Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- Seite 594 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Freunde seien ja auch 'Antisemiten, aber doch mehr in dem . Sinne, daß .sie. von. der Juden frage nicht reden,, sie also.. nicht .in den. Vordergrund, stellen wollten. In Wöllstein sprach er überhaupt nicht, davon. Ich freue mich in. der kampfdurchtobten Provinz über .jedes Symptom des Friedens, so . daß ich alles ängstlich vermeiden möchte, was wenn auch in guter Absicht — Gegensätze aufleben lassen könnte. Deshalb wollte ich in dieser Frage den Angriff einer Interpellation abwarten und habe mich dabei, wie ich aus Ihrem Briefe ersehe, nur insofern getäuscht, als ich bei Ihnen und Ihren Freunden nach meiner Vergangenheit ein größeres Vertrauen glaubte voraussetzen zu können, als Sie mir entgegen gebracht haben. Und noch ein offenes Wort müssen Sie mir gestatten: Dadurch, daß Sie in Ihrem Brief mir Vorhalten, daß die . Juden im Wahlkreise etwa über .600 Stimmen, verfügen,, haben Sie es mir nicht erleichtert, Ihnen meinen Standpunkt darzulegen. Ich habe natürlich die Zahlenverhältnisse genau studiert und weiß selbst, daß die jüdischen Stimmen für den Sieg der deutschen Sache ein dringend erwünschter Zuwachs, aller Voraussicht nach sogar absolut nötig sind. Was ich aber am meisten vermeiden möchte, das ist, auch nur den Anschein zu erwecken, als ginge ich mit Aeußerungen, die meiner Ansicht nicht voll entprechen, auf Stimmenfang. Ich sagte, was ich denke , und überlasse es^ meinen Wählern, ihr Verhalten nach ihren politischen Ansichten und ihrem nationalen Gewissen einzurichten. Nur so bitte ich auch die eingangs abgegebene Erklärung aufzufassen. Ich bitte, von diesem Brief in der Oeffentlichkeit den weitest, gehenden Gebrauch zu machen; ich wünsche nichts zu verbergen, und es wäre mir unlieb, wenn der Brief nur in einer ausschließlich von Ihren Glaubensgenossen gelesenen nicht politischen Zeitung bekanntgegeben und so der Anschein erweckt würde, als fürchtete ich die Oeffentlichkeit.! Meine nächste Anwesenheit in einer Stadt des Wahlkreises wird voraussichtlich am Sonntag, 29. d. Mts. 12 Uhr, in Bentschen sein; sobald der Termin endgültig feststeht, werde ich Ihnen Mitteilung machen. Ich denke dort im Sinne vorstehender Ausführungen öffentlich mich auszusprechen und bin gern bereit, mit Ihnen oder Ihren Freunden vor und in der Versammlung ausführlicher über die Sache zu reden. Hochachtungsvoll ergebenst Graf Westarp. ■ > ■ 1IL ' ' - (Nach dem Gedächtnisse rekonstruiert). Wollstein, den 23. November 1908. Hochgeehrter Herr Graf! Zunächst meinen herzlichsten Dank und denjenigen meiner Glaubensgenossen, denen ich bisher davon Kenntnis gegeben habe, für Ihre freundliche'so schnelle und eingehende Antwort auf meine ergebene Anfrage. Ich muß indes den Verdacht weit von mir weisen, als hätte ich persönlich Sie, hochgeehrter. Herr Graf, für einen Gegner der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der Juden gehalten. Wir wissen es sehr wohl, wie Sie als Landrat des hiesigen Kreises in der Zeit, als die antisemitische Hochflut hier einsetzte, uns geschützt haben und haben das auch dankbar anerkannt. Ich selbst habe meine Glaubensgenossen auch an diese.Zeit pflichtgemäß erinnert, um etwa noch vorhandene Zweifel zum Schweigen zu bringen. . Und das war ja auch der Anlaß zu meinem ergebenen Schreiben an Sie, hochgeehrter Herr Graf. Ihre Antwort genügt uns'vollkommen, so daß wir von einer Veröffentlichung in den politischen Zeitungen — zumal Sie selbst in Aussicht stellen, in Bentschen öffentlich Ihre Stellung zur Judenfrage zu erörtern — ab sehen wollen. Ich glaube versichern zu können, daß Ihnen keine Stimme meiner Glaubensgenossen verloren gehen werde. Auch wir wissen, wohin uns an Zeiten der Gefahr unsere Pflicht ruft, und was in meinen schwachen Kräften-steht, will ich tun — und ich weiß, ich habe alle meine Glaubensgenossen hinter mir — um der deutschen Sache zum Siege zu verhelfen. - Ich bitte nur nochum Ihre Erlaubnis, Ihren Brief in einer?'.- nichtpolitischen Zeitung zu veröffentlichen, die. von meinemGlaübens-W -genossen im ganzen deutschen Reich gelesen wird, als Zeichen weit- .gehender Toleranz auch in konservativen Kreisen. . . Hochachtungsvoll Lehrer Becker. flardechsi Kosh und die Wsrokkokrsge. Eme geschichtliche Reminiszenz. Von S. Wiener/ ^{n einer Zeit, wie der gegenwärtigen, wo die Marokko- : frage viele Gemüter beschäftigt und schier zum Zündfaden eines europäischen Krieges zu werden drohte, wird folgende geschichtliche Reminiszenz allgemein interessieren. - Aus derselben geht hervor, daß ein Jude es war, der zuerst ' diesen Raubstaaten ein Paroli bot und den Anstoß zu einem Wandel der von ihnen ausgehenden Schandwirtschast gab. Die Berberstaaten, bestehend aus Algier, Tunis, Tripolis,- Fez und Marokko, machten sich von jeher durch Seeräuberei und Versklavung der Gefangenen in der ganzen christlichen Welt berüchtigt und gefürchtet. Keine europäische Macht wagte sie anzugreifen und jede bequemte sich lieber dazu,-ihnen einen bestimmten. Tribut zu entrichten, um ihre Schiffe vor ähnlichen Angriffen zu schützen, das stolze Albion nicht ausgenommen, das jährlich dem Dey von Algier ein Geschenk von 600 Pfund machte. Den Vereinigten Staaten von Nordamerika ging dies aber über den Strich, und sie glaubten, eine Mission der Humanität zu erfüllen, indem sie im Jahre 1813 eine Flotte unter der Führung des tapferen Kommodore John Decatür- Pbiladelphia ausrüstete, den Juden Mordechai Noah als Konsul für Tunis an Bord mit sich , führend. Derselbe sollte die amerikanischen Interessen in jenen Gegenden wahrnehmeu und amerikanische Gefangene auslösen. Seine Mission war eine äußerst heikle. Zu seinem offenen Kriege durfte er es beileibe nicht kommen lassen, denn die Union war damals noch nicht so mächtig und! durch einen y neuen Krieg mit England geschwächt. Dieses hätte nur zu . gern gesehen, wenn sein Feind sich in einen aussichtslosen ■' Krieg verwickelt hätte, um über ihn herzusallen und ihm die entrissenen Kolonien wieder abzunehmen. ' Die algerische Flotte hatte eben ein amerikanisches Schiff / aus Salam (Massachusetts) gekapert uüd seine Besatzung von 20 Mann in die algerische Sklaverei geschleppt. Was. war da zu tun? Einen Vorschlag namens der Vereinigten Staaten, die Gefangenen gegen ein Lösegeld loszumachen, durfte er gar nicht wagen, weil solches als eine Kriegsbedrohung angesehen worden wäre. Er stellte die Sache so hin, als handele er privatim im Aufträge der Verwandten und Angehörigen der Gefangenen. Auf diese Weise gelang es ihm, diese loszukaufen und in die Heimat zurückzusenden. Da dies. Schandwesen aber fortdaüerte, griff er zwei Jahre darauf (1815) die algerische Flotte bei Cartagena an, schlug sie und zwang sie - zur Respektierung der Unidasflagge. Daswar die erste Betätigung der Union nach-außen. Frankreich folgte diesem Beispiele erst 15 Jahre später, nachdem der Bey von Algier den Affront beging, dem fränzösischen Gesandten einen Schlag mit dem Fliegenwedel ins Gesicht zu versetzen. Dieser Schlag kam ihm teuer zu stehen, ’ denn er führte zur sukzessiven Wegnahme des ganzen algerischen