Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-11-27 · Heft 48 (27.11.1908) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 48 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228847--65116-3277211
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

;72/Jahrgang. Nr. 48. Berlin, 27. November 1908. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". Lorrrlpondm?ett und Kachrichten. Deutschland. s. Berlin, im November. In der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen" sprach Rabbiner Dr. Warschauer über: Aufgabe und Anlage einer Schulbibel unter besonderer Berücksichtigung der Auerbachschen Schul- und Hausbibel. Der Vortragende ist kein Freund der Vereinigung von Schul- und Hausbibel, da die beiden Zwecke ganz verschiedene Formen bedingen. So wünschenswert die Lektüre der Bibel im Hause sei, so notwendig sei es, daß eine Vorbereitung für diese Lektüre geschaffen werde, um dem Lehrer zum rechten Gesichtspunkte der Bibel gegenüber zu verhelfen. Dazu müsse ein fortlaufender Kommentar dargeboten werden. Jedem Buche müsse eine literaturgeschichtliche Einleitung vorausgeschickt werden, es müsse ein Blick auf die andern asiatischen Religionen geworfen, eine kurze Auseinandersetzung über das Verfahren der hebräischen Poesie und z. B. beim Buche Hiob ein Leitfaden zum Verständnis des ganzen Buchet gegeben werden. Die Bibel für das Haus müsse Volksbibel sein, dagegen diejenige für die Schule nur eine Auswahl bieten. Für die verschiedenen Teile kämen verschiedene Gesichtspunkte in Betracht. Wenn wir den Kindern die erzählenden Bestandteile des Pentateuch noch einmal bieten, so müssen wir dessen eingedenk sein, daß die Kinder inzwischen in jeder Beziehung Fortschritte gemacht haben, und darum müssen wir uns fragen: Was müffen wir aus sachlichen Gründen noch einmal besprechen? Von welchen Stücken dürfen wir hoffen, daß ihre Schönheit den Kindern aufgehen wird? Für den geschichtlichen Teil der Propheten gilt dasselbe wie für den Pentateuch: Das verdient Berücksichtigung, was religiös und sittlich bedeutsam ist. Von den. prophetischen Reden sind die zu wählen, welche jeden einzelnen Propheten in seiner Eigenart und Ideenwelt charakterisieren, und alles, was diese Männer, die wie alle Heroen auf den ersten Blick für die Jugend etwas Fremdes haben, persönlich näher bringen. Bei den Hagiographen stehen die sittlich schönsten und ästhetisch bedeutungsvollsten Stellen im Vordergrund. Die Auerbachsche Bibel, die den Versuch gemacht hat, ein Hilfsmittel für Haus und Schule zu sein, sei eine respektable Leistung. Vom Standpunkte der Schulbibel aus betrachtet, gebe sie zu viel, anderseits fehlen bekannte Stellen. Im ganzen aber könne die Auswahl als eine glückliche bezeichnet werden. In bezug auf Sprache sei sie die weitaus beste, doch werde sie, wie Stichproben aus Psalmen dartun, nicht immer an Kraft und Schönheit dem Original gerecht. Bei einer Neubearbeitung sei die ursprüngliche Anordnung der biblischen Bücher wieder herzustellen, und könnten die Apokryphen schon aus apologetischen Gründen erweitert werden. — Auf Vorschlag des Vorsitzenden faßte die Diskussion die drei Punkte ins Auge: Anordnung. Ergänzung und Texirevision der Auerbachschen Bibel. Eine das Ergebnis der Diskussion feststellende Resolution wurde dem Verleger der Bibel zugesandt. Ueber den folgenden Vortrag des Herrn Direktors Dr. Gutmann berichten wir ein andermal. 22 Berlin, 15. November. Am 10. d. Mts. fand im Restaurant von Breslauer, Königstraße, eine vom Verband.der Synagogen- Vereine einberufene, sehr stark besuchte Versammlung aller Vorstände der Privatgemeinden statt. In derselben wurde unter anderem über die mißlichen Verhältnisse der Vereine berichtet, welche trotz größter Opfer ihrer Mitglieder mit ständigen Geldverlegenheiten zu kämpfen haben, trotzdem ihr Fortbestehen infolge mangelnder Gemeinde-Synagogen eine dringende Notwendigkeit, namentlich in den Vororten und an der Peripherie ist. Die Subventionen sind so karg bemessen, : daß weder eine würdige Ausstattung der Synagogen, noch eine angemessene Honorierung der Beamten und Lehrer erfolgen kann. Nach eingehender Debatte, in welcher diese Uebelstände von allen Seiten anerkannt wurden, beschloß die Versammlung der Gemeindeverwaltung in einer Denkschrift diese Verhältnisse klarzulegen und um Abhilfe zu bitten. Die Berücksichtigung dieser Bitte ist um so eher zu erwarten, als bekanntlich alle Parteien vor den Gemeindewahlen eine ausreichende Subventionierung der Religionsvereine in ihrem Programm ausgenommen haben und nun zeigen könnten, daß sie diesen Programm- Punkt erfüllen wollen. . Berlin, 16. November. In einer vom „Neuen jüdischen Gemeinde-Verein" veranstalteten öffentlichen Versammlung sprach am 12. d. M. in der Bötzow-Brauerei Herr Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee über „Die Berliner Jüdische Gemeinde wie sie ist und wie sie werden muß". .Redner,bezeichnete die Gemeinde als einen Verwaltungsapparat, von dem man nicht einmal sagen könne, daß er gut funktioniere. Denn wie unter anderem die Mißstaude an den hohen Festtagen beweisen, sei es nicht gelungen, für genügend würdige Betstätten zu sorgen. Nicht besser stehe es mit dem Religionsunterricht, für den nicht genug Schulen uud qualifizierte Lehrkräfte vorhanden wären. Mit diesen Aufgaben des Kultus seien aber die Forderungen an die Gemeinde noch lange nicht erschöpft. Redner hält es für die vornehmste Pflicht gerade der Berliner Gemeinde, den Kampf gegen das Judengesetz von 1847 mit aller Energie aufzunehmen. Unter den gegenwärtigen rechtlichen Verhältnissen sei aber die Gemeinde als die größte jüdische Organisation in Deutschland auch berufen, eine umfassende jüdisch-soziale Wirksamkeit auszuüben. Tätige Mitarbeit an dem großen Problem der Judenwanderung, ausgedehnter Arbeitsnachweis, Gründung eines Volksbauses, Schaffung von Herbergen usw. seien einige Aufgaben aus dem sozial-politischen Programm, dessen Erfüllung Herr Dr. Klee unter dem stürmischen Beifall der Versammlung von der Gemeinde forderte. Dem ausgezeichneten Vortrag folgte eine angeregte Diskussion. Mehr als fünfzig Gemeindemitglieder schlossen sich dem jungen Verein an. (Wir haben diese beiden Berichte hintereinander abgedruckt, nicht etwa, als ob wir mit den darin ausgesprochenen Forderungen übereinstimmten, sondern nur, um zu zeigen, wohin die Forderungen der Gegner der Gemeinde-Verwaltung eigentlich gehen. Die Subventionen für die Privat-Vereine nehmen bereits einen sehr großen Posten des Budgets ein und wachsen immer mehr an. Wie man aber behaupten kann, daß es der Gemeinde nicht gelungen sei, „würdige Gebetstätten" für die hohen Feiertage zu finden, ist uns geradezu unbegreiflich. Die Redaktion.) Berlin, 25. November. Den sechzigsten Geburtstag feierte am 21. d. M. Max Albert Klausner, der Sekretär der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israeli te in Berlin. Eine an Kämpfen und Erfolgen reiche publizistische Tätigkeit hat ihn weithin bekanntgemacht, und ein fruchtbares, hohen Zielen zugewandtes schriftstellerisches Werk hat ihm literarische Geltung verschafft. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab M. A. Klausner eine fortschriitliche Korrespondenz heraus, die durch ihre Vertretung wesentlichen Einfluß übte und die, neben charaktervoller Vertretung demokratischer Grundsätze, namentlich in der Kulturkampfzeit gegen eine Ausnahmegesetzgebung, für ungeschmälerte Religionsfreiheit der Katholiken mit Wärme eintrat. Was Wunder, daß ein gleiches Rechtsgefühl ihn auf den Kampfplatz trieb, als zu Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine lärmende Gassenpropaganda die Feindseligkeiten gegen das Judentum begann, dem er selbst in wachsenderLiebe sich zugehörig fühlte. Ununterbrochengegen den Antisemitismus im Felde stehend, hat er unzähligen polemischen Aussätzen mit aller Schärfe der Logik, mit aller Schärfe der Dialektik gegen den Widersinn des Antisemitismus angekämpft. Hatte er schon vordem in. einigen Uebersetzungen ein verfeinertes Sprachgefühl und eine sichere Beherrschung des Verses bekundet, so wandte er nun einen von Liebe befeuerten Ueberfetzerfleiß einer Uebertragung der. poetischen Partien der Bibel zu. Seine in drei Bänden gesammelten Umdichtungen der Psalmen, der Sprüche Salomouis, des hohen Liedes usw. zeichnen sich durch treues Anschmiegen an das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.