Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- Seite 588 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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der letzte. Stein dieser Stadt in, Trümmer zerfallen war. Die Männer der Jetztzeit beschäftigten sich -jetzt ganz einfach mit' ,der Welt der Zukunft, wie sie es früher mit der der Vergangenheit getan. So konnte es geschehen, daß logisch vollkommene. Systeme des Zionismus entstanden, ohne daß man: ein Zion hatte, Systeme des jüdischen Sozialismus ohne eine! jüdische soziale Ordnung, Arbeiterparteien ohne Stimmrecht/ im Parlamente. Man chatte sich den Forderungen des aktuellen politischen Lebens. entwöhnt, man lebte immer in einer. Traumwelt. Wüxde Israel niemals zur Wirklichkeit zurückkehren, nie soliden Grund unter seinen Füßen fühlen, nie dem Leben fest in das Auge sehen? Der letzte Sonnenstrahl verlöschte an dem kalten Winter- Himmel, als David, plötzlich selbst ein unendlich müdes Gefühl überkam. Die Wirklichkeit ekelte ihn an. Er . empfand eine tiefe Sehnsucht nach etwas unwirklichem, nach eben jener „toten Vergangenheit" in der der fromme orthodoxe Jude noch heute seine glücklichsten Stunden verlebte. O, dieser Parteien und ihres endlosen Geschwätzes über. Politik und Philosophie, des ganzen Tohuwabohu dieses ermüdenden Tages vergessen zu können! . Er mußte seine Seele wenigstens eine Stunde lang in Frieden baden. Er wollte wie ein Kind indas bekannte Studierhaus seiner - Jugend gehen, in das Beth Hamidrasch, wo die Graübärte über den großen wurmzernagten Folianten hockten und die Jünglinge sich bei -dem Absingen frommer Hymnen hin und her wiegten. Dort allein lag die magische Welt der Phantasie und der Legende, die das eigentliche Heim seines Volkes gewesen, durch dessen Kraft Israel achtzehn Jahrhunderte des. Leids und der Verfolgung ertragen und dabei doch gesund und. fröhlich geblieben war, eine abgesonderte Welt, die durch kein Eindrängen der Wirklichkeit getrübt wurde. Dort allein lag Zion und floß der Jordan, dort stand der .Tempel, dort' verkehrte man mit den Engeln, dort schützten die Patriarchen noch immer ihr Volk. Vielleicht gab es in der Schule von Milovka sogar noch Kabbalisten, die hungerten und sich kasteiten, um himmlische Visionen zu erleben und durch einen Kuß Gottes beglückt zu werden. Wie köstlich mußte die Ruhe dort sein, wie doppelt wohltuend nach der Unruhe und dem Lärmen des Marktplatzes von Milo.vka! Nein, an heutigem Tage wenigstens wollte er nicht mehr an die Selbstverteidigung und an diese schrecklichen Modernen denken. - / . Er erkundigte sich nach dem Weg zum Beth Hamidrasch. Wie brüderlich die Weisen und die Jünglinge ihn begrüßen würden! Man würde ihn mit der seit undenklichen Zeiten immer gleichen Redensart begrüßen: „Aus welcher Stadt kommst Du?" Dann, wenn er geantwortet, würde man sich nach dem^Rabbi dort erkundigen, und was für Neuigkeiten er von dort mitbrachte. Unter Neuigkeiten meinte man, wie sich David mit schmerzlichem Lächeln erinnerte, immer nur eine neue Auslegung des heiligen Textes. Ja, das allein waren die Neuigkeiten, die diese friedliche Welt bewegten. Man lebte nur für das heilige Gesetz; die ganze Welt schien nur erschaffen zu sein, um das Gesetz zu studieren. Eine neue Auslegung der heiligen Schriften und Rollen war das einzige, was einen seinen Geist interessieren konnte. Die Zeit und er selbst hatten ihn dieser stillen Welt entfremdet; hatte er doch selbst sie oft genug in seinen Gedanken beschuldigt, schuld an der Untüchtigkeit seines Volkes zu sein. Heute abend aber sehnte er sich mit jeder Fiber seines Herzens von der rauhen Wirklichkeit iw dies friedliche Asyl zu. flüchten. Er suchte in seinem Gedächtnisse nach-Neuigkeiten — nach tHeologisch^ interessanten Textauslegungen, die vielleicht den gelehrten Herren in Milovka entgangen waren. Ihm war, als habe-er endlich den sicheren Hafen erreicht) - als er die Türe des Leib Hamidrasch öffnete und mit. einem leisen„Frieden sei mit Euch" auf einer Bank vor einem Folianten' niedersank, dessen heiliger Text von unzähligen Kommentaren umschrieben erschien: Er sah sich sofort von.. - einem schwirrenden Haufen von alten und jüngeren Männern umringt. , „Welcher Partei gehören Sie an?" rief man ihm von allen Seiten zu. . * * .. -k- . Der Pogrom kam. Aber er kam in einer Form, auf. die selbst David in keiner Weise vorbereitet war. Vielleicht war es eine Folge der dem Gouverneur von dem Rabbi überbrachten Mitteilung, die die Selbstverteidigung lächerlich machte.' Keine Macchiavellistische agents provoeatsurs, keine Schufte mit' falschen grauen Bärten, die die Rolle jüdischer Aufwiegler zu - spielen hatten. Man führte in aller Stille plötzlich die Artillerie in das jüdische Viertel, als ob Milovka eine .feindliche Stadt gewesen wäre. Als die Bomben über den übervölkerten Häusern zu - explodieren anfingen, da sagte sich David mit grimmem Hohn, daß die ökonymische Vorsehung ihn davor bewahrt habe, ... Pistolenschützen auszubilden.' Der bleiche Hauswirt, der verzweifelnd die Hände rang . und seine Widuj (Totenbeichte) hersagte, bot ihm und feinem Geigenkasten ein Versteck im Keller an, aber er zog es vor, auf das Dach zu klettern, von wo aus er mit Hilfe eines kleinen Fernglases ganz, deutlich den Kordon beobachten konnte, der rund um das dem Untergange bestimmte Quartier gezogen war. Eine abprallende Kanonenkugel zerschmetterte den Kamin neben ihm, aber er rührte sich nicht. Sein Blick hing wie fest festgebannt an einer Gestalt, die er unter den Kanonieren erspäht hatte. Es war Ezekiel Leven, den er sich seinerzeit zum Leutnant erkoren, von dem er die Taten eines Judas Makkabäus erhofft hatte. Jetzt trug er die Uniform eines Artilleristen und war mit der Bedienung einer Mitrailleuse beschäftigt. „Armer Ezekiel," rief David, „Dein Schicksal ist das tragikomischste von allen! Aber Du hast vergeffen, daß mir immer ~ noch eine Art der Samooborona zur Verfügung steht." Mit - spöttischem Lachen richtete er seine Pistole gegen die eigene Brust. Und die Kanonen donnerten Stunde um Stunde. Als endlich das Bombardement vorüber war, lag die Ruhe des Teufels über dem Ghetto von Milovka. Nun schwiegen sie alle, die feurigen Redner und Vertreter aller Buchstaben des Alphabets, die polnischen Patrioten, die Zionisten und bie, Anti-Zionisten. Auch die Bürger und Philosophen, die Holz- und' Pferdehändler,, die Bankiers und Bundisten waren verstimmt, Sozialisten und Demokraten, selbst der Zensor, der sorglose Kavait und der fröhliche Chassid, der Wirt mit seinem revolutionären Sohne in seinem verborgenen Keller, der Rabbi in seinem Studierzimmer, die lärmende Menge auf dem^ Markt — sie alle, alle, waren verstummt — verstummt auf immerdar / . . Die gleiche unbedingte historische Notwendigkeit, hatte ihnen allen ein Ende gemacht. 7 ' ' Drück und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. . 7 .. Aerantworillch/für die Redaktion: 'Max Bä.u chtv itz/in.Berlin. ' -i"'