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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-11 · Heft 50 (11.12.1908) · p. Seite 593

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
Seite 593 (sequence 7)
Language
German
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miteinander ab machen? Müssen wir denn jedesmal über das Ziel hinausschießen? Die einen ziehen hieraus vielleicht die Lehre, daß sie sich von jetzt an mehr um jüdische Angelegenheiten zu kümmern haben. Den anderen aber, die in dem diesmaligen Kampfe zu weit gegangen sind, kann man wirklich nur zürufen: Mehr Würde, meine Herren, mehr Würde! „Dir Iudenkrsge" und dir Lonirrvstiorn. Von Hermann Becker. «in objektiver Chronist zu sein, namentlich ein Chrunist der Gegenwart, ist bekanntlich außerordentlich schwer. Noch schwieriger ist aber die Beurteilung der religiösen und nationalen Kämpfe, wenn der Chronist mit seinem Herzblute auf der einen oder der anderen Seite der kämpfenden Parteien seinen Platz hat. In so schwierigen Fällen bleibt dem wahrheitsgetreuen Chronisten nichts anderes übrig, als Urkunden beider Parteien ohne kritische Bemerkungen, Auslassungen und Zusätze seinen Lesern zu übermitteln und ihnen selbst die Beurteilung zu überlassen. Wenn auch durch solche Veröffentlichungen nicht gleich ein ewiger Friede geschlossen wird, so ist doch sicher die Achtung vor dem Gegner erweckt worden, und dem ehrlichen Kampfe wird jede Schärfe, jede persönliche Kränkung genommen. So will ich denndurch die Veröffentlichung der drei nachfolgenden Briese aus der allerjüngsten Gegenwart mein bescheidenes Teil zu dieser Art „praktischer Apologetik" beitragen. Ich bemerke nur kurz, daß der Adressat meiner Briefe, Graf von Westarp, ehemals Landrat des hiesigen Kreises, später Polizeipräsident von Schöneberg bei Berlin, gegenwärtig Oberverwaltungsgerichtsrat in Berlin, der Reichstagskandidat unseres Reichstagswahlkreises Bomst-Weseritz ist und daß am 12. Dezember d. I. die Reichstagswahl daselbst stattfindet; alles andere ergibt sich aus dem Briefwecb - I. Wollstein, den 19/11. 1908. ochgeehrter Herr Graf! Als Lehrer der öffentlichen jüdischen- Volksschule hierselbst, an der ich mehr als 19 Jahre wirke und eine genaue Kenntnis der Verhältnisse im hiesigen Wahlkreise erworben habe, besonders der Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung, gestatte ich mir ganz ergebenst, wenn auch nicht im direkten Austrage, so doch im Sinne meiner Glaubensgenossen eine Anfrage an Sie, hochverehrter Herr Graf, zu richten. Ich habe als Wähler Ihre, am 16. d. M. im hiesigen deutschen Wahlverein, dessen Mitglied ich auch bin, gehaltene Kandidatenrede gehört, mit mir eine große Anzahl meiner Glaubensgenossen. Es hat aber selbst in der nichtjüdischen Zuhörerschaft allgenieine Verwunderung erregt, daß Sie, hochverehrter Herr Gras, wohl von evangelischen, katholischen und polnischen Wählern gesprochen und Ihre Stellung zu ihnen erörtert, der jüdischen Wähler indes nicht mit einem einzigen Worte gedacht haben. Es war dies um so auffälliger, als nuferer früherer Reichstagsabgeordneter, Herr von Gersdorff, bei seinen Wahlreden und den parlamentarischen Tätigkeitsberichten, ebenso wie auf meine, im Namen meiner Glaubensgenossen an ihn gerichtete diesbezügliche Bitte stets seine Stellung zu der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der.Juden erörtert hat. Sie, hochverehrter Herr Graf, wissen es wohl aus' Ihrer früheren Stellung als Landrat des hiesigen Kreises, daß die jüdische Bevölkerung stets deutsch gewählt und deutsche Gesinnung gezeigt hat. Sie wissen ferner, hochverehrter Herr Graf, daß unser Glaubensgenosse, Freiherr von Goldschmidt- Nothschild^auf Wroniawy, das hiesige neue Kreis-Krankenhaus auf seine Kosten errichtet hat, und daß die jüdische Bevölkerung auch sonst an der kommunalen Verwaltung mit pflichtmäßigem Eifer tejlnimmt. Die jüdischen Wähler des Wahlkreises bringen zirka 600 Stimmen auf. Die Zahl ist freilich relativ nicht bedeutend, aber bei dem bevorstehenden heftigen Wahlkampfe doch bedeutsam. Im -übrigen haben wir es dankbar anerkannt, daß die Provinzialbehörden die deutsche Gesinnung der jüdischen Bevölkerung nicht in Zweifel ziehen und gerade in letzter Zeit durch die Teilnahme des Herrn Oberprüsidenten und des Herrn Regierungspräsidenten an der Einweihung der neuen Synagoge in Hohensalza, sowie durch die Dekorierung des dortigen Rabbiners, zu unserer großen Freude das Vertrauen zu unserer deutschen Gesinnung zum Ausdruck gebracht haben. Auch der Ostmarkenverein, dem gleichfalls.— wie den deutschen Wahlvereinen der Provinz — so viele meiner Glaubensgenossen angehören, hat durch die Aufnahme jüdischer Firmen in sein Adreßbuch deutscher Geschäfte unsere deutsche Gesinnung anerkannt. Ich gestatte mir demnach die ganz ergebene Bitte, in wenigen Zeilen freundlichst Ihre Stellung zur Gleichberechtigung der Juden mir gütigst mitteilen zu wollen und mir zu erlauben, Ihre Mitteilung durch eine, von meinen Glaubensgenossen gelesene nicht politische Zeitung zu veröffentlichen. Hochachtungsvoll 11. Lehrer H. Becker. Schöneberg, 20. November 1908. Sehr geehrter Herr Becker! Ihr geschätzter Brief vom 19. d. M. ist mir eine Ueberraschung gewesen. Ausdrücklich bat ich um Fragen und Erörterungen, und jede kurze Anfrage, die Sie mir gestellt hätten, wäre beantwortet worden. Auch trifft Ihre Annahme nicht zu, ich hätte nur von evangelischen, katholischen und polnischen Wählern gesprochen; ich habe, wie ich ganz bestimmt weiß, gesagt: 9800 „nicht katholische", 8400 polnische und 3300 deutsche katholische Wähler. Der Bericht im Kreisblatte zeigt, daß da auch anderwärts so verstanden ist. Wenn ich aus die sogenannte Jndenfrage eingegangen wäre, so würde ich etwa folgendes haben sagen können: Der religiöse Unterschied, der mich als Evangelischen von dem Judentum trennt, kann für mich — ebenso wie derjenige zur katholischen Konfession — niemals ein Anlaß sein, die jüdische Bevölkerung zu bekämpfen oder zu ihr in Gegensatz zu treten. Die verfassungsmäßige Gleichberechtigung der Juden erkenne ich vollkommen an und beabsichtige'nicht, zu einer gesetzlichen oder sonstigen Einschränkung derselben meine Hand zu bieten. Im übrigen weiß ich und erkenne ich gern an, daß die Juden des Wahlkreises trotz mancher geschäftlicher Schwierigkeiten, die ihnen das einträgt, in verdienstvoller Weise sich zur deutschen Sache gehalten haben und an der Selbstverwaltungspflicht getreu teilnehmen. Uebrigens habe ich die Anerkennung der deutschen Haltung der Juden bei der Wahl ja auch dadurch zum Ausdruck gebracht, daß ich bei den Berechnungen der Wahlstimmen den katholischen Wählern, die nicht katholischen — und nicht wie Sie meinen — die evangelischen gegenüber gestellt habe. Der Grund, weshalb ich diese Ausführungen nicht gemacht habe, wollen Sie gefälligst ans demjenigen Teil meiner Rede ersehen, in dem ich über mein Verhältnis zur katholischen Konfession sprach. Ich sagte da, die von mir ausgesprochenen Grundsätze religiöser Toleranz seien mir so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ich es eigentlich für überflüssig gehalten hätte, so ausführlich darüber zu reden. Letzteres täte ich nur, weil ich bestimmt annehmen müßte, daß ich von polnischer Seite in agitatorischer Absicht als Gegner der katholischen Kirche hingestellt werden würde. — Ich habe nun, das muß ich Ihnen offen sagen, nicht* geglaubt, daß nach meiner Tätigkeit als Landrat und nach meiner Stellungnahme in den Wahlkämpfen der neunziger Jahre, die wir ja zusammen dnrchgemacht haben, Zweifel über meine Haltung zum Judentum vorhanden sein würden. Deshälb glaube ich es vermeiden zu können, diese Frage aufzurolleu. Ich wollte möglichst nicht Gegensätze zum Leben erwecken, von deren Bestehen der dortige Wahlkreis in früheren Jahren genügende Proben geliefert hat, und die mir dieses Mal zu meiner Freude unter der Decke zu schlummern, vielleicht ganz im Entschwinden begriffen zu sein schienen.' Herr Andresh hatte in Unruhstadt gesagt: er und seine I Der Führer der hierselbst selig entschlafenen Deutschen Reformpattei.

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