Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- Seite 595 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ländergebiets. Jetzt erst hatten die Kaperei und das Sklaven- ' Unwesen ein Ende. '. - Mordechai Noah wurde aber unmittelbar nach Erledigung seines Auftrages abberufen und sollte sich - deswegen verantworten, daß er die ihm von seiner Auftraggeberin, der Union, als Auslösegeld bewilligte Summe für jeden Kopf überschritten hätte. Das ging aber nicht anders der hohen Backschisch wegen, ohne welche bekanntlichauch heute nichts '• im Orient zu machen ist. In diese Klemme brachten ihn seine vielen politischen Gegner, die er sich dadurch zugezogen hatte, daß er zum Kriege drängte durch geharnischte Artikel. Sie zogen ihm mehrere Duelle zu, die er siegreich bestand. Gereinigt ging er aus dieser Affäre hervor und nahm für immer feinen Aufenthalt in New L)ork. Er war einer der fruchtbarsten und beliebtesten Schauspieldichter, seinerzeit eine Art Kotzebue, Begründer des amerikanischen Theaters und Herausgeber und Redakteur zahlreicher Zeitungen, bekleidete auch mehrere wichtige Aemter, zweimal als Sheriff von New Jork und smveyer, Oberzolleinnehmer. Letztlich, war fein ganzes Interesse auf die Verbesserung der Lage seiner unglücklichen Glaubensgenossen gerichtet, die er auf seinen mehrfachen Reisen nach Europa genau kennen gelernt hatte. Er war der erste praktische Zionist — aber auf amerikanischem Boden. Kein Land der Welt erschien ihn: so geeignet wie die Vereinigten Staaten zur Verwirklichung seiner Idee, allen verfolgten Brüdern eine Freistätte zu errichten. Er schritt ans Werk, indem er einen Ausruf an sämtliche jüdischen Gemeinden der Welt erließ, ihm in seinem Werke zu unterstützen, der aber ohne Erfolg blieb. Inzwischen hatte er von den Vereinigten Staaten eine große Landfläche auf Long Island im. Staate New Äjvrk für diesen Zweck erworben. Dort erfolgte im Jahre 1826 die feierliche Grundlegung der Stadt „Ararat", benannt nach dem Berge, auf dem sein Namensvetter nach Beendigung der Sintflut mit den Seinen aus der Arche stieg und Zuflucht fand. Das Zeremoniell erfolgte unter sreimaurerischem Gepränge und indem er selbst, in einen roten Mantel gehüllt, dem Zuge voranschritt, als erster Richter des neuen Judenstaates. Dieses etwas phantastische Unternehmen ging in die Brüche, und nur ein Denkstein auf dieser Insel gibt Kunde davon, die Inschrift tragend: Ararat; or City of Refuge. Das ist der Mann, der. in . der heute brennenden Marokkofrage wohl genannt zu werden verdient. Lionei Iathsn von Sothlchild. Von Dr. Adolph Kohut. ' m 18. Juli 1836 starb der Begründer des Londoner Zweiges des Welthauses Rothschild, Baron Nathan von Rothschild. Diese Nachricht erschütterte damals die ganze Finanzwelt, machte auf alle Kabinette Europas den tiefsten Eindruck und bedeutete speziell für seine Glaubensgenossen in aller Herren Ländern einen schweren Schicksalsschlag. Baron Nathan war das größte Finanzgenie dieser Geld-Dynastie. Man konnte mit Fug und . Recht ihn den „König der Gläubiger und den. Gläubiger der Könige" nennen. Ohne ihn, .das heißt ohne seine ungeheuren finanziellen Machtmittel, konnte kein Krieg stattfinden und kein. Friede geschlossen werden, denn er vermittelte die Anleihen der europäischen Mächte, er kommandierte die Börsen, und. er war gleichsam, der Lebensnerv des Handels, des Verkehrs' und des Bankwesens jener Zeit. Der gottlose Spötter Heinrich Heine,' der jedoch zuweilen goldene Wahrheiten im Gewände des Schalksnarren vortrug, hat ihn in seinen „Bädern von Lucca" in belustigender Weise gekennzeichnet, wenn er dem famosen' Hühneraugen-Operateur und Lotteriekollekteur HirschHyacinthos die folgenden Worte in den Mund legt: „Es ist mir immer nur um die Ehre zu tun,, und das habe ich .auch dem Baron gesagt,, als ich die Ehre hatte, ihm die Hühneraugen zu schneiden. Es geschah in seinem Kabinett; er saß dabei auf seinem grünen Sessel wie aus einem Thron, sprach wie ein König, um ihn herum standen seine Courtiers, und er gab seine Orders, und schickte Stafetten an alle Könige; und wie ich ihm währenddessen die Hühneraugen schnitt, dacht' ich im Herzen: Du hast jetzt in Händen den Fuß des Mannes, der selbst jetzt die ganze Welt in Händen hat,, du bist jetzt ebenfalls ein wichtiger Mensch; schneidest du ihn unten ein bißchen zu scharf, so wird er verdrießlich, und schneidet oben die größten Könige noch ärger.-. Es war der glücklichste Moment meines Lebens!" Aus die Hirsch Hyacinthos gewordene Antwort, daß man sich sehr wohl dieses schöne Gefühl vorstellen könne, doch wisse man nicht, welchen von der Rothschildschen Dynastie er amputiert habe, und ob es etwa der hochherzige Brite in Lombard-Street, den Heine einst in London kennen lernte, gewesen sei, der ein Leihhaus für Kaiser und Könige errichtet habe, -bemerkt Hyacinthos, sich stolz in die Brust werfend.: „Versteht sich, Herr Doktor, ich meine den großen Rothschild, den großen Nathan Rothschild, bei dem der Kaiser von Brasilien seine diamantene Krone versetzt hat." . Der Ruf, dessen sich Nathan von Rothschild erfreute, war ein durchaus wohlbegründeter. Sowohl seine Persönlichkeit wie seine Geschäftsgrundsätze verliehen ihm das Gepräge einer ganz außerordentlichen Erscheinung. Das leitende Prinzip des genialen Bankiers war: „Erst wägen, dann wagen." In ihm vereinigte sich eine geradezu ungeheure Energie mit größter Besonnenheit. Trefflich kennzeichnet den Baron Richard Ehrenberg in seiner Schrift „Große Vermögen, ihre Entstehung und ihre Bedeutung"*), mit den Worten: ,>Es wäre durchaus verkehrt, anzunehmen, daß die Rothschilds^ etwa im Vertrauen auf ihre Begabung, es verschmäht hätten, ihre Unternehmungen auf möglichst genaue Ermittlung aller für deren Erfolg in Betracht kommenden Tatsachen "zu begründen. Vielmehr haben sie stets den größten Wert gelegt auf Informationen aus bester Quelle. Um sie zu erlangenunterhielten sie Verbindungen an allen Haupthöfen Europas, einen eignen, vorzüglich organisierten Kurierdienst usw. Hierher gehört auch ihre genaue Kenntnis der Menschen, mit denen sie zu rechnen hatten, ihrer guten wie ihrer schlimmen' Seiten, und nicht an letzter Stelle ihrer Zahlungsfähigkeit. Von Nathan Rothschild rühmte ein Sachkenner gleich nach seinem Tode in der Zeitschrift „The Gentleman’s Magazine“, fcajj er den Wert jeder Wechselunterschrift sofort zu beurteilen wußte." - - Mit schnellem' Blick erfaßte Baron Nathan alle für seine Unternehmungen entscheidende Tatsachen, und . wennsie Erfolg versprachen, handelte er, ohne eine Minute zu verlieren; das ist in dem so unausgesetzt wechselndem Strom unterworfenen Börsengeschäft noch wichtiger als in anderen Geschäftszweigen. Die besonders verwickelte Natur des Börsengeschäfts läßt der Theorie relativ, geringen und der richtigen Erfassung des Moments relativ großen, Spielraum. Und weit noch mehr . . *) Jena 1902. Seite. 150 ff.