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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-04 · Heft 49 (4.12.1908) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
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„Frauengalerie" der Synagoge nur eine bequeme Ablagerungsstätte des'bösesten Klatsches ist, eine Hut-, Kleider¬ und Schmuckausstellung, beklagtjederder unserem Gottessdienste beiwohnt. Die fo: vielbesprochene Irreligiosität der jungen jüdischen- Frauen .hat einen ihrer Gründe in der traurigen Tatsache, daß unser Gotteshaus der Frau kein? weihevoller Andachtsort ist, sondern ein Stelldichein des häß- - lichsten Tratsches. Mir haben gerade in Karlsbad, geehrter - Herr Rabbiner, viele amerikanische Jüdinnen gesagt, sie gehen da nicht in den Tempel wegen der erschreckenden und störenden Andachtslosigkeit der Frauen; in Amerika, wo Männer und Frauen nebeneinander im Gotteshause sitzen, da herrsche wahre ' Inbrunst und Weihe. . Die zweite Form, die nach meiner Ansicht geändert werden müßte, ist das Beten mit Kopfbedeckung. Bei jedem religiösen Brauche, dessen Erben wir sind, frage ich mich vor allem nach seinem religiösen, ethischen Wert. Ist ein solcher vorhanden, bin ich stets bereit, ihn zu erhalten, so'die Erhaltung n.icht aus unüberwindliche Schwierigkeiten stößt. Welcher Wert liegt in der aus Mißverständnis hervorgerufenen Marotte, ein hebräisches Wort nur bedeckten Hauptes zu sprechen? Ich denke, über die Auswüchse der „Obukkatb-baggoj"-Furcht dürsten wir uns schon endlich hinwegsetzen; heute zieht jeder Jude zum Zeichen der Ehrfurcht den Hut ab, das ist jedem von uns Fleisch und Blut geworden. Daß wir noch immer nicht gelernt haben, im Gotteshause feierliche Ruhe zu bewahren, liegt zum Teil in der alten Tradition, das Haus Gottes als Gemeindestube zu betrachten, zum Teil in der unerträglich langen Dauer des Gottesdienstes und seiner Unverständlichkeit, zum Teil aber auch in der Sitte, bedeckten Hauptes im Tempel zu verweilen. Es gibt Gefühle, die im Unterbewußtsein des Menschen schlummern, die zwar nicht im Zentrum unserer Vorstellungen liegen, aber doch von ihrer peripherischen Lage aus einen ganz bestimmten Einfluß ausüben. Wenn ich bedeckten Hauptes irgendwo bin, verknüpft sich damit unbewußt das Gefühl einer gewissen Ungebundenheit. Man kann sicherlich sehr andächtig sein auch mit dem Hute auf dem Haupte, aber man ist andächtiger mit dem Hute in der Hand. Ich möchte aus der Frage, ob mit oder ohne Kopfbedeckung, keine cause celebre machen, aber ich bin davon überzeugt, .daß wir sie früher oder später alle in meinem . Sinne regeln werden. Wird, der öffentliche Gottesdienst unserer Gemeinden so ausgestaltet, wie ich es hier vor Ihnen ausgesührt habe, dann stat er Zukunft, dann ist er noch zu Großem berufen. Haben unsere „liberalen" Rabbiner nicht den Mut oder nicht den Willen, die Verjüngung durchzusetzen, dann wird unser öffentlicher Gottesdienst immer mehr .verfallen und wankt unaufhaltsam seinem Grabe zu. äUSäläls Ghetto-Komödien. Von I. Zangwill. Samooborona. TO. •t war nur ein Jüngling, aber er bebte vor Unwillen. Er hatte bisher kaum Notiz von allen diesen Parteien genommen, die sein Volk verwirrten, diese lächerlichen kaleidokopischen Verbindungen der russischen und jüdischen Politik r— aber als' er der Gesellschaft dieser Philosophen entflohen' und nun durch die schon dämmerigen Straßen lief, da beb^e jeder Nerv in ihm;' ihm' schien, als ob 'das ganze Alphabet wie Würfel durcheinander geworfen würde, um jedesmal den Namen einer anderen Partei zu bilden. Er hatte den einem nächtlichen Alp ähnlichen Eindruck von wirr mit einander kämpfenden Sekten und streitenden Parteien, die jede-für sich ihre Konzile, Verbindungen, Parteitage arrangierten, sich um Kleinigkeiten balgten und die alle über eine Reihe unermüdlich in allen Sprachen disputierender langweiliger Redner verfügten, die ganze Nächte mit ihren resultatlosen langweiligen und schwülstigen-Reden erfüllten. ' : Nun, es konnte nicht geändert werden. In der schrecklichen Lage, in der sein Volk sich befandwar es vielleicht nicht unnatürlich, daß jeder in seiner Weise nach dem Lichte strebte. Die Russen waren ja gleichfalls in keiner Weise zu beneiden, und vielleicht stammte dieser Ueberfluß von Theorien daher, daß sie keine Annäherungspunkte mit den Juden hatten. Die beiden Völker standen in keiner Beziehung zueinander. Vielleicht lag das Heil der Juden auch wirklich darin, daß sie sich ganz mit Rußland identifizierten. Aber wer konnte wissen,, ob nicht die russischen Patrioten, denen die Israeliten heute als Mitarbeiter willkommen waren, sie nicht, sobald die gemeinsame Sache gewonnen war, mit Hohn zurückstoßen würden? Wer wußte, was da das richtige war? Die armen verwirrten russischen Juden, die sowohl als Juden wie als Russen in Notlage waren, tappten im Dunkeln und suchten vergebens sich der sie von allen Seiten umgarnenden Schlingen.zu entziehen. Parteien waren vielleicht wirklich unvermeidlich, damit mußte er sich abfinden. Wie nun, wenn er ein geheimes Samooborvna-Komitee bildete, das aus Repräsentanten aller Parteien zusammengesetzt war? Aber wie sollte es ihm gelingen, sie alle kennen zu lernen. Außerdem bildeten sich fortwährend neue Parteien, lösten sich wieder aus Und veränderten ihr Aussehen so schnell wie die Wolken des Himmels. Während er über diese Dinge nachsann, hörte er plötzlich die Stimme zweier junger Leute, von denen der eine lebhaft für Gründung einer neuen Partei der Volksfreiheit plädierte — während der andere darauf bestand, daß eine Volksgruppe aller antizionistischen Parteien eine unbedingte historische Notwendigkeit -sei. Er seufzte tief. Was war es denn, was Israel daran verhinderte, sich zu gemeinschaftlichem Handeln aufzuraffen? War sein Volk zu sophistisch, hatte es sich zu sehr in die alte scholastische Bildung vertieft, daß es, sobald der Kampf versucht werden sollte, sich hinter philosophischen Spitzfindigkeiten versteckte? Hatten achtzehn Jahrhunderte des Brütens über dein Talmud es überhaupt iür den Kamps unfähig gemacht, nicht nur weil es die ganze Kraft seines Denkens zu religiösen Problemen verbraucht, sondern vielleicht auch, weil diese religiösen Probleme sich immer nur auf eine Zeit bezogen, in der Israel und sein Tempel in Palästina in Blüte stand? Die akademische Muße; die gewissenhafte Untersuchung, die man ohne Schaden.in den Schulen der toten Vergangenheit widmen konnte, brachte sein Volk nun in die gährende Gegenwart mit bei — Dingen, wo es sich um Tod und Leben handelte. Ja, so war es. Diese neue Generation zerlegte die Logis : des Zionismus oder des Sozialismus mit derselben Spitze findigkeit, mit der die Alten über das Ritual der Brandopfer diskutierten, deren Rauch seit dem 70. Jahre der christlichen Aera nicht mehr zum Himmel aufgestiegen war, oder über dte Entscheidungen der Gaoni m in Babylon, obwohl schon.längst

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