Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
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«^Sie machten, da aus den zwölf Bittbenediktionen zwei Gruppen: ^eine -Persönliche und.eine nationale. Eine sehr geistreiche /; Durchführung, ich gestehe das mit.Vergnügen. Ist sie aber . Mch<wahr? Ich bezweifle es. .Der. öffentliche. Gottes- : Dienst kennt die Person nicht, weder an.Werktagen, noch an,Sabbaten und. Festen, nicht einmal der ./.-.-GotteHdienst. der Buß zeit kennt.eine p ersö-nlich ^Andacht. Er ist national und wollte auch nie etwas - nnde.res sein, für etwas and eres ge h alten w erd en. Und gerade dadurch war er der adäquate Ausdruck für .die Gefühle Der Gesämthe'it auf' dem ganzen Erdenrund; die. politischen Verhältnisse der Juden boten überall den richtigen Resonanzboden für die alten Klagen und Bitten, für die Hoffnungen und Wünsche den Gesamtheit. Wenn daher. Christen, die, wie gesagt, vom Judentums außer einigen Zeremönialgesetzen nur den öffentlichen Gottesdienst kennen, der Meinung huldigen, das : Judentum wäre eine ausschließlich nationale Religion, kann ich ihnen das gar nicht übelnehmen: Das Fehlen fast — ich bitte das Wörtchen „fast" wohl zu beachten — jedes Persönlichen und universalistischen, die ganze Men schheit umfassenden Moments in unserem - öffentlichen Gottesdienste gibt diesem neben der nationalen Sprache das Gepräge des Exklusiven und Nationalen. , n . Aber den Gefühlen der jüdischen Gesamtheit entsprach das vollkommen. Im Hause waltete die persönliche Andacht; da beteten unsere frommen Eltern — ich spreche nicht vom Morgen- und Abendgebet, die verhängnisvollerweise aus dem Gotteshause ins Heim verpflanzt wurden — mit kindlicher Einfalt und Liebe zum-Allvater um Wohlergehen und Wohlfahrt für sich und ihre Familien. Wie sie jedoch das Gotteshaus betraten, war der Individualismus schon verschwunden Und das Gebet vollständig der Gesamtheit überlassen. So bildeten' Fämilienandacht und öffentlicher Gottesdienst eine volle Harmonie, sie ergänzten sich gegen' fettig vortrefflich: das Haus diente dem persönlichen Gottesdienste, der Tempel dem des Stammes. Die 'Sehnsucht nach Befreiung, die ja nur Gott herbeiführen konnte, herbeiführen durch Rückkehr nach dem heiligen Lande der Ahnen, war das Hauptmotiv des öffentlichen Gebetes und umgab Opfer und Jerusalem mit einem Glorienschein, der seine wärmenden Strahlen in das Herz der Bekümmerten sandte, sie erfreut, beglückt und getröstet hat. Wie aber mit der Aenderung der Zeitverhältnisse, der politischen Zustände den Juden Bürgerrechte und Bürgerpflichten verliehen und auferlegt wurden, verloren die Gebete um Rückkehr nach Palästina, um Opfer und Heiligtum Sinn und Bedeutung: Das religiöse Bedürfnis der jüdischen Gesamtheit fand im öffentlichen Gottesdienste keine Befriedigung, und. das Gotteshaus verödete. Die Religion hat doch den Bedürfnissen: des Lebens zu dienen; -sind diese neue geworden, und versteht es die Kirche nicht, ihre alten Formen zu verjüngen, zu ändern, leidet eben .die Religion darunter, nicht das Leben;- denn wenn dieses -nicht in der Religion seine höhere Weihe erhalten soll, wozu soll sie ihm dann? Der öffentliche Gottesdienst hätte also sofort in Harmonie gebracht, werden müssen .mit unseren religiösen Bedürfnissen, seine Macht wäre ungebrochen geblieben. Da es' gar nicht oder nur halb und >zu-spät. geschah, kam - der Verfall- Der.schlechte Gotteshaüsbefuch-läßtnicht auf eine Schwächung des religiösen. Lebens <m sich schließen^ sondern,, auf;,, die Mangelhaftigkeit des öffentl-icheu Gottesdienstes. - Mit * kleinen Kürzungen und Aenderungen, mit .Chor und - Predigtist zweifellos rin Erfolg erzielt worden; - dankbar quittiert' die. Gemeinde durch besseren Besuch das Entgegenkommen/, -das ihr Andachts- und Erbauungsbedürfnis gefunden hat, aber .die rechte Liebe. ist das noch lange nicht; erst wenn unser -öffentlicher Gottesdienstwehr Gewicht legen wird auf Gebete, die das Individuum und die Menschheit umspannen, auf: das .Wesentliche der Religion, auf die Verinnerlichung und Ver- . sittlichung des Menschen, wird die Zahl der Gotteshausbesucher von Jahr zu Jahr steigen. Denn Individualismus und .Universalismus nennt sich das religiöse Gesamtheitsv er langen der. fr e i gewo rdenen I ude n h eit. ■ Die Pflicht der jüdischen Kirche ist es daher, diesem Sehnen zu entsprechen. Nicht nur streichen, nicht nur weglassen-sollenwir die Gebete des exklusiven Nationalismus, an .ihre Stelle müssen wir setzen Gebete, die unsere Herzen erheben, ethische Hymnen, Menschheitsgebete. - Aber auch in anderer Weise muß der Inhalt der Gebete unserem heutigen Religionsgefühl entsprechen: sie müssen Rech nun g tragen der geläuterten Gottesauffassung, die. heute jedem g ebild ete n und d enken dien Me ns ch en eigen ist. Ein Beispiel./ Wir haben im öffentlichen Gottesdienst das dreiteilige Schema, wie es von früher her-genannt ist. Welcher „liberale" Rabbiner hätte den Mut, offen zu bekennen : so erhaben, fo göttlich auch der erste Teil des „Schema" fei, so wenig entsprechen die beiden anderen Teile einer wahrhaft innerlichen Religiosität. Das Lohn- und Strafprinzip/ ist ja unausrottbar den Herzen der Massen eingeprägt, ah er eine Strafandrohung, wie sie der. zweite Teil des „Schema" enthält, ann nicht religiös vertiefend wirken, abgesehen davon, daß uns Juden, die wir keine Ackerbauer mehr sind und wohl auch nie wieder sein werden, das Ganze an und für sich kalt lassen muß. Noch eigentümlicher wirkt der dritte Teil. Ich glaube, daß heute , selbst der größte Mystiker, der verzückteste Chasid nicht imstande ist, bei Betrachtung der Schaufäden an die Gebote Gottes zu denken. Keine Religion kann der Symbole entrüten; je religiöser der Mensch, um so geneigter ist er zu symbolisieren, und alten Religionsbräuchen durch apologetisches Symbolisieren neues, junges Leben einzuhauchen, ist nur recht und billig, aber ich. meine, das Schaufädengebot vermag dem modernen Menschen jede religiöse Stinunung zu rauben. Wie soll ich mein Herz zu Gott erheben,, wenn ich meine Augen auf die von Schmutz schwarz gewordenen Schaufäden gerichtet haben soll? Und doch werden wahrscheinlich auch Sie, geehrter Herr Rabbiner,. aufs energischeste „nein" sagen, wenn ich Ihnen den Antrag stellen wollte, mit diesem Reste aus vorsintflutlichen Zeiten für den öffentlichen Gottesdienst endlich aufzuräumen. — Ein zweites Beispiel: das 7 beberühmte „Os joschir“, das Siegeslied aus Lxoäus 15. Ein gewaltiger Gesang, einer der schönsten, der aus alten Zeiten zu uns herübertönt. Ist er - aber geeignet für religiöse Verinnerlichung? Hebt er mein ethisches Bewußtsein, meine Liebe zum Allvater, zu meinen Nebenmenschen? Wer. wollte-das bejahen? Ich bin überzeugt, der gesamte liberale Rabbinerverband meines deutschen Vaterlandes fühlt sein Herz zu Wasser werden, wenn ich bekenne, dieser Siegesgesang habe in meinem Gottesdienste keinen Platz. Von den 150Psalmen, die unser kostbares Religionsgut sind, haben wir die edelsten .und religiösesten in unseren Ritus nicht ausgenommen. Unsere Väter suchten sich die nationalen Psalmen > für ihren öffentlichen Gottesdienst . aus, sie Hab en gut daran getan;/ wir brauchen die ethischen und sollten so schnell als möglichdiesen (den ihnen, gebührenden Raum .geben. Sie.sehen, .geehrter