschämten Armen, sich an ihn wandten, und daß auch Erpresser ihn mit ihren Briefen bombardierten, muß man sagen, daß ein angeborener Adel der Gesinnung dazu gehörte, trotz der schlimmen Erfahrungen, die er machte, immer und immer Wohltaten zu üben. Treffend ist die Bemerkung Ehrenbergs,, wenn er auf diesen Punkt zu sprechen kommt: „Seine besten Handlungen wurden von der Mißgunst der Menschen unaufhörlich mißdeutet. Noch kein Krösus ist dem Volkshasse entgangen, und gegen die Rothschilds hatte er sich, weil sie Juden waren, mit doppelter Wut gewendet. Unter solchen Umständen ist es nicht leicht, ein Menschenfreund zu sein."- Wie gesagt Baron Nathan war der eigentliche Begründer des immensen Reichtums der Dynastie. Er war auch der Held der bekannten Waterloo-Geschichte. Ein Hauptcoup von ihm war der Ankauf der Wechsel Wellingtons, die dieser während des Krieges Englands und der Verbündeten gegen Napoleon I. auf der spanischen Halbinsel ausgestellt hatte, und deren spätere Einkassierung bei der englischen Regierung ihm jedenfalls einen höchst respektablen Nutzen abwarf. Er war es auch, der die Zahlung der Subsidiengelder Englands an die Kontinentalmächte vermittelte und die Verträge im Namen aller in Europa befindlichen Filialen Rothschilds abschloß. Die Erbschaft dieses Mannes trat nun, wie bemerkt, sein vor einem Jahrhundert am 22. November 1808 geborener Sohn Lionel Nathan von Rothschild in seinem 28. Lebensjahre an, und es muß gesagt werden, daß er es verstanden hat, innerhalb seiner 43 jährigen Negierung — er starb am 3. Juni 1879 — nicht allein das von seinen Vätern Erworbene zu erhalten, sondern zugleich auch zu vermehren, sowie den Reichtum, die Macht und den Einfluß der Dynastie noch zu verstärken. Baron Lionel war ein vielseitig gebildeter Mann; er hatte Universitätsstudien in Göttingen gemacht, besaß ausgezeichnete Sprachkenntniffe, große Vorliebe für Kunst und Wissenschaft und gehörte zu den geschmackvollsten Kunstsammlern Europas. Dieser einzige Sohn des Baron Nathan hatte eben eine mustergültige Erziehung genossen, die von den angeborenen Fähigkeiten Lionels noch wesentlich unterstützt wurde. Liorzel Nathan von Rothschild war verheiratet mit Charlotte, der Schwester des Frankfurter Hauses Carl Freiherrn von Rothschild, einer auch literarisch und dichterisch hochbegabten Frau. Sie schrieb hauptsächlich religiöse Schriften. So z. B. ein Werk „Gebete und Betrachtungen zum täglichen Gebrauch für die israelitische Familie". Für jeden Tag im Jahr ein besonderes Gebet, das immer mit einem Verse aus der Bibel oder aus den Apokryphen eingeleitet wird. Diese köstliche Gabe ist dem Andenken einer tief geliebten, früh vollendeten Tochter Eveline, verheiratet mit Baron Ferdinand von Rothschild in Wien, gewidmet. Im Jahre 1874 ließ sie unter dem Titel „Von Januar bis Dezember" einen stattlichen Band größerer und kleinerer Erzählungen für. die Jugend, zumeist naturgeschichtlichen und allgemein belehrenden Inhalts, erscheinen. Namentlich so' gemütvolle Erzählungen wie „Die Museen" und „Der kostbare Juwel", zeugen von dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.