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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-04 · Heft 49 (4.12.1908) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 586 (sequence 10)
Language
German
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Herr Rabbiner, ich will Nicht nur Gliederreißen und den Schutt entfernen, sondern äuch bauen, aüfrichten. > -! Ein weiterer-Uebelstand unseres öffentlichen Gdttesdienstes ist seine allbekkagte lange Dauer.' „In der Beschränkung zeigt -sich der Meistert, der Orientale Hat das nie verstanden. Er häuft die Worte, berauscht sich an ihnen, kleidet einem Gedanken, ein Gefühl .in zehnerlei Formen ein-. Es ist ja ergreifend, wie wir -zum Beispiel in dem sogenannten „lang wehu rächum". Gottes Gnade anflehen, das religiöse Gemüt gerät in'Schwingung bei diesen edlen- Sätzenaber ihre endlose Häufung bringt sie um jede Wirkung auf das Herz eines - europäischen Juden. Die Folge dieser langen Gebete ist, daß sie abgehaspelt werden, daß die Gemeinde sie ohne jede Andacht abliest, ungeduldig, unaufmerksam wirdden Gottesdienst vorzeitig'Verläßt'Und schließlich unbefriedigt äusbleibt. Unsere Alten forderten ^Kawwono „Innerlichkeit" beim Beten. Ich frage Sie,' geehrter Herr Rabbiner, wenn Sie „laug wehu . rachum“ mit wahrer Kawwono beten wollten, wie lange müßte 'der'Gottesdienst am Montag und Donnerstag währen? Und dieser Orientalismus, den wir nicht mehr verstehen, in den wir uns nie und nimmer mehr hineinleben können, durchzieht alle unsere Gebete und Macht den Gottesdienst unerträglich lang. Am Bußfeste und Versöhnungstage Muß unser Sündenbekenntnis aus 22 Worten bestehen, weil das hebräische Alphabet gerade 22 Buchstaben hat, und im ^.1—ebet bekommt siögar jeder Buchstabe zwei Sätze, im „Imru lelaullim" jeder Buchstabe eine ganze Strophe. Fern sei es von mir, damit der religiösen Innigkeit unserer synagogalen Dichter Näherzutreten, aber unser Religionsgefühl verlangt andere Töne, -anderen Inhalt, andere Art: unsere Gebete seien kurz, erhebendvoll Weihe und ungekün stelter Schlichtheit. Der öffentliche Gottesdienst ist aber nicht nur Bekenntnis und Hymne, Dank und Bitte der Gemeinschaft, er ist zugleich Belehrung und Glaubensfestigung. Seit undenklichen Zeiten war dies der Kernpunkt aller gottesdienstlichen Versammlungen, Israels Priester und Propheten sahen darin ihre höchste Ausgabe, ihren heiligsten Beruf. Ezra hat nur im fünften vorchristlichen Jahrhundert diese uralte Sitte kanonisiert, zum Gesetze-erhobenihr eine bestimmte. Form gegeben. Aber wie zeitgemäß hat er das durchgeführt! Er las vor, er allein, und gab dazu die Erklärung. Stünde Ezra heute auf und sähe, was aus seiner Thoraverlesung geworden, er würde über unsere Orthodoxie die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Cs mag ja manches für sich haben, wenn jedes; Gemeindemitglied den Thoraabschnitt verständnisvoll mitlesen und zornig auf das Pult schlagen kann, wie der Vorleser einen grammatikalischen Schnitzer sich zu schulden kommen läßt, aber Belehrung, Erbauung ist das wahrlich nicht. Auch da - zeigte sich das große Unheil des Gesetzmäßigen. Man bemühte sich nicht, die Lehren deS Gelesenen ins Herz zu schließen, sie auf das Seelenleben wirken zu -lassen, Hauptsache 'wurde das - korrekte Lesen: und eine geistreiche Exegese. Doch selbst im Mittelalter waren' viele Gotteshausbesucher unwissende Leute; Frauen, Mädchen, die jüngeren Knaben, sie alle verstanden kein - Wort von dem, was aus. der Thora vorgelesen wurde. Was geschah? Was eben heute noch geschieht und was ich selbst in meiner Kindheit während der Thoravorlesung getrieben habe: die meisten laufen auf den Tempelhof hinaus, um einen gemütlichen Klatsch auszutragen, oder sie sitzen auf ihren Bänken und verwandeln das Gotteshaus in eine Marktbude. Und nun erst heute, in Gemeinden, wo kein einziges Gemeindemitglied mehr des Hebräischen kundig ist, keiner mehr den Pentateuch : vor sich hat! Treibt. man - nicht mit diesem fast sündhaften Beharren die Andächtigen aus dem Gotteshause? Wir muffen unbedingt'auf die Zeit Ezras zurückgreifen. Selbst , der dreijährige Zyklus ist -nicht die' richtige Reform. Die.Th o ua werde a n s geh o b e-n - das Bekenntnis verkündet, der - Rabbiner besteige die Kanzel, lese in der Sprache der £ Gemeinde einen Teil des Thora-Abschnittes vor und / knüpfe d äran die Belehrung. So lange wir uns dieser i Notwendigkeit nicht fügen, diese Radikalkur' nicht' vornehmenbleibt der öffentliche Gottesdienst krank. -; Run komme , ich 7— Sie werden es gewiß schon erwartet c haben — zur Sprache unseres Gottesdienstes. Auch da haben v; uns die Verhältnisse päpstlicher als den Papst gemacht. Ich brauche ja . Ihnen,-geehrter Herr Rabbiner, nicht nachzuweisen, daß unsere Lehrer aus talmudischer Zeit nach dieser Richtung eine Auffassung hatten, über deren Freiheit sich gar viele entsetzten, wenn man sie nur wiederzugeben wägte: sie hatten nichts einzuwenden gegen die Muttersprache im öffentlichen Gottesdienste, wurde nur das Glaubensbekenntnis in der heiligen Sprache verrichtet. Trotz- ' dem gestehe ich, daß außerordentlich viel zugunsten der Beibehaltung des Hebräischen im Gottesdienste der Gemeinde spricht. Di^ Sprache der Bibel, der Propheten muß für alle Zeit das Knochengerüst unseres Gottesdienstes . bleiben, das von Gebeten in der Landessprache nur umsäumt und aüsgefüllt werde; das Hebräische soll auch weiterhin unserem öffentlichen Gottesdienste den Charakter geben. Indem wir aus der Fülle des Vorhandenen nur jene Gebete wählen, die innig und kurz sind, fähig, wirkliche religiöse Gefühle auszulösen, dürste es nicht zu schwer fallen, diese wenigen Gebete schon in der Schule den Kindern derart beizubringen, daß sie unauslöschÜch dem Gedächtnisse erhalten bleiben. Eine treffliche, schöne Uebersetzung möge dafür Sorge tragen, das Vergessene wieder rasch in die Erinnerung zurückzurufen. Ich wiederhole das. bisher «Gesagte. Der öffentliche Gottesdienst der freien Judenheit sei der adäquate Ausdruck.ihres geläuterten Religionsgefühls,: reich an Individualismus und Univers alismus, ein Spiegelbild unserer sittlich-religiösen Ideale. Seine Hymnen und Klagen,, sein Dank und seine Bitte entsprechen unserem religiösen Fühlen: sie seien kurz und erhebend. . Muß und soll ihm auch die heilige Sprache das charakteristische Gepräge. geben, werde die Belehrung durchaus und manche Hymne, manches Gebet in der Muttersprache ab- : gehakten. Daß der öffentliche Gottesdienst, so verstanden, an einem Tage der Woche vollständig ausreicht, daß der tägliche öffentliche Gottesdienst unnötig sei, bekenne ich unumwunden. Ginge es. nach meinem Willen, würde ein öffentlicher Gottesdienst nur an Sabbaten und Festtagen stattfinden. Ja, geöffnet bleibe das Gotteshaus den ganzen Tag. Wenn ich bekümmert, ln Herzensbedrängnis manchmal am Tempel vorübergehe und sehnsüchtig verlange, füv einen Augenblick mit meinem Gott allein zu sein, darf die Möglichkeit dazu mir' nicht verschlossen bleiben, aber der Gottesdienst der Gesamtheit kann an einem Tage der Woche reichliche Befriedigung finden. Noch bin ich mit diesem Kapitel nicht zu Ende, geehrter Herr Rabbiner. Zwei Formen verlangen noch eine dringende Besprechung. Die erste ist die Trennung der Geschlechter im Gotteshause. Mit dieser finn- und zwecklosen orientalischen Sitte, der man 'später den Keuschheitsaufputz geliehen hat, muß endgittig gebrochen werden. Daß auch heute noch die

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